04.07.2022

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Neun-Euro-Ticket

Chance oder „Strohfeuer“?

Verkehrsbranche und Umweltverbände sehen das Billigticket kritisch

Manuela Rosenthal-Kappi
20.05.2022

Wer in einer Großstadt wie Hamburg mit dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) von der Peripherie zur Arbeit ins Zentrum fahren muss, kennt diese Realität: Bereits am Einstiegsort ist die Bahn voll, dicht gedrängt stehen Fahrgäste bereits in den Gängen, und wenn man Pech hat, muss man auf die nächste Bahn warten, die dann womöglich noch verspätet eintrudelt. Beim Ausstieg am Hauptbahnhof quält man sich durch dichtes Gedränge zum Ausgang. Der Bahnhof platzt jetzt schon aus allen Nähten.

Ein Umstieg auf die Nutzung von Bus und Bahn ist für Pendler in ländlichen Regionen meist keine Alternative zum Auto. Aus einer halbstündigen Fahrt mit dem Auto können mit den öffentlichen Verkehrsmitteln leicht anderthalb Stunden Fahrzeit werden.

Nun soll mit der Einführung einer dreimonatigen Testphase ein Billigticket eingeführt werden, das für neun Euro pro Monat bundesweit zur Nutzung des Regionalverkehrs berechtigt. Einerseits ist es Teil des Entlastungspakets, mit dem die Bundesregierung die Bürger für die stark steigenden Kosten für Strom, Lebensmittel, Heizung und Mobilität entlasten möchte, andererseits soll damit ein Anreiz zum Umstieg auf den ÖPNV und zur Einsparung von Kraftstoffen gegeben werden.

Das Ticket soll online erhältlich sein. Es ist eine gemeinsame Online-Plattform der Verkehrsunternehmen vorgesehen, aber auch der Verkauf an Automaten und Schaltern ist möglich. Wer bereits ein Abo besitzt, braucht nichts weiter zu tun. Der Differenzbetrag wird gutgeschrieben.

Nutzung für touristische Zwecke

Laut Umfragen des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der dpa stößt das Angebot bei der Mehrheit auf Zustimmung. Nur ein Drittel der Befragten will es nicht nutzen. Allerdings wollen viele es für touristische Zwecke nutzen. In drei bis vier Stunden gelangt man beispielsweise mit Regionalzügen von Hamburg nach Sylt, von Berlin nach Sylt in acht bis neun Stunden und von München an die Nordsee muss man mit 16 Stunden rechnen. Die Tickets nutzen den meisten Pendlern nicht allzu viel, da sie nur während der Sommermonate gelten, wenn viele Urlaub haben.

Nach Aufrufen im Internet, Billigtouristen sollten Sylt, die „Insel der Reichen und Schönen“, fluten, fürchten die Inselbewohner, es könnte sich ein neuer „Ballermann“-Tourismus vor ihrer Haustür bilden. Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Bernd Buchholz kündigte zusätzliche Kapazitäten auf den Strecken nach Sylt und an die Ostsee an.

Bei Vertretern von Verkehrsverbünden und der Verkehrsbranche sowie bei Kommunen und Umweltverbänden stößt das Billigticket auf geteilte Reaktionen. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) gibt zu bedenken, dass die beteiligten Firmen nur in geringem Umfang für zusätzliche Kapazitäten sorgen könnten. Deren Finanzierung sei durch die vom Bund bereitgestellten Mittel nicht gedeckt. Er begründet das mit den gestiegenen Energiepreisen. Die Unternehmen könnten nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten sogar gezwungen sein, das Betriebsangebot zurückzufahren. Inhaber eines 9-Euro-Ticktes könnten im Sommer also auf eine ausgedünnte Fahrzeugflotte stoßen.

Streit um Finanzierung

Über die Finanzierung der Entlastungsmaßnahme herrscht Uneinigkeit. Der Bund stellt in diesem Jahr den Bundesländern sogenannte Regionalisierungsmittel in Höhe von 3,7 Milliarden Euro für die Finanzierung des ÖPNV zur Verfügung. Darin sind 2,5 Milliarden Euro für die Umsetzung des Neun-Euro-Tickets enthalten. Laut Prognose der Branche ist für die Jahre 2020 bis 2022 jedoch mit Fahrgeldausfällen von bis zu 10,2 Milliarden Euro zu rechen. Sie verlangt deshalb zusätzliche 1,2 Milliarden Euro als Ausgleich für Pandemie-bedingte Einnahmeausfälle. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) lehnt das mit Verweis auf die Entlastungspakete der Ampelkoalition ab.

Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn warnt vor fehlenden Kapazitäten. Die Deutsche Bahn und Verkehrsverbünde hatten zwar erklärt, dass sie an Aktionsplänen für Personalverstärkungen und zusätzlichen Fahrzeugkapazitäten im Zeitraum des Sondertickets arbeiten, doch woher sie diese nehmen wollen, ließen sie offen. „Ohne zusätzliche Regionalzüge, die mit Regionalisierungsmitteln bestellt werden müssen, erwarten wir hier chaotische und abschreckende Zustände“, so Naumann.

Vor einem „Strohfeuer“ warnte auch Jens Hilgenberg vom BUND. Das Ticket helfe vor allem jenen Menschen, die über einen guten Anschluss zum ÖPNV verfügen. Wo jetzt kein Bus fahre, werde allein durch das Neun-Euro-Ticket auch in Zukunft kein Bus fahren. Um die angestrebte Verdopplung der Fahrgastzahlen bis 2030 zu erreichen, müssten die Mittel um zehn Milliarden Euro zur Finanzierung des ÖPNV erhöht und gleichzeitig der Autoverkehr drastisch reduziert werden.

Positive Beispiele

Dass eine Revolutionierung des ÖPNV möglich ist, zeigen die Beispiele Wien und Luxemburg. In Wien gibt es ein 365-Euro-Ticket, das für das gesamte Verkehrsnetz gilt, das heißt, der Fahrgast zahlt einen Euro pro Tag. Allerdings hat Wien zuerst die Infrastruktur ausgebaut, dann kam die Preissenkung. Die Zahl der Jahreskarteninhaber hat sich von 2012 bis 2018 in Wien verdoppelt.

Positive Effekte hat auch Luxemburg mit einem kostenlosen Regionalverkehr seit 2020 erzielt. Zuvor drohte das Banken- und Finanzzentrum Luxemburg-Stadt im Stauchaos zu versinken. Täglich kommen 220.000 Grenzpendler aus Frankreich, Belgien und Deutschland in die Stadt. Für sie wurden Park-and-Ride-Parkplätze eingerichtet und das ÖPNV-Angebot insgesamt ausgeweitet. Die Mehrausgaben für den Luxemburger Staat betragen 41 Millionen Euro im Jahr. 90 Prozent der Kosten haben die Steuerzahler zuvor getragen. Es wurden neue Bahnhöfe gebaut und der ÖPNV hat doppelt so viel Auslastung.

Wenn auch Luxemburg nicht mit dem flächenmäßig viel größeren Deutschland vergleichbar ist, so stellt sein Beispiel doch eine Option dar. Die Bereitschaft der Verantwortlichen zu Investitionen wird über die Zukunft des ÖPNV mit seiner seit Jahren vernachlässigten Infrastruktur entscheiden.



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