22.10.2021

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Vorpommern

Beeindruckender Eiszeitzeuge in Altentreptow

Granitriese wirkt, als sei er gerade erst hingerollt worden

Karl-Heinz Engel
19.06.2021

Eine Sehenswürdigkeit zu bieten hatte das vorpommersche Städtchen Altentreptow mit seinem 133 Kubikmeter umfassenden und 400 Tonnen schweren Großen Stein schon immer. Der Eiszeitzeuge nahm auf der Liste der mächtigsten deutschen Festlandblöcke einen Platz weit oben ein. Nachdem der bis zur Hälfte im Erdreich versunkene Koloss unlängst während einer aufsehenerregenden Aktion freigelegt und gehoben wurde, offenbart er nun sein wahres Antlitz. Experten korrigierten die bisher angenommenen Maße dann auch um 20 Kubikmeter Rauminhalt und 65 Tonnen Masse deutlich nach oben. Mit diesen Werten erreicht das Naturdenkmal etwa die Mächtigkeit des Kleinen Markgrafensteins in den Rauener Bergen südöstlich von Berlin. Der hat den Ruf, der mächtigste auf dem deutschen Festland zu sein.

Möglicherweise übertrifft sein vorpommerscher Konkurrent ihn aber. Die abschließenden Berechnungen durch den geologischen Dienst in Mecklenburg-Vorpommern stehen nämlich noch aus. Dessen ungeachtet beeindruckt der nun zu ebener Erde liegende, aber wie gerade erst hingerollt wirkende Brocken in der Nähe des Altentreptower Klosterbergs Schaulustige ungemein.

Von Bornholm nach Pommern

Als Attraktion galt der hellrotgrau gefärbte Granitriese, den Eiszeitgletscher vor rund 20 000 Jahren aus den Gestaden Nordbornholms südwärts verfrachteten, schon, nachdem das wissenschaftliche Interesse an Naturdenkwürdigkeiten geweckt worden war. Geologen, Maler und Postkartenfotografen machten ihm ihre Aufwartung, ganz davon abgesehen, dass er auch den dereinst in der Region ansässigen wendischen Tollensern als Kultstätte gedient haben dürfte. Man erzählte sich Sagen und Legenden über seine Herkunft und führte ihn in Fremdenverkehrs- und Naturführern auf. Aus Anlass von Otto von Bismarcks 100. Geburtstag verliehen ihm die Altentreptower am 1. April 1915 den Namen Bismarckstein. Eine Reliefplatte mit dem Bildnis des Eisernen Kanzlers zierte fortan den ungewöhnlichen Block. Allerdings nur bis Ende der 1950er-Jahre, als Sicherheitsorgane das Bismarck-Andenken tilgten und der Findling nur noch Großer Stein genannt werden durfte.

Alter Schwede in Hamburg

Die Idee, den Klotz zu heben und damit als touristische Sehenswürdigkeit besser zur Geltung zu bringen, ist seit längerer Zeit im Altentreptower Rathaus erörtert worden. Beispiele dafür, wie das gelingen kann, sind vor allem aus westlichen Bundesländern bekannt. Zu nennen ist etwa der 350 Tonnen schwere Stein von Tonnenheide bei Minden an der Weser, der seit 1981 mitten im Ort seinen Platz hat.

Der 220 Tonnen wiegende „Alte Schwede“ von Hamburg war 1999 bei Baggerarbeiten tief im Elbegrund entdeckt und auf spektakuläre Art geborgen worden. Er thront seither auf dem Badestrand von Övelgönne. Warum sollte das nicht auch in Altentreptow möglich sein, sagten sich die dortigen Kommunalpolitiker. Eine Spezialfirma nahm das Projekt schließlich im Beisein zahlreicher Zaungäste in Angriff.

Allergrößter Findling in Groß Tychow in Hinterpommern

In Vergessenheit geraten sollte darüber aber nicht, dass der allerallergrößte Festlandfindling im südlichen Ostseeraum ebenfalls ein alter Pommer ist. Er ruht auf dem Friedhof von Groß Tychow, heute Tychowo, etwa 20 Kilometer südöstlich von Belgard entfernt. Dessen Volumen wird auf sage und schreibe 700 Kubikmeter geschätzt, womit er der gewaltigste Stein Polens ist.

Ähnlich dem Altentreptower steckt auch er tief im Erdreich. Probeschachtungen reichten um 1890 bis in vier Meter Tiefe, scheiterten dann aber am immensen Aufwand weiter vorzudringen. Würde man auch ihn freilegen und heben, was sich wegen der Lage auf dem Friedhof verbietet, er degradierte die meisten der heute weit bekannten Findlingsriesen zur Zweitrangigkeit.

• Info: Die Kosten für die Findlings-Hebung wurden zuletzt mit 264.000 Euro beziffert. Sie liegen damit deutlich höher als ursprünglich veranschlagt. Der Bund der Steuerzahler hatte die Hebung als „Verschwendung von Steuergeldern“ kritisiert. Die Attraktion wird sich jedoch mit Sicherheit auch in finanzieller Hinsicht positiv auswirken.



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Kommentare

Chris Benthe am 20.06.21, 09:09 Uhr

Herrlich, was die PAZ so an originellen Geschichten ausgräbt. Dafür liebe ich sie. Danke für den wunderbaren Beitrag.

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