27.09.2021

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An die Zeit der Choleraepidemien erinnert heute nur noch wenig: Im vorpommerschen Demmin steht im Marienhain jedoch dieser Obelisk für die Arztfamilie Muhrbeck. Kreisphysikus (Kreisarzt) Dr. Muhrbeck soll sich bei der Seuchenprävention und der Betreuung d
Foto: Karl-Heinz EngelAn die Zeit der Choleraepidemien erinnert heute nur noch wenig: Im vorpommerschen Demmin steht im Marienhain jedoch dieser Obelisk für die Arztfamilie Muhrbeck. Kreisphysikus (Kreisarzt) Dr. Muhrbeck soll sich bei der Seuchenprävention und der Betreuung d

Vor 190 Jahren

Cholera – die Pest des 19. Jahrhunderts

Wetter und Elektrizität zunächst als Grund für Choleraepidemien vermutet – Pommern blieb nicht verschont

Karl-Heinz Engel
30.08.2021

Militärische Cordons an den Außengrenzen, strenge polizeiliche Maßregeln im Inland, mehrwöchige Quarantäne für Reisende, das Verbot von Märkten und Volksfesten, von Handel und Wandel – Preußen schien Anfang der 1830er Jahre gewappnet zu sein gegen die Ausbreitung der Cholera. Das Unheil ließ sich dennoch nicht abwenden. Im Sommer 1831 erreichte die asiatische Brechruhr, wie die teuflische Krankheit auch genannt wurde, von Ostindien über Russland und Polen kommend Ostpreußen. Anfang Juni erfasste sie Danzig, und alsbald ergriff sie auch Pommern. Am 25. August 1831, vor 190 Jahren also, registrierten die Stettiner Gesundheitsbehörden den ersten Fall in der Provinzhauptstadt. Die Krankheit drang danach weiter in vorpommersche Städte und Gemeinden, etwa Ueckermünde, Pasewalk, Anklam und Demmin, vor. Im September erreichte sie Berlin.

Prominente Opfer

Mit dem Abklingen der ersten Seuchenwelle im Dezember 1831 in Stettin (es folgten im Laufe der Jahrzehnte weitere, zum Teil sehr heftige) hatte die Stadt 252 Tote zu beklagen. In Berlin registrierte man indes bis 1832 fast 1500 Tote. In ganz Preußen sollen es 40 000 gewesen sein, darunter Prominente wie der Philosoph Georg Wilhelm Hegel, der Militärstratege Neidhart von Gneisenau und vermutlich auch sein Mitstreiter Carl von Clausewitz. Gesundheitsbehörden und Ärzte versuchten indes mit „unermüdlichem Eifer“ das Wesen der Seuche zu ergründen. Die Behörden untersagten sogar den Handel mit Lumpen, weil man auch darin den Keim des Übels vermutete.

Forschungen nach allen Seiten

Man versuchte Kranke mit Chlordämpfen und Essigtinkturen zu behandeln und verordnete das Kauen von Kardamom. Alles in allem ein aussichtsloser Aktionismus in einer Zeit, in der die Welt des winzig Kleinen, der krankmachenden Bakterien, Viren und Sporenbildner weitgehend unbekannt war. Man hoffte sodann, durch genaue Beobachtung der Umwelt, phänologische Besonderheiten und statistische Erhebungen der Krankheit auf die Spur zu kommen. Ein Verein praktischer Ärzte in Stettin veröffentlichte 1832 erste Ergebnisse. Regierungsmedizinalrat Dr. Kölpin kam in seinem Bericht zu dem Schluss, dass die rasch wechselnden Witterungsverläufe der vergangenen Jahre, die heute glatt den Verdacht des Klimawandels erregen würden, eine Ursache der Epidemie sein mussten.

Wetterphänomene

Kölpin, ein auf vielen naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Feldern bewanderter Mann, fasste die Wetterphänomene folgendermaßen zusammen: „Mit 1821 begann eine ganz eigenthümliche Zeitperiode außerordentlicher Witterungs-Erscheinungen: es gab große, weit sich fortziehende Gewitterformationen, Wasser- und Windhosen, Feuerkugeln, Meteorsteine, Hagelschlag, große Überschwemmungen, Orkane, Sturmfluten und Gewitterstürme im Winter, Blitze am wolkenlosen Himmel und ohne Donner, lange anhaltendes Wetterleuchten, Höhenrauch usw.“ Der Arzt erwähnte ausdrücklich den 14. Januar 1827, an dem ein fürchterliches Gewitter in Begleitung eines Orkans über Pommern links und rechts der Oder hinweg trieb. Vorausgegangen waren Nordlichter, wie sie seit 30 Jahren nicht mehr beobachtet wurden. Der Sturm richtete immense Windbruchschäden in den Waldungen an. Am 26. September 1827 flammte erneut ein spektakuläres Nordlicht am Abendhimmel auf. Nachdem ein Vorwinterwetter den Herbst bestimmt hatte, meldete sich bereits am 16. Dezember der Frühling an, was die Bäume veranlasste, Knospen zu treiben, und die Schmetterlinge rege machte. Dem Medizinalrat zufolge zog 1828 ein fünftägiges Aprilgewitter mit geradezu apokalyptischen Wolkenbildern das Odertal nordwärts. Am 9. Juli erschlugen Gewitterblitze viele Menschen und entfachten Brände. Aber es entwickelten sich auch heiße, trockene Sommer mit Temperaturen von 27 Réaumur (knapp 35 Grad Celsius). Sie lockten Wanderheuschrecken-schwärme ins Land wie zuletzt 1754. Die gefräßigen Insekten minderten die Ernte erheblich. 1828 ging als Jahr des Fischsterbens an der unteren Oder und ihrer Seitenflüsse in die pommersche Geschichte ein. Die Leiber von Welsen, Hechten und Zandern sollen in ungeheuren Mengen an die Ufer getrieben sein. Auch von Vogelsterben war die Rede. Aber damit nicht genug. Der wackere Dr. Kölpin maß auch Erdausdünstungen und der Erd- und der kosmisch-atmosphärischen Elektrizität mit ihren Schwankungen eine Rolle im Seuchengeschehen bei.

Robert Koch entdeckte im Jahr 1884 den Erreger

All das hatte jedoch nichts mit der Cholera, die auch in folgenden Jahrzehnten immer wieder ihren pandemischen Weltenlauf mit Hunderttausenden Toten antrat, zu tun. Filippo Pacini, John Snow und Max von Pettenkofer brachten schließlich etwas Licht in das Mysterium, bis Robert Koch 1884 endlich den Erreger, das Bakterium Vibrio cholerae, dingfest machte. Er legte auch den Zusammenhang zwischen der Seuche und den unsäglichen sanitärhygienischen Zuständen jener Zeit offen. Trink- und Abwasser flossen üblicherweise in einem System, der Nährboden für eine massenhafte Vermehrung der Bakterien. Mit dem Bau moderner Kläranlagen verschwand die „Pest des 19. Jahrhunderts“ schließlich.



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