30.11.2022

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Königsberg-Konflikt

Der Kreml könnte am längeren Hebel sitzen

Sollte der Konflikt um den Transit zwischen Russland und dem Königsberger Gebiet durch Litauen eskalieren, dürfte es der NATO schwerfallen, die Suwalki-Lücke und mit ihr das Baltikum zu verteidigen

Wolfgang Kaufmann
06.07.2022

Seit Mitte Juni beschränkt die Republik Litauen den Warenverkehr zwischen Russland und dessen Exklave rund um Königsberg. So dürfen keine Züge mehr passieren, die Erzeugnisse aus Eisen, Stahl und anderen Metallen sowie Holz und Glas oder Luxusartikel aller Art transportieren. Darüber hinaus wurde der Transit von Düngemitteln Restriktionen unterworfen und eine Blockade der Lieferungen von Zement, Kohle, Erdöl und Mineralölprodukten angekündigt. Damit setzt das baltische EU-Mitglied die von der Europäischen Union beschlossenen Sanktionen gegen Moskau wegen des Einmarschs in der Ukraine durch.

Der Kreml reagierte hierauf unter anderem mit einer diplomatischen Note, in der es heißt, dass Russland „sich das Recht vorbehält, zum Schutz seiner nationalen Interessen zu handeln, wenn der Gütertransit zwischen der Oblast Kaliningrad und dem Rest der Russischen Föderation über Litauen nicht in naher Zukunft vollständig wiederhergestellt wird“. Gleichzeitig erklang in der russischen Öffentlichkeit der Ruf nach der gewaltsamen Schaffung eines „Korridors“ zu der Exklave an der Ostsee. Das wiederum alarmiert nun die NATO, die sehr wohl weiß, wo die russische Armee zuschlagen könnte, wenn es so weit käme.

„Achillesferse der NATO“

Dieser neuralgische Punkt ist die Suwalki-Lücke, benannt nach der gleichnamigen Stadt im Nordosten Polens. Die Lücke verläuft über 65,4 Kilometer Luftlinie zwischen dem Königsberger Gebiet und Weißrussland und stellt die einzige Landverbindung zwischen den drei baltischen Staaten und den übrigen NATO- und EU-Staaten dar. Deshalb gilt sie auch als „Achillesferse der NATO“. Aus dieser geopolitisch brisanten Lage resultiert die 2016 beschlossene Beistandsinitiative NATO Enhanced Forward Presence (eFP). In deren Verlauf wurden vier multinationale Kampfverbände mit insgesamt fast 5000 Mann auf beiden Seiten der Lücke im Baltikum und Polen stationiert. Dieses Engagement soll nun angesichts der aktuellen Entwicklungen noch deutlich verstärkt werden.

Auslöser der eFP-Initiative war nicht zuletzt eine brisante Studie der US-amerikanischen Denkfabrik RAND Corporation, an der auch der frühere Alliierte Oberkommandierende in Europa, Wesley Clark, mitgewirkt hatte. Die gelangte zu dem Schluss, dass die NATO die Lücke im Falle eines russischen Angriffs nur 36 bis 60 Stunden lang verteidigen könne, dann seien alle drei baltischen Hauptstädte besetzt und das Baltikum zur Exklave des nordatlantischen Bündnisses geworden, dessen Verteidigung angesichts der russischen Überlegenheit bei konventionellen Waffen unmöglich wäre.

Daran ändern aber auch die vier NATO-Kampfverbände nichts, wie eine weitere Studie von Anfang 2021 zeigt, für die das Center for European Policy Analysis in Washington sowie der ehemalige Chef der US-Landstreitkräfte in Europa, Generalleutnant Benjamin Hodges, verantwortlich zeichneten. Diesem Papier zufolge dürfte es ausnehmend schwierig sein, im Kriegsfall weitere Truppen an die Front in der Suwalki-Lücke zu werfen und mit Nachschub zu versorgen. Das liege an der mangelhaften Infrastruktur vor Ort. Und Transporte über Schweden und die Ostsee wären zwar möglich, würden aber „drei bis vier Wochen Verzögerung“ bedeuten.

Russischer Angriff gilt als unwahrscheinlich

Allerdings ist ein russischer Angriff im Bereich der Suwalki-Lücke derzeit wenig wahrscheinlich. Zum Ersten sind Putins Truppen in der Ukraine gebunden und dort mehr als genug beansprucht. Zum Zweiten müsste der weißrussische Diktator Alexander Lukaschenko so unklug sein, dem russischen Vormarsch in Richtung des Dreiländerecks Polen-Litauen-Weißrussland zuzustimmen, obwohl ihm daraus nur Nachteile zu erwachsen drohen. Zum Dritten kann Russland die litauische Blockade ohne größeren Aufwand dadurch umgehen, dass es die Bannware auf dem Seeweg nach Königsberg bringt. Die hierfür nötigen Schiffe stehen bereit.

Und nicht zuletzt verfügen die Russen, viertens, über ein sehr wirksames Mittel, Litauen – wie bereits offen angedroht – „leiden“ zu lassen, ohne die NATO militärisch herauszufordern: Das baltische Land hat sich auf Druck der EU dafür entschieden, sein Kernkraftwerk Ignalina abzuschalten und den geplanten Nachfolger in Visaginas nicht in Betrieb zu nehmen. Deshalb hängt es nach wie vor über das BRELL-Ringsystem am nordwestrussischen Stromnetz. Das könnte Moskau jederzeit ändern, Vilnius nicht.



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Kommentare

Eric Boule am 22.07.22, 09:39 Uhr

Wenn die Russen am laengeren Hebel sitzen lautet die Frage:
weshalb sind die litauischen Extremisten so dumm den Warenverkehr zu stoppen?Frueh oder spaet muessen sie nachgeben+erleiden ein Debakel

Zdzich Schmeichel Lipka am 11.07.22, 15:17 Uhr

Die Russen werden alles verlieren, was sie gewonnen haben, wenn sie eine zweite Front eröffnen. Auch Japan ist interessiert. Sicher bekommen die Russen hinter dem Ural einen Tritt in den Hintern und verlieren Königsberg. Polen ist heute in einer viel besseren Lage als am 17. September 1939.

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