21.04.2024

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Astronomie

Aus Dankbarkeit versetzt

Erasmus Reinhold verlegt 1551 den Nullmeridian von Wittenberg nach Königsberg

Wolfgang Kaufmann
10.09.2023

Der griechische Astronom Hipparchos von Nicäa entwickelte zur Mitte des 2. Jahrhunderts vor Christi die bahnbrechende Idee, Positionen auf der Erdoberfläche mit Hilfe der geographischen Breite und Länge zu beschreiben. Dazu musste er einen Nullmeridian festlegen, von dem aus die Längengrade nach Osten und Westen gezählt werden. Für Hipparchos war es logisch, dass dieser Nullmeridian über die Insel Rhodos führte, wo sein Hauptbeobachtungsort lag. Doch damit konnte er sich nicht durchsetzen: Etwa 300 Jahre nach ihm verschob das Universalgenie Claudius Ptolemäus den Nullmeridian an die westlichste Grenze der bekannten Welt. Das war damals die kanarische Insel El Hierro beziehungsweise Ferro. Ptolemäus' Ferro-Meridian bekam allerdings später Konkurrenz, als die Araber den Nullmeridian im Jahre 1075 durch einen Landstreifen in der Nähe Bagdads legten und Kolumbus 1492 von den Kanaren aus nach Amerika segelte.

Im Jahre 1551 wiederum erschienen dann im Tübinger Verlag des Ulrich Morhard die „Prutenicae Tabulae Coelestium Motuum“ (Preußischen Tafeln der Himmelsbewegungen), deren Verfasser Erasmus Reinhold es für angebracht hielt, dass der Nullmeridian genau durch Königsberg geht. Reinholds Tafeln waren ein astronomisches Tabellenwerk zur Vorherberechnung der Standorte von Sonne und Mond sowie aller damals bekannten Planeten. Sie lösten die Alfonsinischen Tafeln ab, die bereits zwischen 1252 und 1270 auf Befehl von König Alfons X. von Kastilien und León von den jüdischen Gelehrten Jehuda Ben Mose und Isaak Ben Sid in Toledo zusammengestellt worden waren und im Laufe der Jahre immer ungenauere Werte lieferten. Dass der Magister der sieben Freien Künste und Professor für höhere Mathematik an der Universität Wittenberg Reinhold hier präzisere Angaben machen konnte, resultierte maßgeblich aus seiner Hinwendung zum Kopernikanischen Weltbild, in dem nicht mehr – wie bei Ptolemäus – die Sonne um die Erde kreist, sondern alle Planeten einschließlich des unsrigen sich auf Bahnen um die Sonne bewegen.

1970 fand der kürzlich verstorbene US-amerikanische Wissenschaftshistoriker Owen Gingerich ein Exemplar des Erstdruckes der Kopernikus-Schrift „De revolutionibus orbium coelestium“ (Über die Umlaufbahnen der Himmelssphären) aus dem Jahre 1543, das ganz offensichtlich Reinhold gehörte und zahlreiche Randbemerkungen in seiner Handschrift aufweist. Auf der Grundlage der Aussagen des Arztes, Astronomen und Domherrn des Fürstbistums Ermland Kopernikus berechnete Reinhold zwischen 1544 und 1549 die Bahnelemente der Himmelskörper neu. Dabei legte er in seinem 1550 erschienenen Tabellenwerk „Ephemerides duorum annorum 50. et 51.“ (Ephemeriden für die zwei Jahre 1550 und 1551) noch einen Nullmeridian durch Wittenberg zugrunde. Danach trat dann Herzog Albrecht in Preußen als Gönner und Sponsor des Forschers auf den Plan.

Der Angehörige der fränkischen Linie der Hohenzollern hatte ab 1511 als 37. Hochmeister des Deutschen Ordens in Preußen fungiert und war dann 1525 zum reformierten Glauben übergetreten. Danach wandelte er mit dem polnischen König den Deutschordensstaat in ein erbliches Herzogtum um. Albrecht förderte das Schulwesen und die Wissenschaften, wozu nicht zuletzt die Gründung der nach ihm benannten Universität in Königsberg gehörte. Außerdem stellte er auch das Geld für die Herausgabe der neuen astronomischen Tafeln des Wittenberger Gelehrten Reinhold bereit. Daher zog dieser den Nullmeridian in seinem Tabellenwerk aus Dankbarkeit gegenüber Albrecht durch Königsberg und wählte darüber hinaus den Titel „Preußische Tafeln“.

Albrecht in Preußen als Gönner
Allerdings trübte sich das Verhältnis zwischen dem Herzog und dem Astronomen nach 1551 sehr schnell ein, weil es unerquickliche Auseinandersetzungen über finanzielle Fragen gab. Diese endeten, als Reinhold im Februar 1553 an der Schwindsucht starb. Seine Tafeln gerieten deswegen aber nicht in Vergessenheit, was auch aus drei Nachdrucken in den Jahren 1562, 1571 und 1585 resultierte.

Der von Reinhold ins Spiel gebrachte Nullmeridian durch Königsberg blieb so lange in der Wissenschaft gebräuchlich, wie die „Preußischen Tafeln“ Geltung hatten, also bis 1627. Dann wurden sie durch die noch genaueren „Tabulae Rudolphinae“ von Johannes Kepler und Tycho Brahe ersetzt, die auf Anweisung von Kaiser Rudolf II. entstanden waren. Nunmehr ging der Nullmeridian durch Rom. Aber auch diese Festlegung sollte keine endgültige sein.

Bereits 1634 dekretierte der französische König Ludwig XIII. die neuerliche Verlegung nach Ferro. Angesichts der dadurch erzeugten Verwirrung empfahl der Geograph und Universalgelehrte Johann Gottfried Gregorii alias Melissantes 1708 eine weltweite Vereinheitlichung des Nullmeridians. Das hierzu nötige Abkommen wurde jedoch erst am 13. Oktober 1884 auf der Internationalen Meridian-Konferenz in Washington geschlossen. Seither führt der Nullmeridian mitten durch das Royal Greenwich Observatory im Südosten der britischen Hauptstadt London.


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