31.03.2025

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Ein zerstörtes Würzburg: Nach dem Luftangriff vom 16. März 1945 lag die Barockstadt in Trümmern
Bild: imago/Heritage ImagesEin zerstörtes Würzburg: Nach dem Luftangriff vom 16. März 1945 lag die Barockstadt in Trümmern

Zweiter Weltkrieg

Bombenterror zwischen Dresden und Potsdam

Im März 1945 wurden noch einmal etliche deutsche Klein- und Mittelstädte Opfer anglo-amerikanischer Flächenbombardements

Björn Schumacher
16.03.2025

Mit den strategischen Luftangriffen auf Dresden Mitte Februar 1945 hatte der Luftterror einen neuen Höhepunkt erreicht. Deutsche Abfangjäger operierten fast nur noch an der Front und litten unter Treibstoffmangel. Ungestört konnte der Bombenhammer daher auch in Pforzheim zuschlagen, das plötzlich auf einem „Zielsystem Mitteldeutschland“ der Combined Bomber Offensive (CBO) der Royal Air Force (RAF) und der United States Army Air Forces (USAAF) aufgetaucht war.

Kriegswichtige Industrie gab es dort kaum, stattdessen einen verwinkelten Stadtkern mit Fachwerkarchitektur − ideal für den ausgeklügelten Mix aus Spreng- und Brandbomben, mit dem die RAF deutsche Zivilisten seit der Area Bombing Directive von 1942 quälte. Die Pforzheimer Zeitzeugin und Historikerin Ursula Moessner-Heckner resümierte: „Pforzheim starb am 23. Februar 1945. Es starb grundlos. Es wurde zerstört, weil es noch nicht zerstört war. [...] Irrsinn des totalen Krieges.“ Sachbuchautor Jörg Friedrich griff zu einer gewaltigen Metapher: „Pforzheim zerkochte zu Lava, als hätten die Zyklopenfäuste anderer Erdzeitalter zugeschlagen.“ Jeder Vierte der 80.000 Einwohner starb beim Untergang der nordbadischen Schmuckmetropole – eine nirgendwo sonst erreichte Quote.

Pforzheim am 23. Februar
Häufig traf es im März 1945 Klein- und Mittelstädte. Deutsche Zivilisten, deren Durchhaltemoral die Briten − angeblich − immer noch brechen wollten, hörten ständig heulende Sirenen, hockten mitunter tagelang in modrigen Kellerräumen und Luftschutzbunkern.

Am 1. März 1945, sechs Tage nach dem Horror von Pforzheim, warf eine US-Bomberstaffel ihre todbringende Fracht im 30 Kilometer entfernten Bruchsal ab. Der Verkehrsbahnhof und wenige Kasernen lieferten den Vorwand für einen Flächenangriff, dem mehr als 1000 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder, zum Opfer fielen. Schwerste Schäden erlitt das prunkvolle fürstbischöfliche Schloss mit seiner Barockumgebung. Die USAAF-Strategie präziser Luftschläge gegen militärische Ziele versank in den Niederungen einer zügellosen Zerstörungswut.

Chemnitz am 5./6. März
Am 5./6. März 1945 traf die volle Wucht der CBO die sächsische Industriestadt Chemnitz. Bereits ein Tagesangriff der USAAF, der seine militärischen Ziele verfehlte, zerstörte Teile der Innenstadt. Ihm folgten zwei nächtliche Vernichtungsschläge („Double Strike“) des britischen Bomberkommandos, an dem sich auch Maschinen der Royal Canadian Air Force (RCAF) beteiligten. 683 viermotorige Lancaster- und Halifax-Bomber warfen Spreng-, Brand- und Minenbomben mit einem Gesamtgewicht von 2800 Tonnen ab. Allein schon in dieser Nacht starben zwischen 2100 (offiziell) und 3700 Menschen (DDR-Militärhistoriker Olaf Groehler).

Die meisten Chemnitzer Bombentoten ruhen in einem Massengrab des Städtischen Friedhofs neben einem DDR-typischen Mahnmaltext: „Zum Gedenken an 4000 Opfer des anglo-amerikanischen Bombenterrors auf Chemnitz am 5. März 1945“. Optischer Höhepunkt ist aber die Frauenfigur mit totem Kind vor einer Sandsteinwand. Eingraviert sind Verse des jüdischen Schriftstellers und Autors der SED-Hymne „Lied der Partei“ Louis Fürnberg. Er hatte Verwandte im Holocaust verloren, aber auch Pogrome in seiner böhmisch-tschechoslowakischen Heimat erlebt, wo der Antisemitismus der späten Stalin-Ära brutal wütete.

