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Dem Denkmalstreit zum Opfer gefallen: Sowjetisches Soldatenehrenmal in Memel
Foto: BostDem Denkmalstreit zum Opfer gefallen: Sowjetisches Soldatenehrenmal in Memel

Memel/Tilsit

Denkmalsturz als kriegerisches Mittel

Während Litauen Sowjetgedenkstätten aus dem Zentrum verbannt, vernichtet Russland ein Dichterehrenmal

Bodo Bost
20.07.2022

Nachdem Russland in Tilsit das Denkmal des litauischen Nationaldichters Vydūnas (Wilhelm Storost) abgebaut hat, baute Litauen eine Woche später in Memel, nur knapp 100 Kilometer entfernt, das Denkmal zum Ruhme der sowjetischen Armee ab. Kurz vor dem litauischen Nationalfeiertag am 4. Juli wurde mit der Demontage des Denkmals des „Sieges und zur Verherrlichung der sowjetischen Armee“ begonnen. Lediglich die Namen der gefallenen Soldaten sollen übrig bleiben.

Das Denkmal aus der Sowjetzeit des litauischen Architekten Schadauskas mit dem berühmten von der Höhe, wie zu einer Hinrichtung, herabhängendem Schwert, das seit mehr als 50 Jahren den zentralen Platz der Stadt beherrschte, ist verschwunden. Erst im Jahre 1980 war es mit einer kompositorischen Gruppe überdimensionierter, angsteinflößender Sowjetsoldaten des sowjetlitauischen Bildhauers Daugintis ergänzt worden, die ebenfalls entfernt wurde. Eine Expertengruppe hatte der Stadtverwaltung vorgeschlagen, das Schwert in der Mitte des Denkmals sowie die Gruppe der Bronzesoldaten und den fünfzackigen roten Stern mit der „Ewigen Flamme“ zu entfernen.

Überführung in einen Park

Andrius Dobranskis, stellvertretender Direktor der Stadtverwaltung von Memel, der zum Abrissbeginn auf der Baustelle eintraf, erklärte, dass mit den Arbeiten dasselbe Unternehmen betraut wurde, das auch den Wiederaufbau des Skulpturenparks in der Nähe des Denkmals durchführt. Der Skulpturenpark wurde an der Stelle des ehemaligen protestantischen Friedhofs der Stadt aus der deutschen Zeit errichtet, der nach 1945 eingeebnet worden war. In den 1980er Jahren fand noch in sowjetischer Zeit dort ein internationaler Skulpturenwettbewerb statt. Das Sowjetdenkmal wird jedoch nicht zerstört, sondern in den Grūtas Park in Druscheniken [Druskininkai] überführt, wo schon andere Denkmäler aus der litauischen Sowjetzeit verharren. Die Menschen, die es wünschen, können sie dort besichtigen. Für die Neugestaltung des Platzes, der in den Skulpturenpark überführt werden soll, werde ein Architekturwettbewerb durchgeführt, sagte Dobranskis.

Auf die Frage, warum die Entfernung der sowjetischen Symbole der Gedenkstätte nicht im Voraus bekannt gegeben wurde, antwortete der Direktor der Stadtverwaltung, dass es sich um ein sensibles Thema handele und die Entfernung verschiedene Reaktionen hervorrufen könnten. Die Arbeiten hätten die Aufmerksamkeit der Anwohner auf sich gezogen, aber nicht jeder unterstütze die Entscheidung der Stadtverwaltung.

Immerhin sind etwa 20 Prozent der Bevölkerung der Dangestadt ethnische Russen. Einige Menschen standen deshalb auch der Idee, das sowjetische Ehrenmal zu entfernen, sehr ablehnend gegenüber.

Einige sagten, die Stätte sei nicht nur ein Ort, um gefallene Soldaten zu ehren, sondern auch ein wichtiger ideologischer Raum für das Regime und die Sowjetära, in dem sich Gleichgesinnte zu bestimmten Anlässen versammelten. Mit dem Denkmal sollte in den 1970er und 1980er Jahren auch das Litauertum bekämpft werden, genauso wie heute das Ukrainertum von Russland mit Gewalt bekämpft werde.

Die russischsprachige Gemeinde der Stadt versammelte sich jedes Jahr am 9. Mai in großer Zahl an der Gedenkstätte, um dem in Russland gefeierten Tag des Sieges, aber zuletzt kaum noch um der Gefallenen zu gedenken. Dabei waren in der Vergangenheit, als noch die Opfer des Zweiten Weltkrieges und nicht die Verherrlichung der Waffen im Mittelpunkt der Gedenkfeier stand, viele Kriegsveteranen zu sehen, die mit Stolz sowjetische Orden trugen. Einige Dabeistehende sagten, dass dieses historische Denkmal schon vor langer Zeit hätte abgerissen werden sollen, vor 32 Jahren, als die Sowjets abzogen.

Russischer statt litauischer Dichter

Eine Woche zuvor hatten die Russen das Denkmal des litauischen Dichters, Philosophen und Humanisten Vydūnas, alias Wilhelm Storost (1868–1953) in Tilsit zerstört, einen Ausweichpark gab es für dieses Denkmal in der russischen Exklave Königsberg nicht. Vydūnas hatte sich zeitlebens für eine Verständigung zwischen Deutschen und Litauern eingesetzt. In Tilsit war 1849 auch der 1922 in Luxemburg gestorbene und begrabene „Hauptmann von Köpenick“, alias Wilhelm Vogt, geboren worden.

Der Leiter der Tilsiter Stadtverwaltung, Jewgenij Makarow, schrieb auf seinem Telegram-Kanal dass „die Genossen dort ein Denkmal für Denis Dawydow anstelle von Vydūnas anbringen wollen“. Der russische Dichter war ein Held des Krieges gegen Napoleon von 1812. Vydūnas lebte von 1933 bis 1944 in Tilsit, das auf Litauisch Tilze heißt, und flüchtete bei Kriegsende nach Detmold.



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