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Hoffentlich ist der Wirt immun: Die durch die Sichelzellkrankheit hervorgerufene Genmutation schützt vor den Folgen des Stichs der Malariamücke
Foto: Jaan KünnapHoffentlich ist der Wirt immun: Die durch die Sichelzellkrankheit hervorgerufene Genmutation schützt vor den Folgen des Stichs der Malariamücke

Medizin

Bunter und vielfältiger

Mit der Zuwanderung kommen auch neue Krankheiten ins Land, wie beispielsweise die Sichelzellkrankheit

Wilmar Leitzkau
12.07.2020

Die Zuwanderung aus anderen Teilen der Welt schlägt sich auch im verstärkten Auftreten von Krankheiten nieder, die europäische Ärzte in der Vergangenheit nur aus Lehrbüchern kannten. Ein Beispiel ist die Sichelzellkrankheit, eine chronische Erkrankung der roten Blutzellen. Sieht man von einigen Randbereichen wie Korsika und Sizilien ab, dann kam diese Erbkrankheit vor einigen Jahrzehnten in Europa praktisch noch nicht vor. 

Die ursprünglichen Hauptverbreitungsgebiete liegen vor allem in Afrika, im östlichen Mittelmeerraum und im Nahen Osten. Die starke Verbreitung der Genmutation in diesen Gebieten scheint kein Zufall zu sein. So haben Wissenschaftler festgestellt, dass die genetische Anlage für diese auch Sichelzellanämie, Sichelzellenanämie oder Drepanozytose genannte Krankheit in Gebieten, in denen die Malaria stark verbreitet ist, unter bestimmten Bedingungen einen Evolutionsvorteil darstellt. Bei Kindern, die nur von einem Elternteil diesen Gendefekt geerbt haben und die nur geringe Mengen verformter roter Blutkörperchen haben, stellt dies nämlich einen Schutz vor einer Malariaerkrankung und deren schwerwiegenden Folgen dar. 

Anders sieht dies aus, wenn beide Elternteilen die Veranlagung an ihr Kind weitergegeben haben. Dann besteht eine recht große Wahrscheinlichkeit, dass die Sichelzellkrankheit ohne Behandlung einen tödlichen Verlauf nimmt. Ganz typisch für die Krankheit sind verstopfte Blutgefäße, die zu Schäden an Milz, Leber, Nieren oder Lunge führen. 

Sprunghafter Anstieg der Fallzahlen 

Vor Jahrzehnten war die Krankheit für deutsche Ärzte noch eine medizinische Rarität, die nur aus der Fachliteratur bekannt war. Mit der Zuwanderung aus Endemiegebieten in Afrika und dem Nahen Osten müssen allerdings auch hiesige Mediziner darauf vorbereitet sein, die Krankheit zu diagnostizieren und richtig zu behandeln. 

Laut Daten aus dem Jahr 2010 wurde seinerzeit die Zahl der Sichelzellpatienten in Deutschland auf bis zu 1500 geschätzt. Neuere Schätzungen gehen dahin, dass in der Bundesrepublik mittlerweile mehrere tausend Menschen unter der Sichelzellkrankheit leiden. Als im Zuge eines Modellprojekts vor einigen Jahren in Heidelberg, Berlin und Hamburg 90.000 Kinder getestet wurden, war die Sichelzellkrankheit bereits die am zweithäufigsten festgestellte Erbkrankheit. 

Da es wichtig ist, möglichst früh mit der Behandlung zu beginnen, fordern Ärzte schon seit Jahren, auch in Deutschland die Reihenuntersuchung von Neugeborenen einzuführen. Schon vor fünf Jahren warnte beispielsweise der Kindermediziner Stephan Lobitz auf einer Fachtagung, dass die Sichelzellkrankheit in Deutschland ein massiv unterschätztes und vernachlässigtes Krankheitsbild sei. Verbunden war die Warnung mit der Forderung nach einem Neugeborenen-Screening. 

In Großbritannien, Frankreich, Spanien, den Niederlanden und Belgien sind solche Untersuchungen von Neugeborenen auf die Erbkrankheit bereits eingeführt. Untersucht werden dabei die Säuglinge von Risikogruppen, etwa wenn die Eltern oder deren Vorfahren aus den Weltgegenden stammen, die historisch als Hauptverbreitungsgebiete der Krankheit bekannt sind. 

In Frankreich kümmert sich die halbstaatliche Vereinigung für Behinderungserkennung und -vorsorge beim Kind um die Früherkennungsuntersuchungen auf die Sichelzellkrankheit. Die Zunahme der Untersuchungszahlen spiegelt die Bevölkerungsentwicklung sowie die Zuwanderung aus Schwarzafrika und aus arabischen Ländern nach Frankreich in den letzten Jahrzehnten wider. 

Bereits im Jahr 2000 schien bei etwa 19 Prozent der Neugeborenen in Frankreich ein Test auf Sichelzellanämie angebracht. Der Anteil wuchs bis zum Jahr 2010 auf über 31 Prozent. Bis 2015 kletterte der Anteil auf fast 39 Prozent der Neugeborenen.



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