30.01.2026

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Mobil wie ein Kinderspielzeug unterwegs: Der Heilige Georg zu Pferd, 16. Jh., aus  Kerkfabriek Sint Jan de Doper, Schulen (Herk de Stad, Belgien)
Bild: CC_BY KIK-IRPA, Brüssel, KN 009598, Hervé Pigeolet, KIKMobil wie ein Kinderspielzeug unterwegs: Der Heilige Georg zu Pferd, 16. Jh., aus Kerkfabriek Sint Jan de Doper, Schulen (Herk de Stad, Belgien)

Kunst

Der Jesus, der kann reiten

Christliche Figuren können zwinkern, nicken und entschweben – Ausstellung in Aachen über „Mittelalterliche Kunst in Bewegung“

Veit-Mario Thiede
30.01.2026

Im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum läuft mit „Praymobil“ die allererste Schau über mittelalterliche Bildwerke, die sich bewegen lassen. Sie können die Arme schwenken, mit den Augen zwinkern oder mit dem Kopf nicken. Etwa 80 Werke aus Mitteleuropa sind ausgestellt. Eine Räderuhr mit Teufelsfratze (um 1550), die zu jeder vollen Stunde das Maul aufklappt, um uns die Zähne zu zeigen, vertritt die Gattung der Automaten. Diese bewegen sich nach dem Aufziehen von selbst. Die meisten der Exponate sind jedoch darauf angewiesen, von Menschenhand bewegt zu werden.

Am Anfang des Rundgangs begegnen wir der hölzernen Statuette der „Maria in der Hoffnung“ (1300/10). Hinter einer Glasscheibe ist in ihrem Leib das nackte Jesuskind zu sehen. Ausstellungskuratorin Dagmar Preising berichtet: „In der Adventszeit wird man die Figur aufgestellt, am Weihnachtstag das Kind herausgenommen und in ein Christkindbettchen gelegt haben.“ Eine Christkindwiege (15. Jh.) aus vergoldetem Kupfer ist ausgestellt. In ihrer Nähe sind niedliche nackte Christkinder aufgereiht. Einst waren sie angezogen und wohnten in Frauenklöstern. In Vertretung der Gottesmutter umsorgte jede Nonne ihr Christkind, legte es schlafen, bekleidete es oder ging mit ihm in die Kirche.

Bei Prozessionen am Anfang der Karwoche führte die Gemeinde den auf einem Brett mit Rädern stehenden Palmesel (um 1490) mit sich. Auf ihm reitet Christus und erteilt mit der Rechten den Segen. Beim Umzug erklangen Wechselgesänge, Ratschen, Pfeifen und Trommeln. Höhepunkt der Prozession war der Einzug Jesu durch das Portal der Herkunftskirche.

Wie Verkehrspolizisten, die einen Arm ausgestreckt und den anderen seitlich angelegt haben, werden einige mit schwenkbaren Armen ausgerüstete Kruzifixe präsentiert. Das ermöglichte, mit ihnen die Kreuzabnahme, die Beweinung und die Grablegung nachzuspielen. Andere bei der Grablegung eingesetzte Christusstatuen überkreuzen die Handgelenke oberhalb des Lendentuches.

Schwer geschunden tritt der in Südtirol geschaffene „Grablieger“ (um 1450/60) in Erscheinung. Er weint blutige Tränen und weist sowohl die Seitenwunde als auch Verletzungen an Schultern, Unterarmen und Knien auf. Laut Kurator Michael Rief „steht er in Verdacht, in stehender Position als Schmerzensmann genutzt worden zu sein“.

Einen Identitätswechsel erlitt der um 1515 geschaffene Grablegechristus der Kirche St. Georg in Kleinbottwar, Landkreis Ludwigsburg. In nachreformatorischer Zeit funktionierte ihn die Gemeinde zum heiligen Urban um, der als Patron der Winzer verehrt wird. Die Holzfigur stand im Fenster des Kirchturms mit Blick auf die Weinberge. Urban musste einiges durchmachen, denn wenn die Weinreben Frostschäden erlitten hatten, stießen die Winzer die den Heiligen vertretende Skulptur zur Strafe die Stufen des Turms hinunter. Solch ein handgreiflicher Umgang mit Stellvertreterfiguren von Heiligen, welche die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt hatten, war nicht selten, aber eine von vielen Geistlichen beklagte Unsitte, wie Dagmar Preising erklärt.

Eine eindrucksvolle Erscheinung ist der aus Rattenberg in Tirol stammende lebensgroße „Schmerzensmann“ (um 1500). Die mit beweglichen Unterarmen ausgestattete Holzfigur diente dem Nachvollzug der Dornenkrönung, Geißelung, Kreuzigung, Kreuzabnahme, Grablegung und Auferstehung. Unklar ist, warum er eine bewegliche Zunge hat.

Jesus hängt an der Seilwinde
Weitaus beweglicher noch ist der von Josef Barthelmä Kleinhans hergestellte Kruzifixus (1. H. 19. Jh.). Im ausgehöhlten Kreuz befinden sich Schnurzüge versteckt, mit denen sich die Augen, der Unterkiefer, die Zunge und der Kopf aktivieren ließen. Aber steckte bei dieser und vielen anderen Figuren eine Betrugsabsicht dahinter?

Michael Rief erklärt, es sei schwierig bis unmöglich zu unterscheiden, ob es sich um theatralische, zur direkten emotionalen Reaktion einladende Vorführungen handelte, bei denen den Gläubigen die künstliche Natur des Geschehens bewusst war, oder ob es die Absicht war, ein „Wunder“ vorzutäuschen. Letzteres behaupteten insbesondere reformatorische Flugschriften, um den alten Glauben in Misskredit zu bringen.

Ob man wohl den aufgebotenen Engeln jemals ein Wunder abgenommen hat? Allerliebst sehen zwei kniende Leuchterengel aus (um 1520/25). Einst hatten sie eine bewegliche Hand, um während der Wandlung von Wein und Brot in Blut und Leib Christi ein Glöckchen zu läuten. Würdevoll stehen zwei Leuchterengel (um 1535/44) vor den Ausstellungsbesuchern. Mit dem beweglichen Arm schwenkten sie früher wahrscheinlich ein Weihrauchfässchen. Am Seil schwebend trat die aus vergoldetem Holz bestehende Heiliggeisttaube (17./18. Jh.) in Erscheinung. Die aus vergoldetem Kupfer und Grubenemail geschaffene „Hostientaube“ (13. Jh.) war zur Aufbewahrung der konsekrierten Hostien bestimmt und hing ehemals über einem Altar.

Viele, wenn nicht alle alten Kirchen haben im Gewölbe ein „Himmelsloch“. Durch das kann man eine Heiliggeisttaube absenken oder eine Muttergottesfigur auffahren lassen. Und ebenso zum Beispiel den „Himmelfahrtschristus“ (1503) des in der Schweiz tätig gewesenen Meisters der großen Nasen. Christus zeigt mit erhobenem Unterarm und hochgestreckten Fingern an, dass es aufwärts gehen soll. Damit er mithilfe einer Seilwinde hochgezogen werden kann, ist an seinem Kopf ein Eisenring montiert. Die im Rahmen der Liturgie nachvollzogene Himmelfahrt ist ein Brauch, der vereinzelt noch heute gepflegt wird.

„Praymobil. Mittelalterliche Kunst in Bewegung“, bis 15. März täglich geöffnet außer montags von 10 bis 17 Uhr, dienstags und mittwochs ab 13 Uhr, Eintritt: 12 Euro. www.suermondt-ludwig-museum.de 


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