12.08.2020

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Auf dem Lötzener Bahnhof herzlich willkommen geheißen: Masuren, die aus dem Reich zur Abstimmung angereist sind
Foto: Bildarchiv OstpreußenAuf dem Lötzener Bahnhof herzlich willkommen geheißen: Masuren, die aus dem Reich zur Abstimmung angereist sind

Volksabstimmung in Ost- und Westpreußen vom 11. Juli 1920

„Das ganze Volk blickt voll Stolz auf die Masuren und Ermländer“

Das Referendum verbesserte nicht nur das Selbstbewusstsein der Ruhrmasuren und deren Ansehen bei den „Hiesigen“, sondern auch deren Vernetzung in der neuen Heimat

Dieter Chilla
19.07.2020

Nicht nur im südlichen Ostpreußen, sondern auch im Ruhrgebiet schlug die Nachricht von den Gebietsansprüchen Polens auf Masuren wie eine Bombe ein. In Gelsenkirchen, Herne, Bochum und den anderen Städten zwischen Dortmund und Duisburg sowie Emscher und Lippe war die Mehrheit der dort ansässigen Bevölkerung noch im südlichen Ostpreußen, der Landschaft mit dem Namen Masuren, geboren. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts begann der Zustrom von Menschen aus den masurischen Kreisen Osterode, Neidenburg, Ortelsburg, Johannisburg, Lötzen, Lyck und Rastenburg in die Orte des rheinisch-westfälischen Industriebezirks. Nach Gelsenkirchen war der Zuzug besonders intensiv. Vor allem Menschen aus dem Kreis Ortelsburg sammelten sich hier in so großer Zahl, dass die Stadt bald den Beinamen „Klein Ortelsburg" erhielt. 

Die Vorstellung, dass ihre Heimat in Zukunft ein Teil des polnischen Staates sein sollte, erschien ihnen vollkommen wirklichkeitsfremd, zumal die meisten von ihnen zu den sogenannten Ruhrpolen keinen Kontakt fanden, umgekehrt auch nicht. Zu groß waren die Unterschiede im konfessionellen Bereich, in der nationalen Orientierung und in der Lebensführung. Ihre Fremdheit in Preußen wurde auch von den Polen so wahrgenommen, denn etwa zwei Drittel von ihnen verließen nach der Neugründung des polnischen Staates 1919 das Gebiet zwischen Lippe und Emscher und suchten vor allem in den nunmehr zu Polen gehörenden oberschlesischen Kohlegruben Brot und Lohn. 

Der große Saal des Neustädter Vereinshauses wurde neben sechs anderen Gelsenkirchener Vereinshäusern zur Zentralstelle für die Vorbereitung der abstimmungswilligen Ost- und Westpreußen im Ruhrgebiet. Für das Rheinland wurde eine ähnliche Institution in Düsseldorf eingerichtet. Insgesamt sind allein in der Gelsenkirchener Stelle die Anträge von rund 73.000 stimmberechtigten Ostpreußen aus dem Großraum Ruhrgebiet eingerichtet worden. Allein aus Gelsenkirchen (ohne die erst 1928 eingemeindeten Kommunen Buer und Horst) fuhren also 73.000 Menschen in ihre masurische Heimat. 

Für das Jahr 1920 liegen keine konkreten Angaben über die Einwohnerzahl Gelsenkirchens vor. Bekannt ist jedoch, dass 1900 die Einwohnerzahl die Grenze von 100.000 überschritt und Gelsenkirchen zur Großstadt wurde. Die Zahl der Reisewilligen macht nicht nur deutlich, wie hoch der Bevölkerungsanteil der Südostpreußen an der Gesamteinwohnerschaft der „Stadt der tausend Feuer" war, sondern auch, welcher massive Wille in den Menschen steckte, das südliche Ostpreußen nicht zu einem Teil des neu entstandenen polnischen Nationalstaates werden zu lassen.

 „Klein Ortelsburg" 

Dieses Unternehmen wurde spürbar von der „hiesigen" Bevölkerung des Ruhrgebiets unterstützt. So waren nicht nur zahlreiche verwaltungstechnisch geschulte ehrenamtliche Kräfte zur Erledigung der administrativen Angelegenheiten nötig, es wurden auch Pflegekräfte für Kinder benötigt, deren Eltern allein zur Abstimmung fuhren. Eine Mitnahme von Kindern war bestenfalls bei Säuglingen möglich, da die polnische Regierung die Anzahl der Züge durch den sogenannten Korridor bewusst klein hielt. Zwar bot sich auch der Seeweg an, doch wurde der nur von einer Minderheit genutzt, da er organisatorisch aufwendig und für die überwiegend von der Arbeit im Bergbau lebenden Menschen zu teuer war. Durch Behinderungen der Transporte und die mitunter formalistische Bearbeitung von Seiten der polnischen Behörden trafen einige tausend Abstimmungsberechtigte aus dem Ruhrgebiet nicht mehr rechtzeitig in ihren Geburtsorten ein. 

Am 11. Juli, dem Tag der Abstimmung, formulierten sie ihren Unmut über diese Praktiken unter Federführung von Dr. Zumhorst, dem Leiter des Statistischen Amts Gelsenkirchen, an die Reichsregierung. Am 13. Juli veröffentlichte die „Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung" diesen Protestbrief: „Die im Saale des Evangelischen Vereinshauses in Gelsenkirchen-Altstadt versammelten über 2000 heimattreuen Ost- und Westpreußen, die durch äußere Umstände verhindert waren, an der Abstimmung in der Heimat teilzunehmen, erheben hiermit feierlichen Einspruch gegen die Schikanen und Hindernisse, die den zur Ostmark reisenden Deutschen von den Polen bereitet worden sind. Sie finden es schmachvoll, dass die maßgeblichen deutschen Stellen nicht in der Lage waren, wirksame Gegenmaßnahmen zu treffen ...

