16.06.2024

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Kriegsführung

Der Einsatz psychologischer Mittel

Manipulation, Irreführung und Propaganda – Zwei Autoren klären über moderne Methoden auf

Wolfgang Kaufmann
01.06.2024

Parallel zu den sichtbaren Kriegen auf dieser Welt tobt ein Krieg um die Köpfe der Menschen. Zu diesem Thema sind zwei äußerst informative Bücher erschienen, von denen das eine von dem Propagandaforscher Jonas Tögel und das andere von dem Historiker und Medienwissenschaftler Christian Hardinghaus stammt.

Tögel widmet sich in „Kognitive Kriegsführung“ vorrangig den Manipulationstechniken der NATO, die seit 2020 auf einen Ausbau ihrer psychologischen Kampfkraft hinarbeitet, weil sie diese als unverzichtbare Voraussetzung für den vollständigen und endgültigen Sieg über den Gegner betrachtet. Wie intensiv die Psycho-Krieger der NATO daran arbeiten, auf dem Gebiet der Massenbeeinflussung führend zu sein, zeigt Tögel anhand zahlreicher Dokumente, die offen im Internet zugänglich sind, sodass sich skeptische Leser selbst davon überzeugen können, wie recht der Autor mit seinen Ausführungen hat.

Kampfkraft der NATO

Zu nennen wären unter anderem die Thesenpapiere „NATO's Sixth Domain of Operations“ (Das sechste Einsatzgebiet der NATO) und „Cognitive Warfare“ vom September 2020 beziehungsweise Januar 2021, die im Auftrag der Denkfabrik NATO Innovation Hubs (IHub) in Norfolk (Virginia) entstanden. Dazu kommt der Tagungsband „Cognitive Warfare: The Future of Cognitive Dominance“ (Kognitive Kriegsführung: Die Zukunft der kognitiven Dominanz), welcher die Ergebnisse eines entsprechenden wissenschaftlichen Symposiums der NATO zur Thematik im Juni 2021 enthält.

Interessant und aufschlussreich ist, dass die NATO keineswegs nur eine Beeinflussung der Menschen im Machtbereich des Gegners anstrebt, sondern auch die Bevölkerung in den NATO-Staaten im Visier hat. Das begründet die IHub mit der „ständigen Erosion der Moral“, die dazu führe, dass sie sich „nach den Plänen unserer Widersacher verhält“. Oder um es mit den Worten des französischen Luftwaffengenerals André Lanata während der Tagung vom Juni 2021 zu sagen: „Was unseren Feind betrifft, so müssen wir in der Lage sein, den Verstand unserer Gegner zu ‚lesen', um ihre Reaktionen zu antizipieren. Wenn nötig, müssen wir in die Gehirne unserer Gegner ‚eindringen' können, um sie zu beeinflussen und dazu zu bringen, in unserem Sinne zu handeln. Was unsere Freunde betrifft (und auch uns selbst), so müssen wir hingegen in der Lage sein, unsere Gehirne zu schützen.“

Welche Manipulationswaffen innerhalb der NATO-Staaten derzeit zum Einsatz kommen, beschreibt Tögel ebenso wie die Möglichkeiten eines jedes Einzelnen, sich zu wehren. Hierzu zählt Empathie, der Konsum möglichst unterschiedlicher und alternativer Medien, die ehrliche Selbsterkenntnis zur Stärkung des moralischen Urteilsvermögens, das Ausscheren aus der Herde und die Suche nach Gleichgesinnten sowie eine kritische Distanz gegenüber Autoritäten, die abweichende Meinungen stigmatisieren und unablässig daran arbeiten, die Meinungsfreiheit und andere Grundrechte abzuschaffen.
Während sich Tögel auf die NATO beschränkt, ist der Ansatz von Hardinghaus in „Kriegspropaganda und Medienmanipulation“ umfassender. Ihm geht es darum, die Geschichte der Kriegslügen seit dem Ersten Weltkrieg zu rekonstruieren und an konkreten Beispielen zu zeigen, wie die jeweiligen Parteien nicht nur die eigene Bevölkerung und die des Gegners hinters Licht zu führen versuchten, sondern auch den Rest der Welt. Zu diesem Zweck griffen sie auf immer gleiche Strategien, Prinzipien und Techniken zurück, die Hardinghaus ausführlich vorstellt. Dabei reicht das Spektrum von Appellen an die Unwissenheit und Angst der Menschen über Emotionalisierung und Framing bis hin zu Schmutzkampagnen, Totschlagargumenten und Zensur.
Einsatz im Ukrainekrieg
Beide Autoren bringen auch den Ukrainekrieg zur Sprache. Allerdings fasst sich Tögel in diesem Punkt recht kurz und verweist vor allem auf die „sehr einfachen Narrative“ der Ukraine, denen zufolge das Land die westlichen Werte gegen ein aggressives Russland verteidige. Dahingegen geht Hardinghaus deutlich mehr ins Detail, indem er zuerst die russische Propaganda an die Adresse der eigenen Bevölkerung sowie der Ukrainer und der Menschen im Westen analysiert und sich anschließend die ukrainische Gegenpropaganda vornimmt, die gleichermaßen in drei Richtungen zielt. Vieles kommt zur Sprache, was die meisten Medien hierzulande fahrlässigerweise ignorieren oder bewusst totschweigen: Die ukrainische Kriegspropaganda setzt ebenfalls „manipulatorische Mittel ein und versucht, Gewissensbisse und Empörung der Bevölkerungen westlicher Staaten zu erzeugen“.

Hierzu gehört, Prominente wie die ehemaligen Boxer Vitali und Wladimir Klitschko einzuspannen. Ebenso übertreibe die Ukraine die eigene Stärke systematisch – bei gleichzeitiger Untertreibung der Fähigkeiten Russlands. Außerdem verweist Hardinghaus auf die vielfältigen Einschränkungen der Pressefreiheit in der Ukraine: Prorussische Medien seien verboten worden und die übrigen unter Staatskontrolle gestellt. Dann sei da noch die Dämonisierung der russischen Soldaten auch um den Preis des Einsatzes von Fälschungen. So verbreitete der ukrainische Journalist Dmitry Gordon das Bild eines blutbeschmierten Kleinkindes, das während des russischen Bombardements von Charkiw zu Schaden gekommen sein soll. Tatsächlich entstand der Schnappschuss aber bereits vier Jahre zuvor in der syrischen Stadt Misraba, wo die Luftwaffe von Baschar al-Assad zugeschlagen hatte.

Dass die deutsche Medienlandschaft die Propaganda der Ukraine meist absolut unkritisch übernimmt, bezeichnet Hardinghaus als dilettantische Vorgehensweise und erklärt diese mit einer ausgeprägten Regierungsnähe, wie sie sich zuvor bereits bei der Berichterstattung in der Immigrations-, Klima- und Corona-Krise bemerkbar gemacht habe. Allerdings äußert er im letzten Abschnitt seines Buches die Hoffnung auf zukünftige „Optimierungsprozesse“ in den deutschen Medien. Das kann man auch weniger naiv sehen.

Jonas Tögel: „Kognitive Kriegsführung. Neueste Manipulationstechniken als Waffengattung der NATO“, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2023, broschiert, 256 Seiten, 24 Euro

Christian Hardinghaus: „Kriegspropaganda und Medienmanipulation. Was Sie wissen sollten, um sich nicht täuschen zu lassen“, Europa Verlag, München 2023, gebunden, 231 Seiten, 24 Euro


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