04.07.2022

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Schleichers Macht resultierte nicht zuletzt aus seinem Einfluss auf Hindenburg: Der General (re.) mit dem Reichspräsidenten zu seiner Rechten sowie Franz von Papen, Otto Meißner und Wilhelm Freiherr von Gayl (v. l.) auf Gut Neudeck am 1. September 1932
Foto: AS Ullstein BildSchleichers Macht resultierte nicht zuletzt aus seinem Einfluss auf Hindenburg: Der General (re.) mit dem Reichspräsidenten zu seiner Rechten sowie Franz von Papen, Otto Meißner und Wilhelm Freiherr von Gayl (v. l.) auf Gut Neudeck am 1. September 1932

Kurt von Schleicher

Der letzte Kanzler vor Adolf Hitler

Mit einer politischen Querfront aller Schaffenden versuchte der Berufssoldat und Politiker die Weimarer Republik zu retten

Hans-Dieter Nahme
16.06.2022

Es ist in der deutschen Geschichte selten vorgekommen, dass ein Berufsoffizier zum Regierungschef gewählt oder ernannt wurde. In diese Reihe gehört der Reichskanzler und Reichswehrminister General Kurt von Schleicher, der von Anfang Dezember 1932 bis Ende Januar 1933 regierte. Er strebte eine politische Querfront aller Schaffenden an unter Einbeziehung der Gewerkschaften. Die Konzeption dafür stammte von dem Journalisten Hans Zehrer und federführend von Günther Gereke, der von Schleicher zum Reichskommissar für Arbeitsbeschaffung ernannt wurde. Ein produktives Arbeitsbeschaffungsprogramm sollte dabei öffentliche Aufträge im Siedlungswesen vorfinanzieren – unter Wahrung der Tariflöhne.

General der Infanterie a. D. Kurt von Schleicher, geboren am 7. April 1882 in Brandenburg an der Havel, wurde als Gegner des Nationalsozialismus am 30. Juni 1934 von einem Rollkommando der SS in seinem Privathaus in Neubabelsberg bei Potsdam zusammen mit seiner Ehefrau Elisabeth erschossen. Der hektische Ablauf dieser Tat ist durch eine Zeugenaussage bekannt, aber die Frage der Täterschaft und der eigentlichen Urheber ist bisher nie recht geklärt worden.

Undurchschaubare Taktik

Der Schleicher-Mord steht im Zusammenhang mit vielen anderen Untaten dieser turbulenten Tage wie der Tötung des Generalmajors Ferdinand von Bredow und des Ministerialrats Erich Klausener. Franz von Papen entging dieser Aktion mit knapper Not, ebenso der Reichsminister a. D. Gottfried Treviranus. Die Bluttaten wurden offiziell als Maßnahmen gegen einen angeblich drohenden „Röhm-Putsch“ legitimiert.

Fakt ist, dass Ernst Röhm und große Teile der Führung der Sturmabteilung (SA) mit der Entwicklung nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten unzufrieden waren. Sie wollten nach der legalen eine zweite Revolution und dass ihre SA die Reichswehr als Streitmacht des Deutschen Reiches ablöste. Ob sie wirklich putschen wollten, ist umstritten.

Jedenfalls wurde die SA in der sogenannten Nacht der langen Messer vom 30. Juni auf den 1. Juli 1934 enthauptet. Im Schatten dieser Aktion gegen die SA-Führung wurden sozusagen in einem Abwasch auch andere, vorwiegend nationalkonservative Regierungskritiker ausgeschaltet, die der Regierung gefährlich erschienen oder ihr missliebig waren. Mit den zum linken Flügel der NSDAP gehörenden Kreis um SA-Führer Röhm wurden auch eher rechts stehende Gegner der NS-Diktatur liquidiert. Der gleichgeschaltete Reichstag erklärte die Übeltaten dieser Tage durch ein Gesetz als Staatsnotwehr für rechtens und der in seinem letzten Lebensjahr stehende Reichspräsident Paul von Hindenburg billigte das. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der NS-Herrschaft wurde diese pauschale Rechtfertigung für nichtig erklärt.

Dass es vor Adolf Hitlers „Machtergreifung“ restaurative Kräfte gab und dass vielen aus der Kaiserzeit stammenden Politikern und Generälen die Republik nicht sympathisch war, ist nicht erstaunlich. Es wäre sonderbar gewesen, wenn sie auf einmal alles, was ihnen wert und heilig gewesen war, verworfen hätten. Aber es gab vernünftige Generäle in der Reichswehr – genannt seien Wilhelm Groener, Walther Reinhardt und Kurt von Hammerstein-Equord –, die wie Schleicher einsahen, dass die alten Zeiten vergangen waren, und zu dem Ergebnis kamen, dass ein neues Denken erforderlich sei. Man war bereit, die Republik zu akzeptieren und an ihrer Gestaltung mitzuwirken, zusammen mit den Sozialdemokraten, wie es Erwin Planck als enger Mitarbeiter Schleichers bereits 1919 niedergeschrieben hatte: „Konservative und Arbeiter müssen eines Tages zusammengehen und die nötigen sozialen Riesen-Reformen schaffen.“ Bezeichnend ist ein späterer Ausspruch Hammerstein-Equords: „Wir alle stehen der Gesinnung nach rechts; aber wir müssen uns alle klarmachen, durch wessen Schuld der jetzige politische Trümmerhaufen entstanden ist. Das sind die Führer der Rechtsparteien.“

Schonfrist dank Hindenburg

Der Kapp-Putsch von 1920 hatte gezeigt, dass rechte Putschisten keine Chancen hatten in der jungen Republik. In wenigen Tagen war er in sich zusammengebrochen, während die kommunistischen Umsturzversuche im Westen Deutschlands erst in wochenlangen Kämpfen überwunden werden konnten. In der Spätphase der Weimarer Republik stärkte Schleicher durch seine Einflussnahme beim Reichspräsidenten den Ausbau der Staatsautorität, welche die Präsidialkanzler Heinrich Brüning und Papen von Hindenburg abhängig machte. Schleichers undurchschaubare Taktik gegenüber der NSDAP der parlamentarischen Zähmung einerseits und eines möglichen Militärschlags andererseits ließen seine Politik am Ende scheitern.

Schleicher erscheint heute als ein Mann, der die junge Republik vor ultrarechten und ultralinken Kräften sowie vor ausländischen Mächten zu schützen versuchte. Hitler hätte, wie er zuletzt noch wenige Tage vor seinem Selbstmord sagte, schon bei seiner „Machtergreifung“ Schleicher und andere umbringen lassen, wenn er nicht Rücksicht auf Hindenburg hätte nehmen müssen. Am 30. Juni 1934 fand sich eine Gelegenheit dazu, und Deutschland wurde endgültig in die NS-Diktatur geführt. Im Jahr 1935 wurde aus der Reichswehr die Wehrmacht. Das „Schleichersche“ Truppenamt wurde dann in „Generalstab des Heeres“ umbenannt und zur Wehrmachtsführung.

• Hans-Dieter Nahme war Präsident der niedersächsischen Notarkammer Celle. Er ist Verfasser der erstmals 2019 in Kirchheim erschienenen Doppelbiographie „Gustav Noske – Kurt Schleicher. Die erste und die letzte Chance für die Weimarer Republik“ und der dieses Jahr in Göttingen herausgekommenen Monographie „Der Mord an General Kurt von Schleicher und das Ende der Reichswehr“. 

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Kommentare

Ralf Pöhling am 18.06.22, 13:34 Uhr

Wie sich bereits im Laufe des Zweiten Weltkrieges und erst recht in seinen Folgen zeigte, lagen von Schleicher und sein Umfeld absolut richtig. Die NSDAP hatte das, was sie eigentlich erreichen wollte, ja genau nicht erreicht: Deutschland war nun nicht etwa Führungsnation der Welt, sondern hatte durch den Krieg nicht nur unzählige Soldaten und auch Staatsgebiet verloren, es war geteilt, in beiden Teilen fremdbeherrscht, um seiner physischen Macht, seines technologischen Vorsprungs und seines Wohlstandes vollends beraubt und hat bis heute den Holocaust im Nacken. Ein noch größerer Fehlschlag ist kaum denkbar. Die Nationalsozialisten kannten weder Maß noch Mitte. Und genau deshalb sind sie grandios gescheitert. Man kann ein Land langsam durch die Hintertür wieder auf Kurs bringen, oder es frontal an die Wand fahren. Welche Variante die bessere ist, sollte spätestens nach 1945 auch dem Dümmsten unter den Dummen klar sein.

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