15.04.2024

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Allenstein

Das südliche Ostpreußen vor und nach dem Krieg

Die Ausstellung „Atlantis des Nordens“ zeigt Fotos und Dokumente aus polnischen Archiven

U. Hahnkamp
02.08.2023

Die Gesellschaft der Freunde der Stadtbibliothek in Allenstein organisierte vom 30. Juni bis 8. Juli die Fortsetzung des Literaturfestivals „Atlantis des Nordens II“.

Startpunkt war die Eröffnung der Ausstellung „Das zweite Leben des Atlantis des Nordens“ in der Kunstgalerie BWA beim Planetarium in Allenstein mit Fotos aus Ostpreußen vom Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts. Einen Dokumentarfilm und andere Zeitzeugnisse aus den Jahren nach 1945 präsentierte Artur Sobiela im Nordinstitut „Wojciech Kętrzyński“ in Allenstein. Geprägt wurde der Begriff „Atlantis des Nordens“ für das untergegangene Ostpreußen vom Dichter Kazimierz Brakoniecki, der vor über 30 Jahren die Kulturgemeinschaft „Borussia“ mitgegründet hat.

Er hatte damals ein Buch mit diesem Titel herausgebracht und ist sowohl Initiator der Festivals als auch Kurator der Ausstellung, die eine abgespeckte Version der Ausstellung „Atlantis des Nordens. Das ehemalige Ostpreußen in Photographien“ von 1993 in derselben Galerie ist.

Auslöser war Königsberg
Es begann mit einer Fahrt mit der „Borussia“ ins Königsberger Gebiet und dem Erleben der dortigen Ruinen. In der Woiwodschaft Ermland-Masuren sind zwar wesentlich mehr ihrer Zeugnisse übrig, doch Kazimierz Brakoniecki wurde neugierig auf das damalige Leben. „Es mussten doch noch Bilder des damaligen Ostpreußen und seiner multikulturellen und multinationalen Wirklichkeit zu finden sein.

Also habe ich mich mit Konrad Nawrocki vom Institut für Kunst der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Verbindung gesetzt und ihm gesagt ,Ihr habt doch sicher etwas'“, schildert er. Und das Institut hatte eine ganze Menge – Tausende Negative auf Glas. 517 Fotos wurden ausgewählt und mit Mitteln der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit zu Bildern der Ausstellung. Dabei setzte sich Brakoniecki mit seiner Vision einer
Darstellung des Alltagslebens, der Kulturund natürlichen Landschaften durch, die meist bereits nach dem Ersten Weltkrieg verschwunden waren. Die erstmals nach 1989 gezeigten Bilder wurden damals zu einem kulturellen Ereignis, das große Wellen schlug.

Die Idee der Darstellung gilt auch für die Ausstellung „Das zweite Leben des Atlantis des Nordens“, die jetzt etwa die Hälfte der damaligen Fotos zeigt. Zielgruppe ist die nächste Generation, so Brakoniecki: „Ich hatte angenommen, dass die Vergangenheit friedlich abgeschlossen ist, aber die jungen Menschen kommen und suchen, weil in Mittelosteuropa alles durcheinander geht und die Frage der regionalen Verwurzelung wieder aufgeworfen wird.“ Besuchen kann man die Ausstellung noch bis zum 6. August.

Anfang des Jahrhunderts, Ende des Weltkriegs
Eine ganz andere Zeit zeigte eine Woche später Artur Sobiela im Nordinstitut „Wojciech Kętrzyński“. Kernpunkt war der 16-minütige Dokumentarfilm „Warmia i Mazury“ („Ermland und Masuren“) von Włodzimierz Puchalski von 1947. Dieser wartet zwar mit einem Kommentar auf, der trotz vorheriger Konsultation mit Einheimischen einige unverständliche sachliche Fehler und dazu das damals übliche propolnische Pathos enthält, zeigt aber in
den Bildern sehr deutlich die damalige Situation.

Es mag etwas geschönt unter Auslassung von großen Schutthaufen sein, doch das geübte Auge des Regisseurs Puchalski, der eigentlich Naturfilmer war, präsentiert die Schönheiten der Kultur und Natur der Region in bestem Licht. Auf Grundlage eines Stadtplans von Allenstein von 1946, dem ersten in hoher Auflage gedruckten nach dem Zweiten Weltkrieg, ließ Sobiela den Wiederbeginn der Entwicklung der Stadt Revue passieren. Sie war wesentlich kleiner als heute, einige der Straßennamen im Zentrum waren anders, besonders interessant war jedoch die rege privatwirtschaftliche Initiative der damaligen Zeit. Unbeeindruckt von drohenden politischen Änderungen in diesem Bereich ließen Händler und Dienstleister Reklamen auf dem Stadtplan drucken. Dabei konzentrierte sich das Leben auf die Straßen um das Rathaus herum.

Ebenfalls mit wenig Respekt vor dem bald danach nicht mehr Erlaubten formulierte Jan Grabowski die Texte in seinem touristischen Reiseführer „Masuren und Ermland“ von 1948, den Sobiela als drittes Zeitdokument präsentierte. Er legte den Finger in Wunden wie die vielen Zerstörungen und die nicht selten konfusen Umbenennungen von Orten und Straßen, und tat dies mutig in einer prägnanten, manchmal derben, aber literarischen Sprache.

Insgesamt formte sich aus den drei Zeitzeugnissen ein interessantes Bild des Übergangs der Stadt Allenstein und der Region nach dem Jahr 1945.


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