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Baukultur

Das „Bad der Welt“ der zwanziger Jahre war preußisch

Streifzüge durch das westfälische Bad Oeynhausen, das einst einer der bedeutendsten deutschen Kurorte war und wesentliche Impulse zu seiner Entwicklung durch die Hohenzollern erhielt

Bernhard Knapstein
09.12.2023

Wer an Architektur in Preußen denkt, der wird vermutlich Bad Oeynhausen nicht auf dem Schirm haben. Wer die Stadt nur von der Durchfahrt über die Hauptverbindung, die Mindener Straße, her kennt, dem wird die Stadt überhaupt nicht in den Sinn kommen. Die profane Gewerbemeile der Stadt ist für Durchreisende das einzig Wahrnehmbare. Dabei könnte eine Stadt, die erst 1860 um den Kurpark herum auf Anweisung des preußischen Prinzregenten und späteren ersten Hohenzollern-Kaisers Wilhelm geplant worden und insoweit eine der jüngsten Stadtgründungen Preußens ist, kaum preußischer sein. Ein Abstecher in das Zentrum des Kurorts erweist sich selbst heute noch als überaus inspirierend.

Ein Kurbad als Nukleus der Stadt
Das vormalige Hochstift Minden war im Zuge des Westfälischen Friedens 1648 als Entschädigung für das Schweden zugeschlagene Vorpommern als Fürstentum Minden an Brandenburg-Preußen gegangen. Das Fürstentum Minden beendete 1807 Napoleon und schlug es dem Königreich Westphalen zu. Zu diesem Zeitpunkt existierte von Bad Oeynhausen nicht mehr als eine kleine, wenn auch einträgliche Saline in den Sültewiesen der Werreniederung. Deren Bau hatte Friedrich der Große 1753 – exakt 1000 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung der heute zu Bad Oeynhausen gehörenden Siedlung Rehme – in Auftrag gegeben. 1760 kam noch ein erstes Gradierwerk dazu. Die Saline selbst war noch bis 1928 in Produktion.

Einen Entwicklungssprung erlebte der Ort, nachdem Berghauptmann Karl von Oeynhausen im Jahr 1839 mittels Bohrungen den Umfang des unterirdischen Salzvorkommens sondierte. Im Rahmen einer 696 Meter tiefen Bohrung – laut Alexander von Humboldt die seinerzeit tiefste Bohrung weltweit – stieß von Oeynhausen auf eine Thermalquelle und empfahl dem König die Errichtung einer staatlichen Badestelle. So nahm das preußische Projekt eines Staatsbads seinen Lauf. Keine Kirche und kein Markt sind hier der Nukleus der Stadt, sondern ein Kurbad.

Namensgebung zugunsten des Entdeckers der Thermalquelle
Die Liegenschaften wurden verstaatlicht, eine Nutzungskonzession 1845 vergeben. Vom 18. Mai bis zum 15. Juli des Jahres fand auch gleich die erste Badesaison zu Neusalzwerk statt, wie Oeynhausen zu diesem Zeitpunkt noch genannt wurde. Bereits ab 1847 brachte die Cöln-Mindener Eisenbahn Kurgäste aus dem Rheinland nach Bad Oeynhausen und damit den Kurbetrieb in Schwung. Der damalige preußische König Friedrich Wilhelm IV. zeigte sich angetan von der Entwicklung der Badeanstalt und benannte sie 1848 nach dem Entdecker der Thermalquelle: „Bad Oeynhausen“.

Bemerkenswert ist, dass sich Friedrich Wilhelm IV. selbst persönlich für die weitere Entwicklung eines Kurorts stark machte. Der architekturbegeisterte Monarch beauftragte den von Karl Friedrich Schinkel beeinflussten Peter Joseph Lenné mit der Gestaltung der 26 Hektar großen Kuranlagen. Der Schinkel-Schüler Carl Ferdinand Busse konzipierte und baute zwischen 1854 und 1857 unter Mitwirkung des preußischen Baumeisters Robert Ferdinand Cremer das Badehaus I im spätklassizistischen Stil einer römischen Landvilla mit zwei parallel angelegten Flügeln und einem Haupthaus dazwischen. In den beiden Flügeln befanden sich in Separees die Wannen, wobei jedem Geschlecht einer der beiden Flügel zugewiesen war. König Friedrich Wilhelm IV. nahm an der Einweihung persönlich teil. Bis heute zählt das Badehaus zu den bedeutendsten Bauwerken der Stilepoche, gilt als Prototyp der deutschen Bäderarchitektur und ist erst vor wenigen Jahren grundsaniert worden.

