31.10.2020

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Foto: Nordkirche.de

Kulturgut bleibt zersplittert

Auf ein Wort, Herr Bischof!

Das Nordkirchenarchiv wird nicht in Greifswald vereinigt, wieder geht ein Stück Pommern verloren

Hans-Gerd Warmann
03.10.2020

In der „Mecklenburgischen & Pommerschen Kirchenzeitung" lese ich in einem Beitrag des „Evangelischen Pressedienstes" (epd), „wegen der coronabedingten Kirchensteuereinbrüche wird die Greifswalder Außenstelle des landeskirchlichen Archivs der Nordkirche nicht wie geplant ins künftige Pommersche Archivzentrum in Greifswald einziehen. Die Kirchenleitung könne den Beschluss für eine Kooperation des Landeskirchlichen Archivs mit dem Pommerschen Landesarchiv und dem Stadtarchiv Greifswald nicht aufrecht erhalten, teilte die Nordkirche mit.

Die Nordkirche hätte sich den Angaben zufolge mit Investitionskosten von gut 1,1 Millionen Euro beteiligen müssen. Hinzu kämen noch anteilige Kosten für das Grundstück und die Verbindung zu dem im Bau befindlichen Stadtarchiv. Nach einer Schätzung vom Juni rechnet die Landeskirche nur noch mit 470 Millionen Euro Kirchensteuereinnahmen in diesem Jahr statt der im Haushalt eingeplanten 536 Millionen Euro.

Nach einem Beschluss der Kirchenleitung sollen nun der Archivstandort Kiel und seine Außenstelle in Schwerin aufgewertet werden. Die Nutzung der Archivbestände und die wissenschaftliche Forschung sollen jedoch in Kiel, Greifswald und Schwerin sichergestellt werden".

Für den Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis und die Region ist dieser Beschluss meines Erachtens nicht nur verhängnisvoll, sondern eine echte Katastrophe. Nicht nur kirchengeschichtlich ist die Zersplitterung wichtiger und kostbarer Dokumente der pommerschen Kirchengeschichte für die wissenschaftliche Forschung ein Zustand, der den bisherigen Stand der Dinge festigt oder sogar noch verschlimmert.

Außerdem ist die Verwirklichung nach den neuesten Planungen auch aus politischen Gründen unmöglich. Es geht meines Erachtens wieder ein bedeutsames Stück Pommern verloren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Provinz Pommern von den Siegermächten zerschlagen. Die Hälfte des Landes mit der Hauptstadt Stettin wurde unter polnische Verwaltung gestellt. Die Überreste des einst zu Preußen gehörenden Landesteils wurde in der sowjetischen Besatzungszone von Mecklenburg aus regiert. Als die DDR gegründet wurde, tauchten die Länder nicht mehr auf. Der Name Pommern sollte endgültig aus der Geschichte verschwinden und das restpommersche Land verschwand unter den Namen der Bezirke Rostock, Schwerin und Brandenburg. Die Evangelische Pommersche Landeskirche musste ihren Namen ändern.

Nach der Auflösung der DDR entstand das neue Land Mecklenburg-Vorpommern. In der vergrößerten Bundesrepublik Deutschland ging die „Entpommerung" weiter. Schwerin wurde Landeshauptstadt und die pommerschen Landesteile werden bis heute weiter stiefmütterlich behandelt. Die Pommersche Landeskirche wurde in die Nordkirche integriert.

Nun soll das Archivgut der pommersche Kirche in Schwerin gelagert werden. Wie von epd weiter verlautet, „lagern rund 2oo laufende Meter pommersches Archivgut in Schwerin. Dabei handelt es sich um den zentralen Aktenbestand des früheren Konsistoriums der Pommerschen Evangelischen Kirche aus der Zeit von etwa 1945 bis 2012. Das künftige Archivgut der Nordkirche wird in Kiel übernommen. Deshalb soll dort die zusätzlich benötigte Archivfläche von etwa 400 laufenden Metern reaktiviert werden. Das wird voraussichtlich rund 640 000 Euro kosten. Ein weiterer Baustein des Gesamtkomplexes ist die digitale Aktivierung des Archivgutes."

Kirchenwissenschaftler sprechen sich für Greifswald aus

Diese Planung halte ich als evangelischer Pommer, der am 19. Juli 1931 in der Evangelischen Kirche von Pommerensdorf (Kreis Randow) getauft wurde, für einen falschen Schritt und verhängnisvoll für Vorpommern. Der geplante Abzug von pommerschem Archivgut wird von Forschern und Kennern der pommerschen Kirchengeschichte nicht gut geheißen sondern verurteilt. Der Kirchenhistoriker Professor Thomas Kuhn von der Universität Greifswald hält diesen Schritt für eine Katastrophe. Haik Porada, ein Regionalforscher von der Historischen Kommission Pommern, nennt diesen Schritt einen Affront. Auch der Pommersche Evangelische Kirchenkreis übt heftige Kritik an diesem Beschluss. Noch vor einem Jahr hieß es von Seiten der Kirchenleitung, die Nordkirche wolle sich am Bau und Betrieb eines Archivzentrums unmittelbar neben dem neuen Stadtarchiv in Greifswald beteiligen.

Die Benutzer dieser Institution hätten dort pommersches Archivmaterial von Stadt, Land und Landeskirche an einer Stelle vorgefunden, zum Beispiel nicht nur Kirchliches von 1945 bis 2012, sondern auch Archivgut aus Vorkriegszeiten – erschlossen von Archivaren und zugänglich für jedermann. Nun steigt die Nordkirche aus, weil die Corona-Pandemie sie dazu zwinge. Ist dieser Grund vielleicht vorgeschoben? Haik Porada bemerkt, dieser Beschluss sei eher „der Gipfel jahrzehntelanger Vernachlässigung des pommerschen Gedächtnisses". Endlich sollte das zersplitterte Archivgut der Pommeschen Kirche (2oo Meter in Schwerin, 5oo Meter in Hamburg) in der vorpommerschen Stadt Greifswald an einer Stelle zusammengefasst werden.

Viele Forscher und Studenten sind nach diesem unerwarteten Schritt der Meinung: „Das Vertrauen in die Nordkirche ist hin!"

Pommernforscher, so der ehemalige Pressesprecher der Pommerschen Landeskirche Rainer Neumann, fühlen sich an der Nase herumgeführt und betrogen. Weiter war zu erfahren, dass das Landeskirchenarchiv Kiel zwar eine Außenstelle in Greifswald behalte, es bleibe jedoch keine landeskirchliche Akte vor Ort. Nutzer sollen, wie in der „Kirchenzeitung" vermerkt, Akten aus Schwerin zur Anlieferung nach Greifswald bestellen können. Infrastruktur wolle man schaffen.

Gibt es wirklich keine Möglichkeit mehr, die Pläne der Nordkirche zu ändern? Auf ein Wort, Herr Bischof! Theoretisch besteht doch die Möglichkeit, dass die Landessynode die verhängnisvolle Entscheidung der Nordkirche verurteilt und aufhebt. Die Mehrheit der Synodalen müsste den Mut haben, das Geld trotz aller Schwierigkeiten in den Haushalt einzustellen. Das wäre ein großer Schritt für die Pommernforschung- und arbeit.



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