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Profil eines Mörders: Aufnahmen aus der Berliner Verbrecherkartei
Foto: Archiv MüllerProfil eines Mörders: Aufnahmen aus der Berliner Verbrecherkartei

Kriminalität

Dein Freund und Mörder

Ein Berliner Polizist tötete vor 100 Jahren zwei Frauen – Sein Fall sorgte für einen Sensationsprozess

Bettina Müller
12.02.2024

Berlin, 16. Dezember 1924, Landgericht II in der Turmstraße. Eine wütende Menschenmenge sorgte dafür, dass der Gerichtssaal abgeriegelt und die tobende Menge wegen „Gefährdung der Sittlichkeit“ ausgesperrt werden musste.

Aber was hatte die Menschen so dermaßen aufgebracht? Es war der Mord an zwei Frauen, begangen von einem Mann, der gleichzeitig auch Polizist war und der eines Abends nur noch irgendwo ein Bier trinken wollte, nachdem er sich mit seiner Freundin gestritten hatte. Am nächsten Morgen fand man die 40-jährige Witwe Else Hoffmann geb. Hämmerle und deren Mutter, die 63-jährige Witwe Emma Trautmann geb. Nacke, in der Schleiermacherstraße 15 tot auf. Beide wurden auf bestialische Art und Weise getötet vom Polizisten Bruno Gerth, der eigentlich aus Bromberg stammte, wo er 1897 zur Welt gekommen war, der sich zum Mann mit psychischen Problemen entwickelt hatte und der an seiner Impotenz litt.

An jenem fatalen Abend in der Destille „§ 11“ ging es hoch her. Musik, Tanz und der Alkohol floss in Strömen. Zwei Prostituierte, Mutter und Tochter, forderten Gerth zum Tanz auf. Doch Gerth war nicht nach „Amüsemang“ zumute, woraufhin eine der beiden schrie: „Darauf müssen wir wenigstens eins trinken!“

Aus dem „eins trinken“ wurde ein Saufgelage, und an das, was danach kam, hatte Gerth später nur noch sehr schemenhafte Erinnerungen. Man sagte ihm, dass er die Frauen getötet habe. Aber er hätte doch keinen Grund dazu gehabt, beteuert er immer wieder vor dem Richter. Er weiß nur noch, dass eine der beiden in ihrem Hausflur völlig betrunken umgefallen war, er ihr auf die Beine geholfen und sie dann in die Wohnung getragen habe. Dort sei die andere dann sehr zudringlich geworden. Und das war der Moment, in dem die Stimmung kippte. Erst eine Rangelei, dann ein Kampf, den die Frau nicht gewinnen konnte.

Als sie dann tot auf dem Boden lag, reichte das Gerth immer noch nicht. Er versetzte dem Körper Stiche mit dem Küchenmesser, Schläge mit einem Beil, und am Ende stand auch noch der vergebliche Versuch, ihre Leiche zu schänden. Danach wankte Gerth in die Stube der Mutter, die dort ihren Rausch ausschlief, erschlug auch sie mit dem Beil und stahl ihr ihre goldene Uhr. Im Morgengrauen verließ er die Wohnung und kehrte in die Kaserne in der Friesenstraße zurück, wo die unverheirateten Polizisten wohnten.

Gerths kleines intimes „Problem“
Augenzeugen gab es genug, die gesehen hatten, wie Gerth mit den beiden Frauen in Schutzpolizeiuniform die Kneipe verlassen hatte. Für die Polizei war die Festnahme daher nur noch Formsache. Sie brachte den in sauberer Uniformkleidung angezogenen Tatverdächtigen in den Verhörraum. Als beim Ablegen seiner Uniform auch noch die Uhr des Opfers aus seiner Uniformtasche fiel, brach Gerth völlig zusammen.

Und die verstörten Menschen im Zuschauerraum des Gerichtssaals fragten sich: Wem kann man überhaupt noch trauen, wenn ein Hüter des Gesetzes zum Mörder wurde? Und wie konnte es überhaupt dazu kommen? Lagen die Gründe in einer vererbbaren psychischen Erkrankung in der Familie? Gerths Onkel zum Beispiel, der Bruder der Mutter, hatte sich nach einem epileptischen Anfall das Leben genommen.