Um die Badeanstalt entstanden mit der Zeit weitere Immobilien, deren teils klassizistische teils gründerzeitliche Architektur mit dem der Kuranlagen harmoniert. Von besonderer Bedeutung für den Kurbetrieb waren allerdings auch die Investitionen des Johanniterordens, der mit seinem „Asyl für bedürftige Badegäste“ für zunächst 24 Patienten den Nutzen des Kurbetriebs auch für sozial schwächer Aufgestellte zugänglich machte. Heute halten die Johanniter Ordenshäuser in der Stadt ein hochleistungsfähiges Rehabilitationszentrum mit 355 stationären und 30 ambulanten Plätzen vor.

Herrschaftliche Häuser und Villen
1885 entstand das Badehaus II im Stil der Neorenaissance. In jenem Jahr erhielt Bad Oeynhausen seine Gemeinderechte. Den Kurpark prägen bis heute allerdings noch weitere Gebäude. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtete man 1903 die Kurverwaltung, 1908 das Kurhaus im Neobarock-Stil mit Gartenparterre und Rosengarten sowie 1913 das Theater im Park als Neorokoko-Architektur. Um den Kurpark herum gab es herrschaftliche Häuser und Villen, die jedoch nicht alle die städtebaulichen Veränderungen überlebt haben. So existiert die von Kaiser Wilhelm II. für seine Aufenthalte bevorzugte Farne-Villa mit ihrem auffallend hoch aufsteigenden Giebeldach heute nicht mehr.

Geradezu opulent wirkt heute aber noch immer die erst 1926 errichtete marmorweiße neoklassizistische Wandelhalle mit Trinkbrunnen. Der hohe Wandelgang, der eine überdachte Wandelbahn aus Metall ersetzt hat, wird getragen von beachtlich stämmigen dorischen Säulen. Passend zu dem Bau werden die 1920er-Jahre zur goldenen Zeit für den Kurort. Bad Oeynhausen wird als „Weltbad“ zur Marke von Weltruhm. Filmstars und Politiker aus aller Welt flanieren auf den Chausseen des Staatsbads, genießen Rundflüge über die Region und speisen Erlesenes in den Lokalen. Das gefeierte deutsch-amerikanische Tanz-Duo Molly und Walther Monroe brachte einen verruchten Hauch von „Babylon Berlin“ nach Bad Oeynhausen.

Unter britischer Besatzung
Unter den Nationalsozialisten brach der Kurbetrieb sukzessive weg. Wenige Wochen nach Kriegsende 1945 machten die Briten Bad Oeynhausen zu ihrem Hauptquartier – mit gravierenden Folgen: Über Nacht musste die Bevölkerung den gesamten innerstädtischen Bereich südlich der Nordbahn räumen. Die Zahlen sprechen für sich: Aus 959 Häusern mit 1807 Wohnungen mussten bis zu 9000 Bewohner ausziehen, das waren 70 Prozent der Bevölkerung. Auch der Kurbetrieb war damit vollständig beendet. In den britischen Sperrbezirk zogen für knapp zehn Jahre 6000 Briten ein.

Erst 1955 konnte das Bad wieder aufgebaut, die von den Briten heruntergewirtschaftete Bebauung von der Bevölkerung wieder bezogen werden. Baulich entwickelte sich Bad Oeynhausen bis in die 1970er Jahre nicht nur zum Vorteil der Stadt, doch konnten inzwischen einige architektonischen Verfehlungen behutsam bereinigt werden.


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