27.11.2020

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Friedrich Wilhelms III. 250. Geburtstag

Der König suchte Frieden – und siegte in der Völkerschlacht bei Leipzig

Unter der Regentschaft des Ehemannes von Königin Luise erlebte Preußen seine schwerste Krise, aber auch einen mutigen Neubeginn mit Reformen, die den Weg zur Demokratie öffneten

Klaus J. Groth
27.07.2020

Preußen zu Zeiten der Geburt seines späteren fünften Königs Friedrich Wilhelm III. am 3. August 1770: Glanz und Gloria waren vorbei, den puritanischen Hof des Alten Fritz hatte sein Neffe Friedrich Wilhelm II. in eine Lasterhöhle verwandelt. Der König, verheiratet mit Friederike von Hessen-Darmstadt, wurde wegen seines Leibesumfangs und der zahlreichen Maitressen nebst zweier Ehefrauen zur linken Hand im Volk „dicker Lüderjahn" genannt. In diesen skandalösen Verhältnissen wuchs der Thronfolger zu einem scheuen, introvertierten jungen Mann heran.

Friedrich von Coelln, ein Kenner der Zustände bei Hofe, charakterisierte ihn so: „Er war und blieb verschlossen ohne Selbstvertrauen, daher verlegen und blöde, wo er öffentlich auftrat; alle Repräsentation war ihm zum Ekel, alle feyerlichen Akte in seiner ihm zugetheilten Rolle waren ihm zuwider. Er war am liebsten für sich allein und unter seinen Bekannten." Coelln bescheinigte dem Kronprinzen zwar auch Liebenswürdigkeit und Mitgefühl, aber klar war auch, dass ihm von der Genialität seines Großonkels Friedrich der Große nichts in die Wiege gelegt war.

Unentschlossen und wankelmütig

1793 heiratete der Kronprinz die 17-jährige Prinzessin Luise von Mecklenburg-Strelitz. Sie führten eine vorbildliche Ehe. Das junge Paar war beim Volk sehr beliebt, die schöne, warmherzige Luise wurde zur Königin der Herzen ihrer Zeit. 1797 bestieg Friedrich Wilhelm den Thron. Seine erste Amtshandlung war, dass er die langjährige Maitresse seines Vaters Wilhelmine Enke davonjagte und ihren Besitz konfiszierte. Das Königspaar wohnte bürgerlich im Kronprinzenpalais, ohne Prunk und sittenstreng.

Das Kabinett von Friedrich Wilhelm stöhnte ob dessen Unentschlossenheit und Wankelmut. Seine Neutralitätspolitik führte in Preußen zur Katastrophe. Als Napoleon Bonaparte begann, weite Teile Europas unter seine Herrschaft zu zwingen, weigerte sich Friedrich Wilhelm, der Allianz aus Russland, Österreich und Schweden beizutreten. Als junger Mann hatte er bei den Feldzügen seines Vaters die Schrecken des Kriegs kennengelernt. An seinen Großonkel Heinrich von Preußen schrieb er: „Alle Welt weiß, dass ich den Krieg verabscheue und dass ich nichts Größeres auf Erden kenne als die Bewahrung des Friedens." Napoleon nannte ihn einen Schwächling.

Nach der Niederlage der Allianz in der Schlacht bei Austerlitz vom 3. Oktober 1805 musste Österreich in den Frieden von Preßburg vom 26. Dezember des Jahres einwilligen. Nun, da die Allianz geschlagen und Preußen auf Frankreichs Gnade angewiesen war, provozierte Friedrich Wilhelm Napoleon am 1. Oktober 1806 mit einem Ultimatum, das einer Kriegserklärung gleichkam. Das ehemals siegreiche Heer Friedrichs des Großen wurde in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 nahezu aufgerieben. Die Königsfamilie floh nach Ostpreußen. Und Friedrich Wilhelm sah sich gezwungen, am 9. Juli 1807 den Frieden von Tilsit zu schließen, der Preußen zu einer Mittelmacht herabstufte.

