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Neueste Forschungen belegen: Im Kern sind wir immer noch Steinzeitmenschen. Dadurch aber ist unser zumeist urbanes Umfeld eine einzige Zumutung für Geist und Körper
Ursprünglich war der Homo sapiens ein Geschöpf der Natur, das aufgrund seiner extremen Anpassungsfähigkeit fast alle Lebensräume auf unserem Planeten besiedeln konnte. Dann erfolgte vor rund 12.000 Jahren der Übergang von der nomadischen zur sesshaften Lebensweise. Dabei entstand durch den Bau der ersten Siedlungen eine neue künstliche Umgebung. Nachfolgend war der Prozess der Urbanisierung nicht mehr aufzuhalten. Deswegen lebt inzwischen schon mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Das sind 4,5 Milliarden Menschen, und 2050 werden es dann wohl sogar 6,5 Milliarden sein. Stadtbewohner verbringen zumeist kaum Zeit in der Natur: In den Industriestaaten halten sie sich oft nur noch zwei Stunden am Tag außerhalb von geschlossenen Räumen auf.
Das bleibt nicht ohne Folgen. Eine davon ist das immer größer werdende Missverhältnis zwischen der Geschwindigkeit der Veränderungen, die das Stadtleben sowie im übrigen auch die Industrialisierung mit sich bringt, und der biologischen Anpassungsfähigkeit unserer Art. Für dieses Auseinanderdriften kreierten Mediziner und Sozialwissenschaftler den Fachausdruck „Evolutionäre Diskrepanz“ (Evolutionary Mismatch). Welch gravierendes Ausmaß das Phänomen mittlerweile angenommen hat, haben Daniel Longman von der School of Sport der britischen Loughborough University und Colin Shaw vom Institut für Evolutionsanthropologie der Universität Zürich in einer detaillierten Studie über die Auswirkungen der Urbanisierung auf den Homo sapiens beschrieben. Die Studie erschien vergangenen November in der Fachzeitschrift „Biological Review“.
Zunächst sorgt die Verstädterung nachweislich für einen Rückgang von Ausdauer und Körperkraft. Das belegen zahlreiche Untersuchungen, bei denen unter anderem die Herz-Kreislauf-Fitness, Hand- und Oberkörperkraft sowie maximale Sauerstoffaufnahme von Land- und Stadtbewohnern verglichen wurde.
Ernste Folgen für die Gesundheit
Extrem auffällig ist des Weiteren der Rückgang der Reproduktionsrate unter urbanen Bedingungen. Dieser resultiert zum Teil aus dem besseren Zugang für Frauen zu Bildung und beruflichen Karrieren, zum anderen aber auch aus ungünstigen äußeren Bedingungen wie der Umweltverschmutzung in Städten: Schadstoffe erhöhen das Risiko von Fehlgeburten und vermindern bei beiden Geschlechtern die Fruchtbarkeit.
Außerdem beeinträchtigen städtische Umgebungen das Immunsystem. Dadurch wiederum steigt die Infektionsanfälligkeit sowie die Neigung zu Allergien, chronisch entzündlichen Erkrankungen und Krebs. Ursache ist unter anderem der Rückgang von weißen Blutkörperchen, die infizierte und tumorartige Zellen zerstören. Ebenso geht das Leben in der Stadt mit verminderten Kontakten zu Mikroorganismen einher, die das Immunsystem stärken. Hierzu sagt die sogenannte Old-Friends-Hypothese: Der Umstand, dass unsere Vorfahren ständig mit Bakterien und Viren aus dem Boden sowie dem Tierreich konfrontiert wurden, hat ihre Immunregulation trainiert und schädliche Überreaktionen eines nicht ausgelasteten Immunsystems verhindert.
Darüber hinaus leidet die Immunabwehr unter Schadstoffen und einem Übermaß an künstlichem Licht in der Nacht. Letzteres erhöht gleichfalls die Entzündungsneigung.
Auch beeinträchtigt das Stadtleben die Gehirnfunktionen des Menschen. Zahlreiche Untersuchungen ergaben einen engen Zusammenhang zwischen dem Grad der Urbanisierung und den Leistungen in Tests, bei denen es um Orientierung, Merkvermögen, Aufmerksamkeit und mathematische Fähigkeiten ging. Auch dafür werden Lärm, Umweltverschmutzung und visuelle Faktoren wie das Fehlen natürlicher optischer Reize verantwortlich gemacht. Als größtes Übel, das etliche negative körperliche und seelische Folgen hat, gilt jedoch Stress.
Der Homo sapiens im Dauerstress
Hierzu brachten Longman und Shaw folgendes Beispiel: In der jahrmillionenlangen evolutionären Entwicklung des Menschen war es wichtig, in akuten Stresssituationen wie dem Kontakt mit Raubtieren den Körper blitzartig in Alarmbereitschaft zu versetzen, um so den Kampf oder die Flucht zu ermöglichen. Allerdings traten solche Situationen nur gelegentlich auf, wodurch der Organismus Zeit hatte, sich nachfolgend wieder zu erholen – wenn der Löwe verschwunden war, kehrte der Körper in den Normalzustand zurück. In städtischen Umgebungen sind die Stressoren aber allgegenwärtig und resultieren unter anderem aus dem Straßenverkehr, Bauarbeiten, gewerblichen Aktivitäten und ebenso unerfreulichen wie unvermeidbaren sozialen Kontakten. Laut dem Autorenduo ist das für den Menschen genauso, „als ob er Löwe für Löwe für Löwe gegenüberstehe“.
Dieser chronische Stress führt zu einer dauerhaften Belastung, die ebenfalls die körperliche Fitness und das Immunsystem schwächt sowie zum Rückgang der Geburtenzahlen führt. Wie sehr städtische Umgebungen die Menschen zermürben, zeigten Versuche in Japan. Hier ergaben sich bereits nach 15 Minuten Aufenthalt in urbanen oder natürlichen Umfeldern signifikante Unterschiede bei den verschiedenen Biomarkern für die Stressbelastung.
Das alles wirft natürlich die Frage auf, wie es künftig mit dem immer mehr zum Stadtleben tendierenden Homo sapiens weitergehen wird. Longman und Shaw zufolge tun sich diesbezüglich drei Möglichkeiten auf. Zum Ersten könnte die Menschheit irgendwann schrumpfen, weil die nicht so Resistenten zunehmend weniger Nachwuchs zeugen. Zum Zweiten besteht die Möglichkeit der breitflächigen evolutionären Anpassung an die biologischen und sozialen Herausforderungen der Verstädterung und Industrialisierung. Und zum Dritten wäre theoretisch auch eine Umkehr möglich.
Dem „Zurück zur Natur“ stünde allerdings die derzeitige Bevölkerungsdichte im Wege, weil die nichturbanen Lebensräume allerorten begrenzt sind. Daher müsste die evolutionäre Fehlanpassung zuvor zu einem Bevölkerungsschwund führen. Das klingt zynisch, aber in der Geschichte unserer Spezies gab es mindestens schon vier Phasen, in denen die Zahl der Menschen dramatisch zurückging, weswegen Forscher hier von „genetischen Flaschenhälsen“ sprechen.