14.08.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden

Der Wochenrückblick

Das Bösartige lauert allerorten

Wie sich Scholz trotzdem entspannte, Lauterbach die Bibel entdeckte und Drosten gestört wurde

Erik Lommatzsch
09.07.2022

Dass so ein G7-Gipfel für unsere schwer arbeitenden – früher hätte man gesagt, sich im Dienste von Volk und Vaterland verzehrenden – Politiker abseits des Besprechungs- und Verhandlungspensums auf höchster Ebene noch ganz andere Dimensionen haben, war von Bundeskanzler Scholz persönlich zu erfahren. Während des weiträumig gut gesicherten Treffens auf dem oberbayerischen Schloss Elmau (gemunkelt wurde sogar von Grenzkontrollen, die sich unter seiner Vorgängerin in einer anderen Situation nicht realisieren ließen, offenbar gab es in dieser Hinsicht Fortschritte), habe er die Zeit mit seiner Frau „sehr genossen“. So recht viel Gelegenheit zur Zweisamkeit hat das Paar nicht, „denn wir haben beide sehr enge Terminkalender“. Frau Scholz, die nicht Frau Scholz, sondern Britta Ernst heißt, arbeitet nämlich ebenfalls schwer, als Ministerin für Bildung, Jugend und Sport in Brandenburg. Da ist so ein wenig entspannende Gipfelluft schon schön und gönnen braucht man die sich ja auch nicht selbst, das tut der Steuerzahler für seine geplagten Leistungsträger gern.

Immerhin ist unser aller Wohl bei ihnen in guten Händen. Mit der bemerkenswerten, völlig überraschenden Feststellung, die „aktuelle Krise wird nicht in wenigen Monaten vorübergehen“, hatte Scholz bereits wenige Tage nach seinem G7-Urlaub auf Schloss Elmau Vertreter von Arbeitgebern und Gewerkschaften im Kanzleramt zu einem Treffen empfangen. Dieses bildete den Auftakt einer „Konzertierten Aktion“. Die markige Bezeichnung ist wohl eine Anspielung auf gleichnamige wirtschaftspolitische Initiativen der Vergangenheit. Eigentlich kein gutes Omen, denn diese gelten, vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade als Erfolgsgeschichte. Scholz verkündete allerdings am Ende, wenn auch zugegebenermaßen etwas kryptisch, die Zusammenkunft sei „vielversprechend“ gewesen. Die „Bild“-Zeitung, ein mitunter bösartiges Presse-Organ, fasste das Ergebnis des von ihr so bezeichneten „Anti-Teuer-Gipfels“ hingegen in die Worte: „Leider nichts!“

Aber das ist sicher reine Missgunst, Erfolge werden ja immer wieder kleingeredet. So war es auch mit der Erfolgsmeldung, die Verbraucherpreise seien im Juni „überraschend“ nur um 7,6 Prozent gestiegen, im Mai habe die Inflationsrate noch bei 7,9 Prozent gelegen. Nur ganz böse Zungen meinten, dies sei in etwa so erleichternd, wie wenn man mitgeteilt bekomme, alle vier Reifen des eigenen Autos seien zerstochen worden und bei der Überprüfung feststelle, dass tatsächlich nur drei Reifen zerstört sind.

Ähnlich böse Zungen hatten von Anfang an den Sinn der Corona-Maßnahmen in Frage gestellt. Nicht weil sie Corona als ernst zu nehmende Krankheit „geleugnet“ hätten, sondern weil sie gegenüber dem kaum zu erwartenden Nutzen unverhältnismäßige Kollateralschäden mit schweren Folgen befürchteten und entsprechend anmahnten, verantwortungsbewusst die Dimensionen im Blick zu behalten. Nun haben 18 offenbar nicht minder bösartige Experten verschiedener Fachrichtungen, der sogenannte Sachverständigenrat, die Maßnahmen bewertet, sozusagen von Amts wegen. In ihrem Gutachten ist unter anderem zu lesen, dass die Lockdowns und Zutrittsbeschränkungen à la 3G oder 2G höchstens kurzfristig wirksam gewesen seien.

