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Das Ende der Weltliteratur?

Verlage pflegen kaum noch Buchklassiker – Diogenes macht eine Ausnahme beim Schweizer Gotthelf und Brandenburger B. Traven

Harald Tews
13.04.2024

Buchklassiker haben in Deutschland keinen leichten Stand. Es gibt sie, aber sie werden aus Kostengründen kaum noch gepflegt. Viele Verlage schleppen sie höchstens als Nebenprodukt mit durch ihr Programm.

Wer Goethes „Faust“ oder Schillers „Räuber“ lesen möchte, kann nach wie vor zu den Reclam-Bänden greifen, eine Zierde für das Bücherregal sind diese gelben Hefte aber nicht gerade. Alle anderen Verlage haben ihre Klassikerreihen ausgedünnt oder ganz eingestampft. Bei dtv und im Insel-Verlag führt die Weltliteratur ein Schattendasein im allgemeinen Bestsellerprogramm, wo sich Grimmelshausens „Simplicissimus“ neben Titeln wie „Weihnachten für Verliebte“ wiederfindet; die Goldmann-Klassiker von einst sind nach und nach verschwunden, seitdem der Verlag von Bertelsmann übernommen wurde; in der ebenfalls zu Bertelsmann zählenden Penguin Random House Verlagsgruppe hält sich der Manesse-Verlag, in dessen „Bibliothek der Weltliteratur“ einst luxuriös ausgestattete Dünndruckausgaben erschienen waren, mit aktuell gerade noch fünf Buchtiteln über Wasser; Artemis & Winkler, früher einmal der angesehenste Verlag für hochwertige Dünndruckbände der Weltliteratur, ist seit 2016 als Marke verschwunden.

Bevor das Internet die Lesegewohnheiten grundlegend veränderte, gab es mit der „Bibliothek deutscher Klassiker“ im zu Suhrkamp/Insel gehörenden Deutschen Klassiker Verlag ein letztes Aufbäumen mit Neueditionen klassischer deutscher Literatur. Von 1981 an erschienen hier kommentierte Gesamtausgaben von Lessing, Goethe, Schiller, Kleist, E. T. A. Hoffmann, Eichendorff oder Wieland. 2013 war das Projekt abgeschlossen. Viele Bände sind seitdem vergriffen und Neuauflagen nicht vorgesehen. Diese lohnen sich bei abflauenden Leserzahlen kaum.

Wer nicht auf die lieblos aufgemachten Billigausgaben vom Anaconda- oder Marix-Verlag zurückgreifen möchte, muss sich seine verstreut erscheinenden Lieblingsklassiker in anderen Verlagen zusammensuchen. So etwa die Große Brandenburger Ausgabe der Werke Fontanes bei Aufbau, Schillers sämtliche Werke bei Hanser oder Kafka bei S. Fischer.

Als Deutscher schaut man neidvoll ins Ausland. In England legt man Dickens und Co. bei den „Wordsworth“ und „Penguin Classics“ stets neu auf. In Frankreich genießen Molière, Balzac, Zola oder Proust ihren Sonderstatus in der legendären „Bibliothèque de la Pléiade“ des Verlags Gallimard. Selbst in Italien sind bei Mondadori alle unsterblichen Edelfedern von Dante bis Italo Svevo versammelt.

In der Schweiz geht der Diogenes Verlag mit gutem Beispiel voran und sorgt für Neueditionen von klassischen deutschen Texten. Jüngst hat man damit begonnen, den Werken von Jeremias Gotthelf im Rahmen der Zürcher Leseausgabe zu neuem Schwung zu verhelfen. Der Schweizer Schriftsteller und Pfarrer Albert Bitzius, der unter dem Pseudonym Jeremias Gotthelf Romane und Erzählungen schrieb, ist immer eine Wiederentdeckung wert. In „Uli der Knecht“ und dem Folgeroman „Uli der Pächter“ hat er wie kein anderer die Schweizer Bauernwelt in farbenprächtigen Bildern geschildert. Dies gelang ihm ebenso mit seiner gleichnishaften Novelle „Die schwarze Spinne“, in der eine als Spinne dargestellte Seuche jeden dahinrafft, der nicht gottesfürchtig ist.

Die im Berndeutsch eingefärbte Sprache ist für heutige Leser nicht immer leicht zu verstehen. Ein Glossar und Nachworte zu den Texten helfen jedoch über Verständnisschwierigkeiten hinweg.

Neben Gotthelf erweckt Diogenes auch B. Traven wieder zum Leben. Dieser schrieb Abenteuergeschichten wie den 1959 mit Horst Buchholz und Mario Adorf verfilmten Roman „Das Totenschiff“, den Diogenes jetzt mit einem Nachwort des Bestseller-Autors Volker Kutscher („Babylon Berlin“) neu verlegt hat.

Traven ist der bekannteste Unbekannte in der neueren deutschen Literatur. Der Name ist ein Pseudonym, hinter dem nach letzten Erkenntnissen wohl der aus dem brandenburgischen Schwiebus stammende Anarchist Ret Marut steckt. Nach seiner Teilnahme an der Münchner Räterepublik floh er nach Mexiko und schuf dort Klassiker wie den „Schatz der Sierra Madre“. In „Das Totenschiff“ zeigt er sich als engagierter Augenzeuge, der die höllischen Arbeitsbedingungen der Heizer an Bord eines Frachtschiffs schildert.

Man kann darüber diskutieren, ob Traven mit den textlichen Säuberungen der neuen Edition, die den Begriff „Neger“ eliminiert, einverstanden gewesen wäre. Vielleicht erleben die Klassiker dadurch ja eine Renaissance, wenn sie demnächst alle im „woken“ Verständnis unserer Zeit sprachlich reformiert werden.


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