25.02.2024

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Östlich von Oder und Neiße

Der Klassenfeind siegt – Friedensfahrt nun englisch

Die Neuauflage der „Tour des France des Ostens“ wird zur Politikshow

Till Scholtz-Knobloch
11.09.2023

Die legendäre deutsch-polnisch-tschechische Friedensfahrt findet eine Neuauflage, nun allerdings ganz bedeutsam im anglizistischen Gewand. Am Erscheinungstag dieser Zeitung, Freitag, den 8. September, startet der „European Peace Ride“ symbolschwanger an der Schnittstelle zwischen West- und Ost-Görlitz auf der Altstadtbrücke über die Lausitzer Neiße um 11 Uhr. Die Pate stehende, vor 70 Jahren ins Leben gerufene Friedensfahrt war zu ihrer Blütezeit die größte Amateurradsportveranstaltung des Ostblocks.

An der diesjährigen Neuausgabe nehmen rund 200 Radfahrer nicht allein aus den drei Republiken Deutschland, Polen und Tschechien teil – wie sollte es auch anders sein, wenn die Politik aktuell ihre Finger im Spiel hat? Wenn schon andere beim Getöse nicht mitmachen und alten Glanz suggerieren wollen, dann müssen eben auch Fahrer aus der Ukraine zum erhofften Fähnchenschwenken am Straßenrand in die Pedale treten.

Die Fahrt ist in drei Etappen unterteilt: Von Görlitz über Lauban [Lubań] und Marklissa [Leśna] führt die Strecke weiter über den Grenzübergang Hartmannsdorf [Miłoszów]/Wünschendorf [Srbska] in die böhmische Autostadt Jungbunzlau [Mlada Boleslav], dem Sitz von Skoda. Am 9. September geht es weiter nach Pilsen [Plzeň]. Das Ziel ist Chemnitz, dort findet am 10. September die Abschlussveranstaltung im Rahmen des Festivals Sports United statt, denn die Fahrt ist eines der Hauptprojekte der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz 2025.

Das alles ist natürlich nur für die Leser der Preußischen Allgemeinen Zeitung übersetzt, denn die offizielle Pressemitteilung weist – unter Einschluss von Görlitz – die Ortsnamen allein auf Polnisch und Tschechisch aus. Dabei wird eigentlich bekundet, dass die namentlich geänderte Neuauflage auch ein kulturelles Ereignis werden solle, bei dem rund um die Fahrt Kulturveranstaltungen wie Konzerte oder Lesungen geplant sind, „die Geschichte und kulturelles Erbe der Städte und Regionen entlang der Strecke beleuchten“.

Man darf auf dieses Erbe gespannt sein, wenn schon der kulturhistorisch deutsche Aspekt dieser Landschaften gleich im Ansatz erstickt ist. Schon die DDR hatte letztlich nur acht Jahre nach Kriegsende und Vertreibung ihren Kotau vollzogen und mit der Friedensfahrt quasi die erste Integrationsveranstaltung für die nun polnisch verwalteten deutschen Ostgebiete unter Negierung ihrer Vergangenheit vollzogen. Eine neue Tradition für ein Land ohne eigene polnische sowie wenig tschechische Tradition im Sudetenland musste her. Als besonderer Höhepunkt wird die Teilnahme von Schriftsteller Lothar Quinkenstein angepriesen, der auch Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk ins Deutsche übersetzte. Diese hatte sich zuletzt stets „auf der richtigen Seite stehend“ in Szene gesetzt.

Das Startsignal gibt am 8. September Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer mit dem Chemnitzer Oberbürgermeister Sven Schulze sowie den beiden Görlitzer Stadtoberhäuptern Octavian Ursu (West) und Rafał Gronicz (Ost). Eine begleitende Unternehmerdelegation reise „im Rahmen einer umweltfreundlichen Aktion in Kooperation mit der Erzgebirgsbahn mit einem Sonderzug nach Görlitz an“. Deindustrialisierung hin oder her – auch aus der Wirtschaft finden sich immer noch Vertreter, die sich ankuscheln und gute Miene zu bösem Wirtschaftsspiel machen.

Mit dem Zielort Kulturhauptstadt Chemnitz ist die wohl wichtigste durchsichtige PR-Aufgabe angesprochen. Die Stadt, der nach den Ausschreitungen von 2018 medial der rechtsradikale „Dumme-Ossi-Stempel“ aufgedrückt wurde, muss nun mit mutmaßlich „wokem“ Gegenprogramm die traurige Rolle spielen, sich geläutert zu sehen.


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