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Kultur

Aus dem Schatten herausgetreten

Novi Sad, Kaunas und Esch an der Alzette sind dieses Jahr europäische Kulturhauptstädte – Alle drei sind nur die Nummer zwei im Land

Andreas Guballa
12.02.2022

Die Corona-Pandemie hat einiges durcheinandergewirbelt. Ursprünglich sollte Novi Sad mit den Städten Temeswar in Rumänien und Eleusis in Griechenland schon 2021 Kulturhauptstadt Europas werden. Während Temeswar und Eleusis auf 2023 verschoben wurden, teilt sich Novi Sad dieses Jahr den Titel mit Kaunas in Litauen und Esch an der Alzette in Luxemburg. Alle drei haben immerhin etwas gemeinsam: Sie sind jeweils die zweitgrößten Städte ihres Landes und stehen damit im Schatten der Hauptstädte Belgrad, Wilna und Luxemburg.

Novi Sad – Stadt der Brücken

Die Stadt an der Donau mit ihren 340.000 Einwohnern bietet kulturelle Vielfalt und gilt als Schmelztiegel der Kulturen und Religionen. Seit Jahrhunderten herrscht ein friedliches Miteinander zwischen Anhängern der serbisch-orthodoxen und katholischen Kirchen sowie Moslems und Juden. Das Motto der Kulturhauptstadt lautet dementsprechend „Kaleidoskop der Kulturen“.

Bis 1918 war Novi Sad, deutsch auch Neusatz genannt, Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie. Die Architektur ist bis heute davon geprägt. Doch auch andere Folgen der Geschichte sind sichtbar: die kommunistischen Zeiten im ehemaligen Jugoslawien, die Balkankriege und schließlich die Zerstörung aller Brücken durch das NATO-Bombardement in den 1990er-Jahren. Die Brücken sind wiederaufgebaut, sie stehen auch für das Verbindende.

Apropos Brücken: Sie spielen im Programm der Kulturhauptstadt eine wichtige Rolle. Das Motto „Vier neue Brücken“ spielt auf Programm-Brücken an, die unter anderem für „Liebe, Hoffnung, Regenbogen, Migration und Zukunft Europas“ stehen. Ein vielfältiges Publikum soll damit angesprochen werden. Neben der Kultur hat Novi Sad viele andere Attraktionen zu bieten: eine lebendige Fußgängerzone, eine Mischung aus Galerien, Geschäften und Cafés. Bekannt ist die Stadt auch für ihre Festivals. Jedes Jahr finden mehr als 200 Veranstaltungen statt, darunter das bekannte Musikfestival EXIT.

Kaunas – das Herz Litauens

Kaunas liegt im Zentrum Litauens am Zusammenfluss von Neris und Memel. Ihre 315.000 Einwohner bezeichnen ihre Stadt daher auch als „Herz Litauens“. Durch seine geographische Lage und gute Verkehrsanbindung hat sich Kaunas, das nach Wilna 2009 als zweite Stadt in Litauen den Titel Kulturhauptstadt Europas trägt, mit der Zeit zu einem wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Drehkreuz für Litauen entwickelt.

Die historische Altstadt ist das Herz von Kaunas. Im Stadtkern ist ihr Wahrzeichen zu finden: das Rathaus. Es wurde von 1542 bis 1562 erbaut. Durch seine hohe und weiße Gestalt wird es umgangssprachlich auch „Weißer Schwan“ genannt. Gotik und Barock haben in Kaunas ihre Spuren hinterlassen. Aber auch die einzigartige modernistische Architektur fällt auf. Sie entstand, als Kaunas von 1920 bis 1940 die Hauptstadt Litauens war. 6000 Gebäude wurden in dieser Zeit errichtet – in kaum einer anderen ähnlich großen Stadt der Welt gibt es so viele Bauten aus dieser Epoche.

Kaunas steht aber auch für die Traumata des 20. Jahrhunderts: Sowjetherrschaft und deutsche Besatzung. 30.000 litauische Juden wurden Opfer des Holocaust. Auch diese Themen will die Kulturhauptstadt rund 30 Jahre nach der wiedererlangten Unabhängigkeit Litauens aufgreifen. Dafür bietet man ein Großaufgebot von 4000 Künstlern an, darunter sind auch bekannte Namen wie die serbische Performance-Künstlerin Marina Abra­mo­vić oder die John-Lennon-Witwe Yoko Ono.

Esch an der Alzette – Herz Europas

Der Süden Luxemburgs ist geprägt durch eine hohe kulturelle Diversität, da sich hier viele Einwanderer angesiedelt haben. Mit der Entdeckung von Eisenerzvorkommen begann für Esch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der industrielle Aufschwung. Menschen aus anderen Ländern, vor allem Italien, kamen in die Region, um in der Eisen- und Stahlindustrie zu arbeiten.

Ab Mitte der 1970er-Jahre wurde Esch wie die anderen Städte in der Region von der Stahlkrise hart getroffen. Die Bergwerke sowie die meisten Hütten mussten schließen. Dank des Strukturwandels entwickelte sich Esch an der Alzette zu einer modernen Stadt. Besonders sichtbar wird das im ehemaligen Industriegebiet Belval: In dem Viertel wurden in den vergangenen zehn Jahren die Hochöfen restauriert und in ein modernes Stadtviertel inte­griert. Dort finden sich heute Start-up-Unternehmen, neue Wohnanlagen und die Universität.

Esch-Belval bildet das Zentrum der Kulturhauptstadt. Das Programm der mit knapp 36.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Luxemburgs steht unter dem Motto „Remix Culture“, das die Geschichte einer Region erzählen will – von der Stahlindustrie bis ins digitale Zeitalter. Im Angebot enthalten sind Theater- und Tanzaufführungen, Ausstellungen, Performances, Workshops und digitale Kunst. Und das sogar grenzübergreifend: Von den 19 Gemeinden beteiligen sich elf in Luxemburg und acht in Frankreich. Damit will die Stadt den Mix aus Kulturen in der Region präsentieren, aber auch die alte Industriekultur mit Neuem verbinden.

• Internetauftritte Kaunas: www.kaunas2022.eu/en/ (auf Englisch), Novi Sad: www.novisad2022.rs/en (auf Englisch), Esch: www.esch2022.lu/de (auf Deutsch)



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