13.06.2024

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Leo von Caprivi

Bismarcks kurzzeitiger Nachfolger

Der General, von dem Wilhelm II. sich eine einfachere Zusammenarbeit als mit dem Eisernen Kanzler erhoffte, starb vor 125 Jahren

Wolfgang Reith
04.02.2024

Nachdem Wilhelm II. 1888 infolge dem frühen Tod seines Vaters mit 29 Jahren Deutscher Kaiser und König von Preußen geworden war, arbeitete er noch zwei Jahre lang mit dem Eisernen Kanzler Otto von Bismarck zusammen, dem die Gründung des zweiten deutschen Kaiserreiches 1871 zu verdanken gewesen war. Dann vertieften sich die Streitpunkte zwischen den beiden unterschiedlichen Personen so sehr, dass der Regierungschef am 20. März 1890 von seinem Monarchen die Entlassung erhielt. Zum Nachfolger als Reichskanzler und als preußischer Ministerpräsident wurde Georg Leo von Caprivi de Caprara de Montecuccoli berufen. Der 1891 in den Grafenstand erhobene General sollte nach den Worten des Kaisers für einen „neuen Kurs“ stehen.

Am 24. Februar 1831 in Charlottenburg geboren, besuchte Caprivi das Friedrichswerdersche Gymnasium in Berlin und trat nach dem Abitur 1849 in das Kaiser Franz Garde-Grenadier-Regiment Nr. 2 ein. Nachdem er die Kriegsakademie absolviert hatte, diente er ab 1860 als Hauptmann im Großen Generalstab. Er nahm an den Kriegen 1864 gegen Dänemark und 1866 gegen Österreich teil und tat sich im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 als Generalstabschef des X. Armee-Korps hervor, wofür er mit dem Orden Pour le Mérite ausgezeichnet wurde. In den folgenden Jahren betätigte sich Caprivi zunächst als Abteilungsleiter im Preußischen Kriegsministerium, ab 1878 dann als Divisionskommandeur.

Als General und Admiral Albrecht von Stosch am 20. März 1883 auf seinen Wunsch hin vom Amt des Chefs der Kaiserlichen Admiralität entbunden wurde, betraute der Kaiser Caprivi mit dieser Aufgabe. Der Generalleutnant wurde à la suite der Armee gestellt und erhielt zugleich den vergleichbaren Rang eines Vizeadmirals. Dass mit Caprivi erneut ein Heeresoffizier an die Spitze der Marine gelangte, zeigt, welch geringen Stellenwert diese Teilstreitkraft damals in der Kontinentalmacht Deutschland noch einnahm. Gleichwohl arbeitete sich Caprivi, auch wenn er von seinem neuen Arbeitsbereich nicht gerade begeistert war, schnell in diesen ein und setzte einige Reformen durch wie etwa den Ausbau des Torpedobootwesens.

„Neuer Kurs“ ab 1890
Mit Kaiser Wilhelm II. kam dann ein Monarch auf den Thron, der sich die maritime Politik zu eigen machte und eine grundlegende Um- und Aufrüstung der Flotte vorantrieb. Caprivi wollte diese Politik nicht mittragen und trat deshalb am 5. Juli 1888 von seinem Posten zurück. Noch am 14. April des Jahres zum General der Infanterie ernannt, trat er nun die Stelle als Kommandierender General des X. Armee-Korps an.

Umso überraschender war, dass der Kaiser ihn nach der Entlassung Bismarcks am 20. März 1890 zu dessen Nachfolger als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident berief. Innenpolitisch versuchte der neue Regierungschef, alle politischen Parteien in Entscheidungsprozesse einzubeziehen. In der Außenpolitik hingegen gab Caprivi Bismarcks Versuch auf, mit allen drei anderen Großmächten außer Frankreich verbündet zu sein, und setzte stattdessen auf den Dreibund mit Österreich-Ungarn und Italien. Dem Wunsche Russlands nach einer Verlängerung des im Jahre des Kanzlerwechsels auslaufenden Rückversicherungsvertrages wurde nicht entsprochen, sodass dieses sich auf kurz oder lang Frankreich zuwandte.