Fürnberg widmet den Chemnitzer Bombenopfern Zeilen mit absichtsvoller Mehrdeutigkeit: „Es werden sich die Wunden schließen, die furchtbar der Barbar der Menschheit schlug, und leuchtend wird das Frührot sich ergießen über ein Erden-Neuland unterm Pflug.“

Dessau am 7. März
Am 7. März 1945 beendete die RAF mit 1862 Tonnen Bombenlast die Existenz des alten Dessau. Flächenbrände erzeugten einen Feuersturm und zerstörten das Schloss der Fürsten von Anhalt-Dessau mit seiner noblen Umgebung sowie 80 Prozent der Innenstadt. Trotz etlicher Rekonstruktionen ging vieles unwiederbringlich verloren. „Es war einer der schlimmsten Brandangriffe des Krieges“ (Olaf Groehler). Die offizielle Opferzahl von 668 dürfte zu niedrig angesetzt sein.

Swinemünde am 14. März
Der von der „Festung Swinemünde“ geschützte Ostseehafen war ein Stützpunkt der deutschen Kriegsmarine, deren Kampfgruppe 2 mit den Panzerkreuzern „Admiral Scheer“ und „Lützow“ sowie mehreren Zerstörern und Torpedos gerade erst nach Swinemünde verlegt worden war. Der Hafen- und angrenzende Bahnhofsbereich war daher am 14. März 1945 ein legitimes militärisches Ziel für drei Bomberdivisionen der USAAF, angefordert von der nur knapp 30 Kilometer entfernten Roten Armee. Die Planung lief auf eine taktische Operation in Frontnähe und nicht auf einen strategischen Terrorangriff nach der „Morale Bombing“-Doktrin hinaus.

Zehntausende Flüchtlinge aus ganz Pommern sowie Ost- und Westpreußen hielten sich an diesem frühlingshaften Tag in Swinemünde auf. Mag auch die früher verbreitete Opferzahl von 23.000 spekulativ erscheinen, die vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge recherchierten 4500 bis 6000 Bombentoten sind furchtbar genug. Alles deutet auf ein schweres Kriegsverbrechen hin; denn Kollateralschäden müssen sich innerhalb einer noch vertretbaren Relation zum Angriffszweck bewegen. In kaum zu überbietender Klarheit hatte das Anfang 1944 George Bell, regierungskritischer Bischof von Chichester, im britischen Oberhaus postuliert:

„Ich bin mir völlig darüber im Klaren, dass bei Angriffen auf Zentren der Kriegsindustrie und des Transportwesens die Tötung von Zivilisten, soweit sie sich als Resultat einer in gutem Glauben durchgeführten Militäraktion ergibt, unvermeidlich ist. Aber hier muss eine Verhältnismäßigkeit zwischen den eingesetzten Mitteln und dem erreichten Zweck bestehen. Eine ganze Stadt auszulöschen, nur weil sich in einigen Gegenden militärische und industrielle Einrichtungen befinden, negiert die Verhältnismäßigkeit. [...] Die Alliierten repräsentieren etwas Größeres als Macht. Das Schlüsselwort auf unserem Banner heißt ‚Recht'.“

Würzburg am 16. März
Dresden lag erst einen Monat in Schutt und Asche, da erwischte es am Abend des 16. März 1945 mit dem mainfränkischen Würzburg das nächste Barockjuwel. In nur zwanzig Minuten wurde die einzigartige Stadtlandschaft um das fürstbischöfliche Residenzschloss, ein Meisterwerk Balthasar Neumanns, vernichtet. Die berüchtigte Bomber Group Five, maßgebend an den Feuerstürmen von Dresden und Pforzheim beteiligt, schlug auch diesmal perfekt zu. 225 viermotorige Lancaster-Bomber ließen zirka 1000 Tonnen Spreng- und Brandbomben auf Würzburg „herabregnen“, die einen grauenvollen Großbrand erzeugten und 5000 Menschen töteten.

