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Während andere handeln. Europa agiert hilflos, wenn US-Präsident Trump auf Putins Spuren wandelt und seine neuen imperialistischen Gelüste auslebt
Der aktuelle Konflikt um Grönland wirkt auf den ersten Blick wie eine bizarre Episode internationaler Politik oder ein Plot der satirischen US-TV-Serie „Die Simpsons“, die sich bereits mehrfach mit Donald Trump angelegt hat. Doch er ist weit mehr als das. Er ist ein Brennglas, das schonungslos offenlegt, wie leer, reaktiv und konzeptlos die europäische Außenpolitik inzwischen agiert. Die USA formulieren offen strategische Ansprüche, Europa opponiert formal – und bezahlt dafür mit Zöllen, Drohungen und politischer Marginalisierung. Deutschland wiederum versucht, den Konflikt zu moderieren, indem es Argumente übernimmt, die jeder geopolitischen Logik widersprechen.
Washington begründet sein Interesse an Grönland tatsächlich mit einer angeblichen Bedrohung durch Russland oder China. Dieses Argument wird in Berlin und Brüssel nicht zurückgewiesen, sondern erstaunlich bereitwillig übernommen. Dabei genügt ein Blick auf die Landkarte, um die Absurdität dieser Behauptung zu erkennen. Grönland liegt nicht irgendwo am Rand der Welt, sondern mitten im nordatlantischen Raum zwischen Europa, Kanada und den USA. Es ist umgeben von NATO-Territorium, US-Stützpunkten, Frühwarnsystemen und maritimer Kontrolle.
Symbolpolitik als Reaktion
Die Frage ist simpel und drängt sich geradezu auf: Mit welcher Flotte, über welchen Seeweg, mit welcher logistischen Absicherung sollen Russland oder China Grönland militärisch bedrohen oder gar übernehmen? Über den Arktischen Ozean, vorbei an amerikanischen und kanadischen Militärstrukturen? Mit welcher Armada, unter welchen politischen Kosten, gegen welchen Widerstand? Diese Bedrohung existiert nicht real, sie ist ein Konstrukt. Und Konstrukte dieser Art dienen nicht der Sicherheit, sondern der Legitimation eigener Ansprüche.
Genau hier hätte Europa widersprechen müssen. Nüchtern und souverän. Stattdessen wird das Narrativ adaptiert. Deutschland und die EU akzeptieren den amerikanischen Bedrohungsrahmen und reagieren mit Symbolpolitik: ein paar Soldaten, ein paar Stellungnahmen, ein demonstratives Schulterklopfen unter Verbündeten. Das ist keine Strategie, das ist politische Hilflosigkeit.
Hilfloses Kommentieren
Und selbstverständlich wird es als solches verstanden: von den USA, China und Russland. Warum wird Russland noch für seine Ansprüche auf die östlichen ukrainischen Provinzen verurteilt? Wieso ist die Infragestellung der Souveränität Taiwans durch die Volksrepublik China problematisch? Beide Länder hätten, aus ihrer Binnenperspektive, bessere Argumente für ihre Ansprüche als die USA auf Grönland.
Dieser Konflikt offenbart ein strukturelles Defizit. Europa gestaltet geopolitische Realitäten nicht mehr, es reagiert nur noch. Jahrzehntelang hat man sich im Windschatten der USA eingerichtet. Sicherheit wurde ausgelagert, Machtfragen delegiert, strategisches Denken durch moralische Rhetorik ersetzt. Und jetzt offenbart sich die Weltblindheit infantiler Politikentwürfe. Das funktionierte, solange die USA bereit waren, die Kosten zu tragen und europäische Interessen mitzudenken. Diese Zeit ist vorbei.
Die Welt ist multipolar geworden. Macht wird wieder offen formuliert, Interessen werden klar benannt, Einflussräume verteidigt. Doch Europa verharrt in der Rolle des Kommentators. Es appelliert, mahnt, erklärt – und wundert sich, wenn andere handeln. Deutet sich einmal eine gemeinsame EU-Position an, lässt sich beinahe vorhersagen, dass Friedrich Merz mit einer Parole vorprescht, welche machtbewusste Politiker wie Emanuel Macron wenig später durch konkretes eigenes Handeln adaptieren oder gar konterkarieren. Hier rächt sich, dass die deutsche sich als europäische Außenpolitik versteht, während Länder mit jahrhundertelanger eigenständiger nationalstaatlicher Tradition wie Frankreich es genau andersherum verstehen. Der Grönland-Konflikt ist kein Ausrutscher, sondern die logische Folge dieser Haltung.
