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Zu viel ist zu viel: Das Getöse unserer Städte überfordert viele Menschen
Bild: shutterstock.comZu viel ist zu viel: Das Getöse unserer Städte überfordert viele Menschen

Evolution

Eigentlich sind wir für dieses Leben gar nicht gemacht

Neueste Forschungen belegen: Im Kern sind wir immer noch Steinzeitmenschen. Dadurch aber ist unser zumeist urbanes Umfeld eine einzige Zumutung für Geist und Körper

Wolfgang Kaufmann
02.02.2026

Ursprünglich war der Homo sapiens ein Geschöpf der Natur, das aufgrund seiner extremen Anpassungsfähigkeit fast alle Lebensräume auf unserem Planeten besiedeln konnte. Dann erfolgte vor rund 12.000 Jahren der Übergang von der nomadischen zur sesshaften Lebensweise. Dabei entstand durch den Bau der ersten Siedlungen eine neue künstliche Umgebung. Nachfolgend war der Prozess der Urbanisierung nicht mehr aufzuhalten. Deswegen lebt inzwischen schon mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Das sind 4,5 Milliarden Menschen, und 2050 werden es dann wohl sogar 6,5 Milliarden sein. Stadtbewohner verbringen zumeist kaum Zeit in der Natur: In den Industriestaaten halten sie sich oft nur noch zwei Stunden am Tag außerhalb von geschlossenen Räumen auf.

Das bleibt nicht ohne Folgen. Eine davon ist das immer größer werdende Missverhältnis zwischen der Geschwindigkeit der Veränderungen, die das Stadtleben sowie im übrigen auch die Industrialisierung mit sich bringt, und der biologischen Anpassungsfähigkeit unserer Art. Für dieses Auseinanderdriften kreierten Mediziner und Sozialwissenschaftler den Fachausdruck „Evolutionäre Diskrepanz“ (Evolutionary Mismatch). Welch gravierendes Ausmaß das Phänomen mittlerweile angenommen hat, haben Daniel Longman von der School of Sport der britischen Loughborough University und Colin Shaw vom Institut für Evolutionsanthropologie der Universität Zürich in einer detaillierten Studie über die Auswirkungen der Urbanisierung auf den Homo sapiens beschrieben. Die Studie erschien vergangenen November in der Fachzeitschrift „Biological Review“.

Zunächst sorgt die Verstädterung nachweislich für einen Rückgang von Ausdauer und Körperkraft. Das belegen zahlreiche Untersuchungen, bei denen unter anderem die Herz-Kreislauf-Fitness, Hand- und Oberkörperkraft sowie maximale Sauerstoffaufnahme von Land- und Stadtbewohnern verglichen wurde.

Ernste Folgen für die Gesundheit
Extrem auffällig ist des Weiteren der Rückgang der Reproduktionsrate unter urbanen Bedingungen. Dieser resultiert zum Teil aus dem besseren Zugang für Frauen zu Bildung und beruflichen Karrieren, zum anderen aber auch aus ungünstigen äußeren Bedingungen wie der Umweltverschmutzung in Städten: Schadstoffe erhöhen das Risiko von Fehlgeburten und vermindern bei beiden Geschlechtern die Fruchtbarkeit.

Außerdem beeinträchtigen städtische Umgebungen das Immunsystem. Dadurch wiederum steigt die Infektionsanfälligkeit sowie die Neigung zu Allergien, chronisch entzündlichen Erkrankungen und Krebs. Ursache ist unter anderem der Rückgang von weißen Blutkörperchen, die infizierte und tumorartige Zellen zerstören. Ebenso geht das Leben in der Stadt mit verminderten Kontakten zu Mikroorganismen einher, die das Immunsystem stärken. Hierzu sagt die sogenannte Old-Friends-Hypothese: Der Umstand, dass unsere Vorfahren ständig mit Bakterien und Viren aus dem Boden sowie dem Tierreich konfrontiert wurden, hat ihre Immunregulation trainiert und schädliche Überreaktionen eines nicht ausgelasteten Immunsystems verhindert.

Darüber hinaus leidet die Immunabwehr unter Schadstoffen und einem Übermaß an künstlichem Licht in der Nacht. Letzteres erhöht gleichfalls die Entzündungsneigung.

Auch beeinträchtigt das Stadtleben die Gehirnfunktionen des Menschen. Zahlreiche Untersuchungen ergaben einen engen Zusammenhang zwischen dem Grad der Urbanisierung und den Leistungen in Tests, bei denen es um Orientierung, Merkvermögen, Aufmerksamkeit und mathematische Fähigkeiten ging. Auch dafür werden Lärm, Umweltverschmutzung und visuelle Faktoren wie das Fehlen natürlicher optischer Reize verantwortlich gemacht. Als größtes Übel, das etliche negative körperliche und seelische Folgen hat, gilt jedoch Stress.

Der Homo sapiens im Dauerstress
Hierzu brachten Longman und Shaw folgendes Beispiel: In der jahrmillionenlangen evolutionären Entwicklung des Menschen war es wichtig, in akuten Stresssituationen wie dem Kontakt mit Raubtieren den Körper blitzartig in Alarmbereitschaft zu versetzen, um so den Kampf oder die Flucht zu ermöglichen. Allerdings traten solche Situationen nur gelegentlich auf, wodurch der Organismus Zeit hatte, sich nachfolgend wieder zu erholen – wenn der Löwe verschwunden war, kehrte der Körper in den Normalzustand zurück. In städtischen Umgebungen sind die Stressoren aber allgegenwärtig und resultieren unter anderem aus dem Straßenverkehr, Bauarbeiten, gewerblichen Aktivitäten und ebenso unerfreulichen wie unvermeidbaren sozialen Kontakten. Laut dem Autorenduo ist das für den Menschen genauso, „als ob er Löwe für Löwe für Löwe gegenüberstehe“.

