25.11.2020

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OPEC

Das Pendant zu den Seven Sisters

Vor 60 Jahren versuchten fünf erdölexportierende Staaten, dem westlichen Einkaufs- ein eigenes Anbieterkartell entgegenzustellen

Wolfgang Kaufmann
13.09.2020

Was auf dem Rohölmarkt geschah, diktierten lange Jahre die sogenannten Seven Sisters (sieben Schwestern). Das waren die Mineralölkonzerne Royal Dutch Shell, British Petroleum, Mobil Oil, Gulf Oil, Exxon, Standard Oil of California (Socal) und Texaco. Diese bildeten praktisch ein Einkaufskartell, das für immer niedrigere Weltmarktpreise beim Rohöl sorgte, indem es die Anbieter gegeneinander ausspielte. Zeitweise kostete das Barrel (Fass), sprich 159 Liter, Rohöl gerade einmal noch zehn US-Cent. Für Ölförderländer wie Saudi-Arabien, Venezuela, Kuwait, den Iran oder den Irak war dies nachgerade ruinös. Deshalb kam von saudischer Seite die Idee auf, dem Einkaufs- ein Anbieterkartell gegenüberzustellen. Auf einer gemeinsamen Konferenz der Förderländer in Bagdad wurde ein entsprechendes Kartell gegründet, die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC).

Vor 60 Jahren, am 14. September 1960, unterzeichneten die Delegationsleiter des Iran, des Irak, Kuwaits, Saudi-Arabiens und Venezuelas ein „Agreement concerning the creation of the Organization of Petroleum Exporting Countries". Das war die Geburtsurkunde der OPEC, die ihren Sitz in der Hauptstadt des damals blockfreien und bis heute noch neutralen Österreich hat.

Zu den fünf Gründungsmitgliedern kamen bald weitere Staaten. Heute gehören der OPEC 13 Länder an: Neben den Aktivisten der ersten Stunde sind dies nun auch die Vereinigten Arabischen Emirate, Nigeria, Angola, Algerien, Libyen, die Republik Kongo, Gabun und Äquatorialguinea. Dahingegen verließen Indonesien, Katar und Ecuador die OPEC zwischen 2016 und 2020 aus verschiedenen Gründen wieder.

Keine Sanktionsmechanismen

Aktuell verfügen die OPEC-Staaten vermutlich über zwei Drittel bis drei Viertel der weltweiten Ölreserven. Ihr Marktanteil sank in den letzten Jahren kontinuierlich. Aus den Ländern der OPEC stammen derzeit lediglich vier Zehntel des gehandelten „Schwarzen Goldes". Deshalb kooperiert die Organisation neuerdings auch mit Nichtmitgliedern wie Russland, Kasachstan, Norwegen, Mexiko oder Oman, die ebenfalls viel von dem begehrten Rohstoff fördern und einen Beobachterstatus innehaben. Kommt es dann zu konkreten Vereinbarungen, ist in der Presse oft von der informellen „OPEC+" die Rede.

In ihrem Bemühen, die Ölpreise nach oben zu treiben, war die OPEC zunächst wenig erfolgreich. Die gesamten 1960er Jahre hindurch dominierten die Seven Sisters den Markt weiterhin. Deshalb lag der Erlös für ein Fass Rohöl auch 1972 noch bei nur 2,89 Dollar, wobei die US-Währung mittlerweile erheblich an Wert verloren hatte. Hierdurch kam der moderate Preisanstieg der vorangegangenen Jahre den OPEC-Staaten kaum zugute.

Den Durchbruch brachte erst der Jom-Kippur-Krieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn im Oktober 1973. Weil die USA den jüdischen Staat unterstützten, verhängten die arabischen Mitglieder der OPEC ein totales Lieferembargo gegen Washington und drosselten ihre Produktion. Daraufhin stieg der Rohölpreis schlagartig auf fünf Dollar pro Fass, und im Folgejahr lag er dann sogar schon bei zwölf Dollar. Dieser ersten großen Ölkrise folgte 1979 noch eine zweite – nunmehr ausgelöst durch die islamische Revolution im Iran. In deren Verlauf kletterte der Ölpreis auf 24 Dollar pro Barrel.

In den zwei Jahrzehnten danach konnte die OPEC weitere Erfolge erzielen, musste aber auch herbe Rückschläge hinnehmen. Ab 2005 sorgte der Ölhunger der aufsteigenden Wirtschaftsmacht China für eine regelrechte Preisexplosion. Mitte 2008 kassierten die in der OPEC zusammengeschlossenen Erzeugerländer sagenhafte 147 Dollar pro Fass – bis die globale Finanzkrise diesen Höhenflug beendete, weil sie eine schwere weltweite Rezession auslöste. Kurz zuvor hatte der damalige OPEC-Präsident Chakib Khelil aus Algerien noch Preisanhebungen auf bis zu 400 Dollar pro Fass angekündigt.

Eine weitere Phase des extremen Preisverfalls erlebte die OPEC während der Corona-Krise. Am 19. April dieses Jahres sank der Preis für das Barrel Rohöl schließlich gar auf nie dagewesene minus 37,63 US-Dollar. Da der Bedarf in vielen Ländern infolge des Lockdown massiv abgenommen hatte und die Lager bis an die Kapazitätsgrenzen gefüllt waren, bekamen Ölkäufer plötzlich Gutschriften.

Aktuell liegt der Preis allerdings schon wieder bei etwas über 40 Dollar. Das erreichte die OPEC durch drastische Senkungen der Fördermengen.

Trotzdem befindet sich die Organisation derzeit in einer anhaltend prekären Situation. Schuld daran sind einige prinzipielle Gebrechen der OPEC, die teilweise schon seit ihrer Gründung bestehen. So fehlen konkrete Sanktionsmöglichkeiten gegenüber Mitgliedsländern, die sich nicht an die vereinbarten Preisuntergrenzen und Fördermengen halten, um auf Kosten der anderen OPEC-Staaten mehr Öl zu verkaufen.

Fehlende Marktmacht

Des Weiteren sind Fördermengenbegrenzungen stets gefährliche Gratwanderungen aufgrund der fehlenden Marktbeherrschung. Es besteht die Gefahr, die Kundschaft in die Arme der nicht der OPEC angehörenden Konkurrenz zu treiben. In der Vergangenheit kam es durch Begrenzungen der Fördermengen keineswegs nur zur Stabilisierung des Preisniveaus, sondern auch zu spürbaren Verlusten im Hinblick auf Marktanteile. Die Verbraucherstaaten reagierten auf die Politik der OPEC zunehmend mit einer Diversifizierung ihrer Ankäufe und erwarben das Rohöl nun immer öfter bei Produzenten, die nicht der OPEC angehörten.

Außerdem begannen viele Abnehmerländer, in großem Umfang alternative Energiequellen zu erschließen – sei es durch den Umstieg auf Solar-, Wasser-, Wind- oder Kernenergie oder Biokraftstoffe, sei es durch die verstärkte Förderung von Schieferöl auf dem eigenen Territorium vermittels des Fracking-Verfahrens. Die OPEC steht mittlerweile vor dem Dilemma, dass hohe Rohölpreise nicht nur die eigene Gewinnspanne erhöhen, sondern auch die aufwändige Fracking-Methode in Staaten wie den USA, Kanada, Südafrika oder China rentabel machten. Aus diesen Gründen ist die OPEC von ihrem Ziel, zu einem allmächtigen Preiskartell zu avancieren, heute nicht weniger weit entfernt als vor 60 Jahren.



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