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Nur ein Wort beschreibt das Verhältnis zwischen den USA und dem Iran: Feindschaft. Und daran ist Washington nicht schuldlos
Seit Ende Dezember letzten Jahres ist der Iran Schauplatz massiver Proteste. Tausende Menschen gingen seither auf die Straßen, zunächst aus wirtschaftlicher Not, wegen hoher Inflation und einer kollabierenden Währung, doch schnell wurde der Protest zu einer breiteren politischen Bewegung gegen die islamische Führung. Und die Mullahs gehen mit harter Hand gegen die Revolution vor. Von bis zu 18.000 Toten ist – je nach Quelle – die Rede.
Die Reaktionen der internationalen Gemeinschaft – deren Regeln unter der Unberechenbarkeit US-Präsident Donald Trumps zu Staub zerbröseln – fallen naturgemäß verschieden aus. Trump erklärte, die Vereinigten Staaten stünden an der Seite der Demonstranten, er wolle alle Optionen prüften – inklusive direkter Intervention, „wenn es denn so wäre“. Die iranische Führung reagierte scharf: Ein Angriff auf den obersten Führer Ali Chamenei, so die Worte aus Teheran, wäre gleichbedeutend mit Krieg.
Doch dieses akute Spannungsfeld ist nur die jüngste Episode in einem jahrzehntelangen, tief verwurzelten Konflikt zwischen Washington und Teheran. Historisch gesehen begannen die Beziehungen zwischen den USA und dem Iran einst freundlich: Amerikanische Missionare, Lehrer und Berater galten im frühen 20. Jahrhundert als wohlwollend, im Gegensatz zu den Kolonialmächten Großbritannien und Russland. Der erste Riss aber kam bereits 1953, als die CIA den demokratisch gewählten Premierminister Mohammad Mossadegh stürzte und stattdessen Schah Mohammad Reza Pahlavi wieder einsetzte. Für viele Iraner wurde dies zum Symbol westlicher Einmischung. Ein Vertrauensbruch, der die politische Kultur des Landes nachhaltig prägte.
Der kommunistische Historiker Matthias Küntzel etwa sieht in der US-Intervention eine strukturelle Grundlage für den späteren Konflikt. Westliche Strategien setzten damals auf Macht und Stabilität, nicht auf Legitimität oder die Berücksichtigung religiöser und kultureller Eigenheiten. Selbst konservative Deutungsmuster bewerteten seinerzeit die Einmischung als langfristig eher negativ.
Stabilität gegen Loyalität
Die Islamische Revolution von 1979 verschärfte den Bruch. Mit der Besetzung der US-Botschaft in Teheran und der Geiselnahme von 444 Amerikanern wurden die diplomatischen Beziehungen vollständig abgebrochen. Einen „Fluch der bösen Tat“ sah Nahost-Experte Peter Scholl-Latour in der Entwicklung, die sich aus der US-Politik im Iran ergeben hat. Es sei eine unmittelbare Folge US-amerikanischer Fehlkalkulationen. Der Westen ernte, was er politisch gesät habe, machte er deutlich und betonte, dass die Revolution keine Laune der Geschichte, sondern Reaktion auf die US-Interventionen in Persien war. Die Amerikaner hätten Stabilität höher gewertet als Loyalität, Modernisierung für wichtiger erachtet als Legitimität – eine Fehleinschätzung, die das Fundament für die Spannungen der folgenden Jahrzehnte legte.
Einen noch weiteren neuen Drall erhielt diese Schieflage in dem amerikanisch-iranischen Verhältnis, als die USA im Iran-Irak-Krieg ab 1982/83 indirekt Saddam Hussein unterstützten. Denn ein Sieg des Irans galt in diesem ersten Golfkrieg als nicht wünschenswert. Scholl-Latour kritisierte die Unterstützung des irakischen Diktators zwar als moralisch fragwürdig, hielt sie aber dennoch gleichzeitig für geopolitisch nachvollziehbar. „Für Washington zählt Geopolitik mehr als Recht oder Moral.“ Langfristig ging der Iran durch den mit einem Waffenstillstand beendeten Krieg jedoch als ernst zu nehmender regionaler Akteur hervor, der gelernt hatte, externe Bedrohungen zu überleben und politisch zu navigieren.
Nach dem Kalten Krieg verschärfte sich die Situation ein weiteres Mal. Im Atomstreit setzten die USA auf Isolation, während Teheran auf eine eigene nukleare Abschreckung pochte. Nach Analyse des Politikwissenschaftlers Ali Fathollah-Nejad unterschied „die westliche Iran-Politik nicht ausreichend zwischen legitimen Sicherheitsinteressen der Regionalmächte und bloßem Regimewechsel-Willen“. Sanktionen und Drohkulissen, so der Iran-Experte, verhärteten eher die iranische Führung, statt sie zur Kooperation zu bewegen.
Die US-Invasionen im Irak 1991 und 2003 verschoben das regionale Machtgefüge weiter. Der Sturz Saddam Husseins sei ein weiterer strategischer Fehler, urteilte sodann Scholl-Latour. Anstatt den Iran zu schwächen, habe Washington ihm gar Raum gegeben, seinen Einfluss in der Region auszubauen.
Heute stehen die Vereinigten Staaten erneut vor der Herausforderung, wie sie auf die aktuellen Proteste und die Drohungen reagieren sollen. Die Politik müsse die legitimen Forderungen der Bevölkerung ernst nehmen, ohne das Land in einen neuen Konflikt zu treiben, schätzt Fathollah-Nejad die Situation ein.
Die Eskalationspfade sind vielfältig, aber keiner ist unausweichlich. Eine mögliche, wenn auch riskante Variante wäre eine militärische Konfrontation in Verbindung mit regionalen Stellvertreterkämpfen, etwa über den Irak oder die schiitischen Milizen im Libanon, die den Iran unterstützen. Zudem könnte Washington versuchen, die Demonstranten durch politische Unterstützung zu stärken – ein Szenario, das sowohl Chancen auf politische Reformen als auch das Risiko einer brutalen Repression birgt.
Die Spekulationen darüber, wie Trump letztlich reagieren wird, gehen weit auseinander. Der Satz des Präsidenten mit Blick auf die Demonstranten, Hilfe sei unterwegs, lässt dafür wie so oft viel Raum. Denn bisher schaut Washington teilnahmslos zu – leere Versprechen. Ein US-gesteuertes Attentat auf Ajatollah Ali Chamenei wird hingegen als Möglichkeit unter Experten offen diskutiert.
Ob Trump den Interessen der anderen arabischen Staaten Bedeutung beimisst, ist fragwürdig. Nach Auffassung von Pauline Raabe vom Berliner Think Tank „Middle East Minds“ wünschen sich die Golfstaaten zwar einen schwachen Iran, aber keine Eskalation, durch die sie selbst zu Zielen des Irans werden könnten. „Die US-Basen in Katar, in Saudi-Arabien oder Bahrain könnten zu den ersten Zielen möglicher iranischer Luftschläge werden“, so Raabe laut Deutscher Welle.
Und auch Israel erhöht die Alarmbereitschaft, sendet aber auch ausgleichende Worte an die Demonstranten: „Wir unterstützen das iranische Volk und wünschen ihm Erfolg“, so Außenminister Gideon Saar.