Rund 3000 Opfer ruhen in einem Massengrab vor dem Hauptfriedhof. Bildhauerisch verarbeitet wurde der Terrorangriff in einer Bodenplatte mit den überlebensgroßen Figuren eines Mannes, einer Frau und zweier Kinder in Totenstarre. Der komplette Irrsinn dieses Terrors offenbarte sich zwei Wochen später. Die gespenstische Würzburger Ruinenkulisse bot den Verteidigern zahlreiche Versteckmöglichkeiten und erschwerte die Einnahme der Stadt durch US-Truppen.

Am 19. März 1945 schickte Oberbefehlshaber Arthur Harris seine Bomber Group Five mit nahezu gleicher Tonnage erneut zum Main, diesmal nach Hanau. Alles verlief nach Plan. Sprengbomben, Brände und Feuersturm pulverisierten 87 Prozent der Innenstadt: höchster Zerstörungsgrad eines hessischen Stadtzentrums im Zweiten Weltkrieg. 2000 Menschen wurden von herabstürzendem Mauerwerk erschlagen, verbrannten oder erstickten qualvoll. Wie die hessischen Großstädte Darmstadt und Kassel präsentiert sich Hanau jetzt in schlichtem, konturenarmem Gewand. Auf die Erhaltung und Wiederherstellung mittelalterlicher Architektur wurde zum Entsetzen des Hanauer Geschichtsvereins verzichtet.

Hildesheim am 22. März
Am 22. März 1945 wollte die RAF die feindliche Moral in der alten Bischofsstadt Hildesheim brechen. Die niedersächsische Fachwerkidylle, auch „Nürnberg des Nordens“ genannt, galt als ideales Brandobjekt. Mindestens 824 „wehrlose Opfer der Willkür“ (Gedenkstein Nordfriedhof Hildesheim) überlebten das Inferno nicht. Beschädigt oder komplett zerstört wurden 90 Prozent der historischen Altstadt, aber Bürgersinn und eiserner Wiederaufbauwille lassen heute die romanischen Kirchen und etliche Fachwerkensembles wieder in altem Glanz erstrahlen.

Paderborn am 29. März
Ein weiterer Bischofssitz, das westfälische Paderborn, ging mit 350 Toten vergleichsweise glimpflich aus einem Area Bombing der RAF vom 29. März 1945 hervor. Der spätromanische Dom mit seinem wuchtigen Westturm und das im Stil der Weserrenaissance errichtete Rathaus prägen ein geschundenes, aber im Großen und Ganzen noch harmonisches Ortsbild.

Sehr späte Einsicht
Anders als im deutschen sogenannten Altreich planten die Alliierten keine strategischen Vernichtungsbombardements österreichischer Städte, da die sogenannte Ostmark als Opfer NS-deutscher Expansion betrachtet wurde. Die etwa 17.000 Bombentoten von Graz, Linz, Wien, Wiener Neustadt usw. lassen sich als Kollateralschäden von US-Luftschlägen gegen Verkehrswege sowie die Rüstungs-, Flugzeug- und ölverarbeitende Industrie erfassen. Sprengbombeneinschläge im historischen Zentrum Wiens am 12. März 1945 ändern daran nichts; sie beruhten auf Fehlabwürfen. Ziel dieses Angriffs war die sechs Kilometer entfernte, nicht getroffene Raffinerie Floridsdorf.

Der britische Premier Winston Churchill schien zu dieser Zeit vom Konzept des totalen Luftkriegs abzurücken. Am 28. März 1945 mahnte er Stabschef Charles Portal und die Oberbefehlshaber der RAF: „Der Zeitpunkt ist gekommen, die Frage der Bombardierung Deutschlands nur um der Erhöhung des Terrors Willen, wenn auch unter anderen Vorwänden, zu überdenken. [...] Die Zerstörung Dresdens bleibt ein ernster Kritikpunkt gegen die Durchführung der Bombardierungen. [...] Ich denke, dass eine Konzentration auf militärische Ziele wie Öl und rückwärtige Verbindungen hinter der direkten Kriegszone nötig ist, im Gegensatz zu bloßen Terrorakten und mutwilliger Zerstörung, so beeindruckend diese auch sein mögen.“

Zwar drückte sich Churchill in einer Neufassung seiner Direktive gewundener aus, zudem gab es im April 1945 noch einen britischen Großangriff auf Potsdam, gemessen an vorherigen Zerstörungen hatten Zivilisten im Westen des Reichs das Schlimmste aber hinter sich.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS