15.07.2024

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Naturschönheit

Das grüne Juwel der Buchheide

Von einem Industrieobjekt zum begehrten Ausflugsziel: Der Herta-See, heute Smaragdsee, bei Stettin

Karl-Heinz Engel
16.01.2024

Den Smaragdsee haben auch die jetzigen Stettiner zu ihrem liebsten Ausflugziel erkoren. Das jedenfalls ist einschlägigen Tourismusführern zu entnehmen. Der zweieinhalb Hektar große Smaragdsee, der wegen seiner Farbe an Hochgebirgsgewässer erinnert, verbirgt sich in den Nordausläufern des auf 148 Meter über Normal Null ansteigenden Stauchmoränenkomplexes der Buchheide im Südosten der Stadt. Dort bettet er sich still zwischen Laubwaldhügeln. Der Smaragdsee, vor dem Krieg nannte man ihn Herta-See, ist jedoch keine Naturschöpfung im eigentlichen Sinn. Er entstand aus dem 1862 angelegten Kalktagebau Katharinenhof, der große Mengen Kreidemergel für die Zementfabrik „Stern“ im benachbarten Finkenwalde [Zdroje] lieferte.

Das von der Familie Toepffer geführte Werk stellte Portlandzement her, ein „Stern“-Produkt, das dank seiner Qualität auch international über einen ausgezeichneten Ruf verfügte. Im Sommer 1925 setzte jedoch ein heftiger Grundwassereinbruch dem Abbaubetrieb ein jähes Ende. Es bildete sich der 20 Meter tiefe Herta-See, der jetzt Jezioro Szmaragdowe genannte Ausflugssee. Sein Wasser nahm alsbald nach der Flutung wegen des hohen Kalziumkarbonatgehalts im Untergrund die ungewöhnliche grüne Färbung an, von der manch Fremder zunächst meinen mag, sie rühre vom Spiegellicht des üppigen Buchenlaubs ringsum. Auch an eine Wasserblüte dürfte der eine oder andere denken. Aber dem ist nicht so.

Der mit einem Erdrutsch einhergehende Wassereinbruch forderte seinerzeit zwar keine Menschenleben, doch blieben die Maschinen, Abbau- und Transportgerätschaften in der Tiefe. Sie stehen dort noch immer. Ein gespenstisches Bild soll es sein, wissen wagemutige Taucher. Tauchgänge gelten aber als gefahrvoll. Abgeraten wird wegen des recht strengen Wasserchemismus auch vom Baden.

Trotz dieser Einschränkungen lieben sowohl Stettiner als auch Auswärtige ihren beschaulich daliegenden See, zumal ihn auch ein Netz von Wanderwegen umzieht, und eine Gaststätte gibt es auch. Vor allem an den Wochenenden pilgern Ausflügler zum See hinauf. Dessen Anblick lässt die Besucher besonders an sonnigen Oktober- und Novembertagen staunen, wenn das goldige Laub des Buchenhochwalds im seltenen Kontrast zur Smaragdtönung des Wassers schimmert.

Die schroffen Abbauwände der einstigen Kreidegrube erreichten früher einige Dutzend Meter Mächtigkeit. Sie müssen ebenfalls ein Bild von ziemlicher Einmaligkeit abgegeben haben, sodass häufig renommierte Geologen, zumeist aus Greifswald, den Tagebau aufsuchten und Forschungen trieben. Felix Wahnschaffe, Curt Gagel und Wilhelm Deeke, um nur einige zu nennen, schilderten im wissenschaftlichen Schrifttum jener Zeit ihre Begeisterung über die durch den ungeheuren Schub- und Schürfdruck der jüngsten Eiszeitgletscher gefalteten Sedimentschichtungen samt den Kreideflözen. Katharinenhof avancierte allein schon wegen der tektonischen Verwerfungen zum Studien- und Anschauungsobjekt für Erderkunder.

Der Smaragdsee hat sogar einen Doppelgänger, zumal Kalziumkarbonat führende Erdschichten häufig Bereiche der Odermündung und darüber hinaus durchziehen. Der Doppelgänger führt einen ähnlichen Namen und ist wie der Smaragdsee als Wandergebiet erschlossen. Er nennt sich Türkis-See [Jezioro Turkusowe]. Auch er verdankt seine Existenz dem Kreidebergbau, der in einer mächtigen Lagerstätte beim Dorf Kalkofen [Wabnica] im Südteil der Insel Wollin jahrzehntelang im großen Stil betrieben wurde. Der Stettiner Fabrikant Johannes Quistorp (1822–1899) errichtete dort 1855 eine Portlandzementfabrik, die zeitweise über 600 Beschäftigte zählte und schließlich als eine der größten in Europa galt.

Aber der Rohstoff Kreidekalk ging auch hier irgendwann zur Neige. Die polnische Verwaltung versuchte Anfang der 1950er Jahre, die Produktion noch einmal anzukurbeln, das misslang allerdings. Die knapp sieben Hektar große Kalkgrube füllte sich nach und nach mit Wasser, das eine Färbung annahm, die der des 50 Kilometer südlich in den Buchheideausläufern ruhenden Smaragdsees sehr ähnelt, aber eben etwas blaustichiger wirkt.

Quistorp, ein gebürtiger Greifswalder, war ein beispielhafter Stettiner Unternehmer, der nicht nur auf wirtschaftlichen Erfolg bedacht war, sondern sich auch sozial und kulturell engagierte. In Kalkofen zum Beispiel ließ er 150 Wohnungen, Kinderbetreuungsstätten, eine Schule, eine Buchausleihe und einen Genossenschaftsladen bauen. Die Stettiner hielten sein Andenken stets hoch in Ehren.


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