In dieser tiefen Krise erhielten die preußischen Reformer, große Geister wie Karl August von Hardenberg, Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein oder Wilhelm von Humboldt, eine Chance, Gesellschaft und Verwaltung in Preußen zu reformieren. In seiner im Auftrag Friedrich Wilhelms verfassten Rigaer Denkschrift „Über die Reorganisation des Preußischen Staats" vom 12. September 1807 verlangte Hardenberg Abschaffung der Leibeigenschaft, Gewerbefreiheit, freien Binnenhandel, Schulbildung für alle und Stärkung des Handwerks. „Also eine Revolution im guten Sinn, gemach hin führend ... durch Weisheit der Regierung und nicht durch gewaltsame Impulsion von Innen oder Außen. Demokratische Grundsätze in einer monarchischen Regierung: diese scheint ... die angemessene Form für den gegenwärtigen Zeit-Geist."

Friedrich Wilhelm war bereit, seine Macht zu beschränken. Fachressorts, geführt von Ministern, übernahmen die Geschäfte. Gegen den Widerstand der adligen Gutsbesitzer wurde die „Bauernfreiheit" verkündet, der Frondienst verboten und der Erwerb von Land für jedermann erlaubt. Die Bürger durften ihre Städte selbst verwalten. Juden erhielten weitgehend die gleichen Rechte wie die christliche Bevölkerung.

Währenddessen blieb der wahre Herr in Preußen Napoleon. Die Wut im Volk über den Besatzer wuchs. Erst unter dem Druck der Öffentlichkeit stellte der König sich nach Napoleons gescheitertem Russlandfeldzug und der ohne sein Wissen geschlossenen und anfänglich von ihm abgelehnten preußisch-russischen Konvention von Tauroggen vom 30. Dezember 1812 an die Spitze der patriotischen Bewegung gegen die Fremdherrschaft. In seinem Aufruf „An mein Volk" vom 17. März 1813 warb er um Spenden für die Aufrüstung und Vergrößerung des Heeres. Die Bürger gaben „Gold für Eisen". Im Bündnis mit Russen, Österreichern und Schweden besiegte das nicht zuletzt durch die Einführung der Wehrpflicht erstarkte preußische Heer in der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. bis 18. Oktober 1813 die Franzosen. Das war der entscheidende Sieg der antinapoleonischen Koalition in den Befreiungskriegen.

Repressalien besonders rigide

Der Moor hatte seine Schuldigkeit getan, der Moor konnte gehen. Nach dem Ende der napoleonischen Ära bestand für Europas Obrigkeiten keine Notwendigkeit mehr, um die Unterstützung des Volkes im Kampf gegen den Usurpator zu buhlen. Es begann die Restauration, der Versuch die feudalistischen Zustände vor der Französischen Revolution wiederherzustellen.

Die Ermordung des reaktionären Dichters August von Kotzebue durch den Studenten Karl Ludwig Sand am 23. März 1819 war da den Ministern des 1815 gegründeten Deutschen Bundes ein willkommener Vorwand, sich unter strengster Geheimhaltung vom 6. bis 31. August 1819 in Karlsbad zu treffen. Sie vereinbarten die Bekämpfung liberaler und nationaler Tendenzen, ein Verbot der Burschenschaften, die Schließung der Turnplätze, die Überwachung der Universitäten und die Zensur der Presse. Friedrich Wilhelm ließ die Repressalien in seinem Land besonders rigide durchsetzen.

Am 7. Juni 1840, nach über 40-jähriger Regierungszeit, starb Friedrich Wilhelm III. Der Nachwelt hat er die klassizistischen Schinkelbauten Altes Museum, Neue Wache und das Schauspielhaus hinterlassen – und den ersten deutschen Kaiser, Wilhelm I., seinen Sohn.



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Kommentare

sitra achra am 29.07.20, 11:25 Uhr

1770 tobte doch noch der zweite schlesische Krieg und Fritz war noch Regent.
Schade, dass sein Lieblingsneffe Prinz Heinrich, der laut seiner Aussage vielversprechende Eigenschaften aufwies und kein Sybarit war, vor seiner Zeit verstarb.
Dieser Prinz machte tapfer die Feldzüge seines Onkels mit und war in allem eine geborene Führungspersönlichkeit, auf jeden Fall die bessere Wahl.

Deutsche Haltung am 29.07.20, 06:44 Uhr

Danke für den schönen Aufsatz!

Aber Achtung:
Friedrichs des Großen spartanischer (nicht "puritanischer") Hof war 1770 bestimmt noch keine Lasterhöhle. Möglicherweise wurde er dies nach dessen Tod 1786.

Die Schlacht fand bei Auerstädt (mit ä) statt.

Mohren (mit h) können gehen, sobald sie ihre Schuldigkeit geran haben.

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