Ein besonderes Zeichen setzte Caprivi noch im selben Jahr durch den mit Großbritannien geschlossene sogenannte Helgoland-Sansibar-Vertrag vom 1. Juli 1890, in dem das Deutsche Reich die Insel Helgoland zurückerhielt und dafür auf den Schutzvertrag mit dem Sultanat Witu (Wituland) in Ostafrika sowie Ansprüche auf die Insel Sansibar verzichtete. Stattdessen erwarb Deutschland mit dem sogenannten Caprivizipfel, einem 450 Kilometer langen und 50 Kilometer breiten Landstreifen im Nordosten Deutsch-Südwestafrikas, einen geographischen Zugang zum Sambesi. All diese Entwicklungen standen letztlich für den von Kaiser Wilhelm II. geprägten Begriff „Neuer Kurs“.

Als 1892 der preußische Kultusminister Robert von Zedlitz-Trützschler infolge des Widerstands gegen sein geplantes Volksschulgesetz zurücktrat, war dies Caprivi Grund genug, am 22. März des Jahres sein Amt als Ministerpräsident niederzulegen. Zu seinem Nachfolger wurde Botho Wendt Graf zu Eulenburg ernannt, während Caprivi Reichskanzler blieb.

Zwei Jahre darauf kam es zwischen beiden Personen zu Unstimmigkeiten über ein vorgesehenes Sondergesetz gegen die Sozialdemokratie. Caprivi lehnte es ab, wohingegen Eulenburg, der bereits in den Jahren 1878 bis 1881 als preußischer Innenminister die Sozialistengesetze zu einem seiner Hauptanliegen gemacht hatte, es vehement unterstützte. Caprivi lehnte daraufhin jede weitere Zusammenarbeit mit Eulenburg ab, und so entband der Kaiser und König am 26. Oktober 1894 beide von ihren Ämtern und ernannte drei Tage später Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst zum Reichskanzler und in Personalunion zum preußischen Ministerpräsidenten.

Letzte Ruhestätte in Ostbrandenburg
Caprivi zog sich danach vollkommen aus der Politik zurück, lebte ein Jahr lang in Frankfurt an der Oder und ab 1895 auf Einladung einer Nichte aus der Familie von Schierstaedt auf deren Rittergut Skyren [Skórzyn] bei Messow [Maszewo] im Landkreis Crossen an der Oder in Ostbrandenburg. Dort verstarb der kinderlose Junggeselle vor 125 Jahren, am 6. Februar 1899. Bestattet wurde er auf dem dortigen Bergfriedhof, dem Familienfriedhof derer von Schierstaedt sowie von Seydlitz-Kurzbach.

Das frühere Gutshaus Skyren ist inzwischen längst nicht mehr vorhanden, die Grabstätten auf dem örtlichen Friedhof wurden nach 1945 verwüstet und zerstört. Gleichwohl sind letzte Relikte des einstigen Caprivi-Grabes, das aus einer Steinpyramide mit einem zwei Meter hohen aufgesetzten weißen Marmorkreuz bestand, heute noch erkennbar. 1974 gelang es, ein letztes Foto von der Grabplatte aufzunehmen, ehe diese kurz darauf verschwand. 2014 gab es eine Initiative zur Restaurierung der verfallenen Grabstätte, die maßgeblich vom Preußeninstitut ausging, das auch um Spenden dafür warb und die von polnischen Partnern Unterstützung erfuhr. Am 29. Oktober jenes Jahres trafen sich zu diesem Zweck vor Ort Olaf Tams als Vertreter des Preußeninstituts, Bruno Kosak, Denkmalschutzbeauftragter der deutschen Volksgruppe, Dariusz Jarocinski, Gemeindevorsteher von Messow [Maszewo], und Bolesław Gustav Bernaczek, Vorsitzender der Deutschen Minderheit in der Woiwodschaft Lebus.

Alle bekundeten ihr Interesse an der Wiederherrichtung des Grabes, das umzäunt und mit einer zweisprachigen Grabplatte versehen werden sollte, doch scheint das Projekt seither im Sande verlaufen zu sein, denn bisher ist nichts geschehen. Das dürfte an fehlenden finanziellen Mitteln liegen. Zudem war der Präsident des Preußeninstituts, der selbst aus der Gegend von Frankfurt an der Oder stammte und seinerzeit die Initiative ins Leben gerufen hatte, schon 2011 gestorben.


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