Bösartige Forscherin

Die „genaue Wirksamkeit von Schulschließungen auf die Eindämmung der Ausbreitung des Corona-Virus“ sei sogar völlig unklar – im Gegensatz zu den verheerenden Folgen für „das psychische Wohlbefinden“ der Kinder und Jugendlichen, diese Schäden seien „immens“. Da die Experten hier wohl irrige Ansichten – hat vielleicht sogar jemand von Querdenkern gesprochen? – vertreten, beschlossen die Gesundheitsminister der Länder nur wenige Stunden nach Übergabe des Gutachtens, dass es möglich sein solle, die Maßnahmen im Herbst fröhlich wieder in Gang zu setzen. Karl Lauterbach, der oberste, um uns alle besorgte Warner vor sämtlichen bekannten und künftigen Corona-Varianten, holte auch gleich das ganz große Verbal-Besteck heraus: Das, was der Sachverständigenrat da zusammengeschrieben habe, sei ja schließlich „keine Bibel“. Rückhalt bekommen er und seine Länderkollegen laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts „Civey“ von immerhin 49 Prozent der Bevölkerung, die sich ab sofort für schärfere Corona-Maßnahmen aussprechen. Dem steht zwar das Gutachten entgegen, aber vielleicht hat man es einfach nur versäumt, die richtigen Experten zu beauftragen.

Zu denen zählt zweifelsfrei Christian Drosten, um den es in letzter Zeit etwas ruhig geworden war. Bösartige Menschen – da gibt es offenbar viele – haben im Internet für jedermann abrufbare Aussagen vom Januar 2020 platziert, in denen er den Nutzen von Masken dezidiert zurückweist („... damit hält man das nicht auf“). Das hatte er sich dann, als führender Wissenschaftler, wenig später anders überlegt. Nun hat sich Drosten vom strapaziösen Geschäft seiner vielen, mitunter nicht immer stringenten, aber nichtsdestotrotz reichlich befolgten Verlautbarungen, erholen wollen, Auszeiten braucht nicht nur der Kanzler. Warum er sich dazu ausgerechnet Mecklenburg ausgesucht hat, bleibt unklar. Er hätte doch wissen müssen, dass hier, auf dem Territorium „Dunkeldeutschlands“ (eine vom Bundespräsidenten geschätzte Wortschöpfung) nur Unverständnis für seine segensreiche Tätigkeit lauert. So ist er auf einem Zeltplatz doch tatsächlich als „Massenmörder“ und „Transhumanist“ bezeichnet worden, der „Kinder auf dem Gewissen habe“. Natürlich erstattete er Anzeige „wegen Verleumdung“. Vielleicht mit Maske, vielleicht auch ohne – je nachdem, wie es um die derzeitige Ansicht des Virologen über deren Nutzen bestellt ist.

Apropos Wissenschaft: Eine offenbar reaktionäre oder eben einfach nur bösartige Forscherin der Berliner Humboldt-Universität durfte ihren Vortrag über die Tatsache der ausschließlichen Zweigeschlechtlichkeit in der Biologie nicht halten. Untersagt hatte es die Hochschule, nachdem Aktivisten wegen „Trans*feindlichkeit“ zu Protesten aufgerufen hatten. Da ist die Bundesregierung doch wesentlich weiter als die Humboldt-Biologin. Soeben wurde ein Selbstbestimmungsgesetz vorgestellt, gemäß der Transsexuelle quasi auf Zuruf Vorname und Geschlechtseintrag offiziell ändern lassen können. Kleiner Wermutstropfen – es geht nur einmal pro Jahr.

Damit bösartige Ansichten immer weniger Verbreitung finden, hat Bundespräsident Steinmeier anlässlich des 30. Jubiläums des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) darauf hingewiesen, dass „auch in Zukunft starke öffentlich-rechtliche Sender, die ihrem Auftrag konsequent und auf hohem Niveau nachkommen“ notwendig seien. Nahezu zeitgleich verlor die böse „Achse des Guten“ einen für ihre Existenz maßgeblichen Werbepartner, und dem Blogger Boris Reitschuster wurden die PayPal-Konten gesperrt. Die Voraussetzungen zur Verbreitung richtiger, einzig wahrer Ansichten werden immer besser.



Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentare

sitra achra am 21.07.22, 12:26 Uhr

Ich habe vermehrt den Eindruck, zur Abbüssung meines Karmas in einer Freiluftklapse aufgewachsen zu sein.
Diese überbevölkerten urbanen Räume scheinen Brutstätten der Irrationalität zu sein, in denen Verrücktes für Verrückte produziert wird.
So geraten wir gemeinsam in die malthusianische Falle.

Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!