25.05.2022

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Geldentwertung

Blauäugig neben dem Pulverfass

Das weitere Inflationsrisiko wird immer noch unterschätzt. Es läuft auf niedrigere Reallöhne hinaus

Konrad Badenheuer
11.04.2022

Siebeneinhalb Prozent Inflation im März, das war für viele Bürger ein Schock. Die meisten Experten wurden von der durchaus vorhersehbaren Entwicklung überrascht. Dagegen hat diese Zeitung schon am 13. August 2021 vor demnächst über zehn Prozent Inflation gewarnt, und neue Zahlen bestätigen diesen Pessimismus. Die Folgen des Ukrainekrieges sind selbst darin noch nicht enthalten.

Es ist fast schon ein Ritual: Seit über einem Jahr melden die Statistiker Monat für Monat Inflationszahlen, die höher liegen als die Europäische Zentralbank sie erklärtermaßen erwartet hatte. Diese behauptet ungerührt, dass auch „fast alle“ anderen Experten von den Zahlen überrascht seien, dass mit einem baldigen Rückgang der Geldentwertung zu rechnen sei und dass jedenfalls kein Anlass bestehe, an der ultra-lockeren Geldpolitik viel zu ändern. Dieses traurige Spiel könnte sich noch eine Weile so fortsetzen, denn die mittelfristige Inflationsprognose der EZB ist immer noch viel zu optimistisch.

Zweckoptimismus der EZB

Dafür spricht vor allem die Dynamik der Großhandelspreise. Der Wert für März liegt noch nicht vor, aber im Februar lag der Anstieg in Deutschland bei 16,6 Prozent nach 16,2 und 16,1 Prozent im Januar und im Dezember. Stichtag für die Erhebung war der 5. Februar. Der Hinweis der Währungshüter, die hohe Inflation sei auch eine Folge des Ukrainekrieges, erklärt diesen Anstieg um 16,6 Prozent also in keiner Weise.

Sündenbock Ukrainekrieg

Wahr ist, dass die Großhandelspreise keine direkte Prognose der Verbraucherpreise erlauben. Dienstleitungen und Mieten sind darin nicht enthalten, und beide dämpfen zurzeit die Geldentwertung. Aber langfristig steigt das allgemeine Preisniveau eben doch im Gleichschritt mit den Großhandelspreisen, und vor allem erlaubt dieser Index die Vorhersage, in welche Richtung sich die Inflation weiter entwickeln wird. Darüber besteht unter Fachleuten Einigkeit, und so verwundert es, dass bisher nur so wenige Ökonomen mit Inflationsraten von über zehn Prozent rechnen. Die fünf „Wirtschaftsweisen“ haben ihre Inflationsprognose für dieses Jahr zuletzt auf eben mal 6,1 Prozent angehoben. Die Deutsche Bank rechnet nun mit „bis zu sieben Prozent“ Inflation, die Berufsoptimisten von der EZB reden noch von 5,3 Prozent. Immerhin meinte Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, zuletzt, falls die russischen Öl- und Gaslieferungen unterbrochen würden, seien „bis zu zehn Prozent“ Inflation möglich, andernfalls rechnet auch er nur mit sechs bis sieben Prozent.

Flucht in die Sachwerte

Doch alle diese Prognosen erscheinen blauäugig angesichts der erwähnten Großhandelspreise, hinter denen ein noch massiverer Anstieg der Erzeugerpreise steht. Im Februar waren das 25,9 Prozent. Stichtag der Erhebung war hier der 15. Februar, sodass die Folgen des Ukrainekrieges auch in dieser Zahl noch nicht enthalten sind.

Und keiner der namhaften Ökonomen scheint zu bedenken, dass es bei wachsender Inflation immer teurer wird, Geld zu Minizinsen „herumliegen“ zu lassen. Dann kann eine Flucht in die Sachwerte einsetzen mit sprunghaftem Anstieg der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes.

Fast nur Hans-Werner Sinn, der langjährige Chef des Münchner Ifo-Instituts, hat diese gefährliche Möglichkeit deutlich aufgezeigt, wobei er sogar vor einem „Pulverfass“ spricht. Auch der Münchner Ökonom Gerald Mann warnt vor diesem Risiko: „Die sinkende Umlaufgeschwindigkeit hat bislang zum Nichtwirksamwerden des übermäßigen Geldmengenwachstums im Preisindex beigetragen. Nun ist mit einem Anstieg der Umlaufgeschwindigkeit zu rechnen, weil die Opportunitätskosten der Geldhaltung durch den inflationsbedingten Kaufkraftverlust ansteigen. Das würde die Inflation zusätzlich beschleunigen.“

Gewerkschaften halten still

Der enorme Optimismus der meisten Ökonomen hat immerhin den Effekt, dass die Lohnerhöhungen bisher moderat sind. In der laufenden Tarifrunde sind Abschlüsse zwischen fünf und sieben Prozent üblich, teilweise in Form von Einmalzahlungen. Man kann sich ausmalen, welche Lohnerhöhungen wir hätten, wenn die Gewerkschaften mit zehn oder 15 Prozent Inflation rechnen würden. Die jetzigen Abschlüsse dürften auf eine empfindliche Kürzung der Reallöhne hinauslaufen. Diese ist zwar gut für Konjunktur und Beschäftigung, aber die Hoffnung der EZB, damit auf Dauer Inflation vermeiden zu können, wirkt illusorisch.

Profiteure und Opfer

Langfristig steigen die Preise unweigerlich in dem Maße, in dem das Wachstum der Geldmenge das Wirtschaftswachstum übersteigt. Wenn die Löhne nicht Schritt halten, dann bedeutet das nur eine zusätzliche Umverteilung zulasten der arbeitenden Bevölkerung infolge der Inflation – neben der massiven Umverteilung von den Gläubigern, also den Sparern, hin zu den Schuldnern, also auch dem Staat, die jede unerwartete Geldentwertung ohnehin mit sich bringt. Sozial ist beides nicht.



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Kommentare

Andreas M. Prieß am 11.04.22, 12:02 Uhr

 "Die meisten Experten wurden von der durchaus vorhersehbaren Entwicklung überrascht." Dann sind es keine Experten ,denn die wahren Experten wie ein Dr.Markus Krall,sagen schon seit Jahren voraus,dass die Geldpolitik der EZB in einer Hyperinflation endet. Daß dadurch nicht nur die Preise explodieren,sondern auch die gesamte Altersversorgung wie die gesetzlichen Renten,Betriebsrenten und Lebensversicherungen vernichtet werden ,wurde in dem Artikel gar nicht erwähnt. Die Gewerkschaften vertreten schon längst nicht mehr die Interessen der Arbeitnehmer. Jeder der sich einigermaßen informiert hat,konnte ahnen,daß der Euro und die Politik der EU und der EZB irgendwann allen um die Ohren fliegt. Dies wird nun bald eintreten. Wer schlau war,hat vorgesorgt ! In jeder Krise gibt es nun mal Gewinner und Verlierer.

sitra achra am 11.04.22, 09:17 Uhr

Aber es gibt noch soziale Gerechtigkeit, wie immer man sie auffassen mag: die Reichen werden immer reicher.

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