Dieser chronische Stress führt zu einer dauerhaften Belastung, die ebenfalls die körperliche Fitness und das Immunsystem schwächt sowie zum Rückgang der Geburtenzahlen führt. Wie sehr städtische Umgebungen die Menschen zermürben, zeigten Versuche in Japan. Hier ergaben sich bereits nach 15 Minuten Aufenthalt in urbanen oder natürlichen Umfeldern signifikante Unterschiede bei den verschiedenen Biomarkern für die Stressbelastung.

Das alles wirft natürlich die Frage auf, wie es künftig mit dem immer mehr zum Stadtleben tendierenden Homo sapiens weitergehen wird. Longman und Shaw zufolge tun sich diesbezüglich drei Möglichkeiten auf. Zum Ersten könnte die Menschheit irgendwann schrumpfen, weil die nicht so Resistenten zunehmend weniger Nachwuchs zeugen. Zum Zweiten besteht die Möglichkeit der breitflächigen evolutionären Anpassung an die biologischen und sozialen Herausforderungen der Verstädterung und Industrialisierung. Und zum Dritten wäre theoretisch auch eine Umkehr möglich.

Dem „Zurück zur Natur“ stünde allerdings die derzeitige Bevölkerungsdichte im Wege, weil die nichturbanen Lebensräume allerorten begrenzt sind. Daher müsste die evolutionäre Fehlanpassung zuvor zu einem Bevölkerungsschwund führen. Das klingt zynisch, aber in der Geschichte unserer Spezies gab es mindestens schon vier Phasen, in denen die Zahl der Menschen dramatisch zurückging, weswegen Forscher hier von „genetischen Flaschenhälsen“ sprechen.


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Kommentare

Kersti Wolnow am 06.02.26, 07:24 Uhr

War ich früher glücklich auf dem Alex in Berlin mit meinem kleinen Sohn, die vorbeihetzenden Menschen zu beobachten, war ich glücklich, anonym und unbeobachtet mein tägliches Leben gestalten zu können, nahm ich in Leningrad positiv die Theater- und Einkaufswelt wahr, so ging mir in den 90er Jahren das Hamburger Leben mächtig auf den Geist, vor allem, weil in den Transportmitteln nur noch fremde Menschen mit fremden Sprachen saßen. Seit gut 20 Jahren lebt meine gesamte Familie im Umland. Wir haben genug von der Hatz, dem Schmutz und dem Durcheinander einer Großstadt. Die Menge macht das Gift.

sitra achra am 03.02.26, 17:31 Uhr

Der Mensch ist der Dino der Neuzeit. Dann warten wir mal auf den nächsten Meteoriteneinschlag, aber vielleicht gehen schon vorher die Lichter aus.

Gregor Scharf am 02.02.26, 15:51 Uhr

Die Bevölkerungsexplosion hat ihre Ursachen in religiösen Irrlehren vom Segen und Geschenk Gottes. Kein Wort auch darüber, dass Menschen ganz bewusst und aus Rücksichtnahme auf Kinder verzichten, ihre eigenen Möglichkeiten realistisch einschätzen, die materiellen und gesundheitlichen sowie gesellschaftliche Entwicklungen, und nicht davon träumen, dass es den Kindern einmal besser gehen soll. Demzufolge geht es ihnen gefühlt oder real schlecht und trotzdem oder deswegen pflanzen sie sich fort. Das ist krank bzw. irre, denn in der Natur fallen ganze Generationen weg, wenn die Nahrungskette abreißt und die Bedingungen ungünstig sind.
Man sollte prinzipiell nur dann Kinder zeugen, wenn man sie ernähren kann, wäre ein Ansatz. Der Überlebenskampf bleibt den Kindern nie erspart. Die Verherrlichung eines naturnahen Lebens ist ebenso falsch. Der Mix macht es. Richtig ist: Bewegung ist der Schlüssel zum Leben. Arbeit, die immer nur andere reich macht, ist das stärkste Gift. Unser gegenwärtiges Gesellschaftssystem hat sich überlebt und ist an seine natürlichen unnatürlichen Grenzen gestoßen. Wer kann, entflieht ihm immer öfter und sprengt die Ketten eines Konsumentendaseins. Der Materialismus läuft vor die Wand und weniger stark entwickelte Länder streben ihn gerade erst an, bis sie erkennen, was sie sich da einhandeln.
Überfluss schafft Verdruss, Mangel ist hingegen der Antrieb für Anstrengungen. Das ist der Kreislauf des Lebens. Lebenskünstler kommen immer klar.

David LS am 02.02.26, 00:18 Uhr

Die Unsicherheit von Arbeitsplätzen in extremen freien Marktwirtschaften würde auch zu sinkenden Geburtenraten führen. Wer würde schon Kinder riskieren, wenn man jederzeit seinen Job verlieren könnte?

Ja, das städtische Leben ist stressig und fördert psychische Probleme – tyrannische Vorgesetzte, Machtkämpfe im Büro, Statusangst und der Verlust von Gemeinschaftsgefühl und sozialen Netzwerken sind weitere psychologische Faktoren, die im Artikel nicht erwähnt werden. Manchmal denke ich, ich wäre glücklicher, wenn ich zum bäuerlichen Lebensstil meiner Vorfahren zurückkehren würde. Vielleicht war die industrielle Revolution ein großer Fehler.

In seinen Briefen aus dem Gefängnis prophezeite Bonhoeffer eine große Rückkehr zur Landbewegung. Vielleicht rückt diese Zeit näher.

David
Australien

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