Wenn Vorurteile wahr werden
Dass Donald Trump Politik wie ein Geschäft betreibt, ist bekannt. Er denkt in Deals, Besitzständen und Renditen – und er denkt an sich. Sein Auftreten erinnert an einen Eisbären in der Kinderbadeanstalt: dominant, rücksichtslos, ohne Respekt vor filigranen Regeln. Doch es wäre zu bequem, das Problem allein auf ihn zu reduzieren. Die jahrelange offene Verachtung, mit der deutsche und europäische Medien und Politiker Trump begegnet sind, die permanente moralische Belehrung, das öffentliche Lächerlichmachen haben nichts befriedet. Im Gegenteil. Wer einen Akteur über Jahre als irrational, gefährlich und primitiv bezeichnet, darf sich nicht wundern, wenn dieser irgendwann genau dieses Bild bedient – und dabei keinerlei Rücksicht mehr nimmt.
Peinliche Selbstentwertung
Das eigentliche Versagen liegt in Europa selbst. Die EU weiß nicht, was sie will. Sie verfügt über wirtschaftliche Macht, die aktuell selbstsicher demontiert wird, aber sie übersetzt sie nicht in politischen Einfluss. Sie spricht von Werten, ohne Interessen zu definieren. Sie fordert Ordnung, ohne bereit zu sein, Verantwortung für deren Durchsetzung zu übernehmen. Stattdessen folgt sie fremden Narrativen, passt sich externen Begründungen an und nennt das Diplomatie. Grönland ist dafür exemplarisch. Eine selbstbewusste EU-Außenpolitik hätte klar gesagt: Grönland ist Teil des westlichen Sicherheitsraums, dessen Stabilität durch Kooperation gewährleistet wird, nicht durch Besitzansprüche. Es gibt keine akute russische oder chinesische Bedrohung, sondern ein amerikanisches Interesse an strategischer Kontrolle. Darüber kann man sprechen – aber ehrlich. Wer irrationale Argumente übernimmt, entwertet sich selbst.
Europa steht damit an einem Punkt, an dem Reden nicht mehr reicht. Solange die EU weiterhin reagiert, statt zu agieren, wird sie im globalen Machtgefüge weiter an Bedeutung verlieren. Der Grönland-Konflikt ist dabei kein Einzelfall, sondern ein lautes Warnsignal. Wer es ignoriert, wird beim nächsten Konflikt wieder überrascht tun – und erneut den Preis zahlen.
Doch welche Optionen lägen zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch auf dem Tisch? Neben der Zurecht- und Zurückweisung der imperialistischen US-Ansprüche unter Benennung der Irrationalität der Argumentation darf keine rein moralische, sondern es muss eine nachvollziehbare strategische Antwort folgen, die zugleich die Augenhöhe Europas mit den USA deutlich macht. Die Stabilität der Arktis, der freie Zugang der Seewege und die Vermeidung von Rohstoff- und Militärkonfrontationen ist keine Angelegenheit nur der USA oder der EU.
Positionen mit Perspektive
Zu den atlantischen Anrainern gehören auch Latein- und Südamerika sowie Afrika. Welche Position aber haben diese? Wie könnten auch sie in einen Arktis-Kooperationsrahmen eingebunden werden? Denn, so muss bemerkt werden, warum sollten sich sonst Südpol-Anrainer wie Südafrika, Chile oder Australien nicht für diese Region interessieren? Wird nicht Russland bereits für seine Aktivitäten im Polarmeer kritisiert? Sicherheit muss nicht als Machtfrage, sondern kann ebenso als gemeinsames Management von Forschung, Infrastruktur, Seenotrettung, Umweltmonitoring und letztlich auch Rohstoffausbeutung verstanden werden. Der Konflikt bietet Potenzial zur Adressierung von Zukunftsthemen, die sogar wichtiger sind als ein wie auch immer begründeter Besitzanspruch. Hierzu sollte die EU spätestens jetzt Positionen formulieren, die sich durch Zukunftsfähigkeit abheben.
Kommunikationsfehler mit Folgen
Regelmäßige strategische Konsultationen zwischen USA, Kanada, Dänemark und anderen europäischen Staaten sowie Atlantikanrainern erzeugen kooperative Mitsprache und nicht plumpe Gefolgschaft. Marktzugang, Normen und Investitionen können an entsprechende Kooperationsregeln gekoppelt werden. Hier eine Vermittlungs- und Scharnierfunktion einzunehmen, könnte Staaten wie die Bundesrepublik als multilateralen Taktgeber positionieren, anstatt Zeit zu verlieren mit dem Warten auf die Wirksamkeit von eher ineffektiven und hilflosen EU-Initiativen. Auch die Fixierung auf die USA als wichtigsten Handelspartner ließe sich wirksam hinterfragen. jetzt zeigt sich deutlich: Es war ein schwerer Fehler, die Kommunikationskanäle mit China, Russland oder gar dem BRICS-Verbund nicht aktiver zu gestalten. Denn dann hätten die USA nun möglicherweise größere Hemmungen, die europäischen Staaten so unter Druck zu setzen.