Einzug ins Stadtparlament 

Die Stimmung besserte sich erheblich, als das Abstimmungsergebnis bekannt wurde: So entschieden sich von 1699 Ortschaften 1695 und von den Stimmberechtigten 363.209 gegen 7980 für den Verbleib in der Provinz Ostpreußen und damit im Deutschen Reich. Für die in der Emscherregion lebenden Ruhrmasuren stellte dies die öffentliche Bekundung ihrer „deutschen Gesinnung" dar. 

Diese Anerkennung wurde unter anderem dadurch deutlich, dass die „Buersche Zeitung" am 13. Juli 1920 folgendes Telegramm des aus der SPD stammenden Reichspräsidenten Friedrich Ebert veröffentlichte: „Das ganze Volk blickt voll Stolz auf die Masuren und Ermländer, das Land, in dem ein so gewaltiges Bekenntnis zum Festhalten an das Deutsche Reich am 11. Juli abgelegt hat. Ich bitte Sie, allen Bewohnern des Abstimmungsgebietes den Dank des Deutschen Reiches und meinen Dank zu übermitteln. Zu dem schönen Erfolg trug nicht zum Mindesten ihre umsichtige Vertretung der deutschen Interessen sowie die aufopferungsfreudige Tätigkeit des Heimatdienstes und die der Bezirksstelle Allenstein angeschlossenen Heimatvereine des Masuren- und Ermlandbundes bei. Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen allen zu der Arbeit zum Wohle des ganzen deutschen Volkes meinen Dank auszusprechen." 

Dieses Abstimmungsergebnis mit seiner öffentlich wirksamen Honorierung in der breiten Öffentlichkeit stärkte nicht nur das Selbstbewusstsein der Ruhrmasuren, es führte auch zu einer Kontaktnahme der „Landsleute" über die Grenzen der jeweiligen Zechenkolonien hinaus. Schnell bildeten sich zahlreiche landsmännische Vereine, die sich am 24. Februar 1924 in Hagen zum „Rheinisch-Westfälischen Hauptverband heimattreuer Ost- und Westpreußen" zusammenschlossen. Bisher waren die Südostpreußen nahezu ausschließlich in Vereinen organisiert, die in der Nähe der evangelischen Kirche beziehungsweise der ostpreußischen Gebetsvereine angesiedelt waren. Bei der Hagener Vereinigung handelte es sich um eine Organisation auf säkularer Grundlage, zu deren Zielen auch die Durchsetzung explizit politischer Ziele gehörte. 

Mit etwa 22.500 Mitgliedern in 141 Ortsgruppen war allein schon quantitativ eine bedeutsame Lobby geschaffen worden. Dass die Vereinsarbeit sich nicht mit bloßen Forderungen begnügte, zeigt die Folgeentwickung: So trat bereits bei den Gelsenkirchener Kommunalwahlen am 4. Mai 1924 eine Partei mit der Bezeichnung „Ost- und Westmärkischer Wirtschaftsbund" an. Wenngleich man hinter der Bezeichnung eine „Wirtschafts"-Vertretung vermuten könnte, handelte es sich in Gelsenkirchen um eine Organisation, welche die gemeinsamen Interessen der dort ansässigen Masuren zu vertreten beabsichtigte. Insgesamt konnte diese Partei 3167 Stimmen auf sich vereinigen und erhielt damit zwei Sitze im Gelsenkirchener Stadtparlament. Dieses Ergebnis erhält seinen Stellenwert jedoch im historischen Kontext, denn 15 oder 20 Jahre eher wäre ein derartiges Engagement von Masuren in den „weltlichen" Organisationen kaum möglich gewesen: weder vor dem Hintergrund ihrer durch Religiosität geprägten Weltsicht noch durch die bis zum Ersten Weltkrieg weitgehend fehlende Akzeptanz durch die westfälischen „Pohlbörger". 

Fortan gehörte man dazu 

Die Abstimmung vom Juli 1920 trug dazu bei, den Damm zu brechen. Die Ruhrmasuren gehörten fortan dazu und nahmen zunehmend führende Positionen ein, nicht nur im Fußball. In Masuren selbst hatten sich die Turbulenzen der Abstimmungszeit gelegt, Frieden war eingekehrt. Ein trügerischer Frieden indes, der nur bis zum 1. September 1939 andauerte, als die Wehrmacht in polnisches Gebiet einmarschierte, auch an der Grenze zwischen Masuren und Polen.



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Kommentare

Peter Müller am 29.07.20, 06:22 Uhr

Der Anspruch des protofaschistischen Polens auf Masuren (nicht zu verwechseln mit Masowien = Kernpolen!) war völlig aus der Luft gegriffen und war Bestandteil seiner aggressiven und völlig überzogenen Expansionspolitik der Zwischenkriegszeit. Masuren war ursprünglich prussisches Gebiet und gehörte dann zum Ordensstaat. Die später den sogenannten masurischen Dialekt sprechende Bevölkerung waren Protestanten, die seit der Reformationszeit aus dem katholischen Polen eingewandert waren. Preußen hat diese polnischen Protestanten aufgenommen, genau wie man hugenottische und Salzburger Protestanten aufnahm (vergleiche auch auch Dönhoff: "Namen die keiner mehr nennt").

Vielen Dank übrigens für den Artikel. Mein Urgroßvater war zu dieser Zeit dort Lokführer zwischen Rastenburg und Lötzen und kannte das abgebildete Bahnhofsgebäude wie seine Westentasche.

sitra achra am 27.07.20, 10:53 Uhr

Ermland, Heimat der Väter. Ermia, mon amour!

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