Vor diesem Familienhintergrund ist auch Bruno Gerths Leben als Heranwachsender nicht problemlos verlaufen. Seinen sehnlichsten Wunsch, Drogist zu werden, lehnte der strenge Vater, ein jähzorniger Trinker, kategorisch ab. Seine Beziehungen zu Frauen waren ebenfalls gestört, sodass sich Gerth als der unglücklichste Mensch auf der Welt vorkam.

Ende des Ersten Weltkriegs entschloss er sich dazu, sich bei der Berliner Schutzpolizei zu bewerben, und fing nach einer Probezeit im Mai 1920 seinen Dienst als Unterwachtmeister an, kurze Zeit später folgte die Festanstellung. Nach wie vor plagte ihn sein altbekanntes Problem, bei dem ihm augenscheinlich niemand helfen konnte. Drei Mal war er bereits verlobt gewesen, alle drei Frauen hatten ihn wegen seines intimen „Problems“ verlassen.

Irre geworden im „Irrenhaus“
Die Verhandlung vor dem Schwurgericht wurde nach der Beweisaufnahme vertagt, weil die Mediziner sich uneinig über Gerths Zurechnungsfähigkeit zur Tatzeit waren. Also kehrte er wieder zurück in die Zelle, in der er kurze Zeit später seine Verlobte heiratete, die einzige, so betonte er, die für ihn Verständnis aufbrachte. Verständnis für einen Mörder?

Im April 1925 war das Gerichtsverfahren immer noch schwebend, und ein Obergutachten durch ein Medizinalkollegium sollte endlich Klarheit bringen. Das bedeutete sechs Wochen „Irrenanstalt“ für Gerth. Man führt „Trinkproben“ mit ihm durch, um zu sehen, wie er auf Alkohol reagiert. Die Folge waren Angriffe gegen Mitpatienten. Und so besagt das finale Gutachten unter anderem, dass der „erblich schwer belastete Psychopath mit Impotenz und sexuellem Reizhunger“ die Morde tatsächlich in einem Alkoholdämmerzustand begangen habe. Gerth wurde aufgrund des Paragrafen 51, der über die Zurechnungsfähigkeit entschied, freigesprochen und in die Städtische Heil- und Pflegeanstalt Herzberge in Berlin-Lichtenberg verbracht, Gerths schlimmster Albtraum: „Nur das nicht, lieber köppen.“

Anfang 1927 war der Mörder „psychisch völlig heruntergekommen“ und unwiderruflich für die Gesellschaft verloren. Die Krankheit hatte sich als „chronische und fortschreitende Schizophrenie“ manifestiert, Wahnvorstellungen prägten seinen Alltag. Er vegetierte vor sich hin, bis er zu fast gar nichts mehr in der Lage war. 1929 reichte seine Ehefrau die Scheidung ein. Ein Jahr später gaben ihn auch die Ärzte auf: „Keine Aussicht auf Wiederherstellung“.

1939 fiel Gerth unter das nationalsozialistische „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Das bedeutete für ihn die Zwangssterilisierung. Die Beschäftigungstherapie, zum Beispiel in einer Malerkolonne, war zu dieser Zeit die einzige Behandlung, die er erhielt. Dabei war er „recht brauchbar“, was ihn vor der Deportation in eine „Tötungsanstalt“ bewahren sollte. Das Tageslicht als freier Mann sollte er aber nicht mehr erleben. Am 7. November 1950 starb Gerth im Gefängniskrankenhaus von Alt-Moabit im Alter von 57 Jahren an chronischer Mittelohrvereiterung, Meningitis sowie einer akuten Herz- und Kreislaufschwäche.

Von der Autorin ist im Elsengold-Verlag das Buch Dandys, Diebe, Delinquenten. Verbrecher in Berlin erschienen (192 Seiten, 22 Euro)


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