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Boykott-Politik

Der nächste Schnitt ins eigene Fleisch?

Neben russischen Wirtschaftsgütern lehnt Deutschland auch den Kontakt zu russischen Wissenschaftlern ab – und schadet vor allem sich selbst

Wolfgang Kaufmann
25.07.2022

Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine formulierte das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eilig diverse neue „Leitlinien“ für die Zusammenarbeit mit Russland und Weißrussland. „Unter Wahrung rechtlicher Rahmenbedingungen werden Forschungsprojekte und Programme mit staatlicher Beteiligung aus Russland und Belarus gestoppt, ebenso Forschungskooperationen, bei denen Technologie- und Knowhowtransfer stattfindet oder stattfinden könnte ... Das BMBF geht keine neuen Initiativen und Projekte mit russischen und belarussischen Regierungsvertretern oder staatlich geförderten Institutionen an ... Staatliche russische und belarussische Institutionen erhalten vom BMBF keinerlei personelle oder finanzielle Unterstützung.“

Alle über einen Kamm geschoren

Daran ändert auch der Umstand nichts, dass inzwischen immerhin mehr als 8000 russische Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten einen offenen Brief unterzeichnet haben, in dem sie den Krieg in der Ukraine verurteilen. Das BMBF will unbedingt alles daransetzen, „national und international die russische Regierung so weit wie möglich zu isolieren“.

Dabei zeitigen die deutschen Sanktionen beziehungsweise Boykotte auf wissenschaftlichem Gebiet jetzt eine ganz ähnliche Wirkung wie die im Bereich der Wirtschaft: Sie schaden keineswegs nur der russischen Seite, sondern auch der deutschen, wobei die Letztere am Ende oft sogar deutlich stärker betroffen ist. Hierzu drei Beispiele:

Obwohl die Erforschung der Ursachen des Klimawandels hierzulande höchste Priorität besitzt, müssen deutsche Klimaforscher nun mit der Tatsache leben, dass ihr Datenstrom aus Russland versiegt. Das betrifft unter anderem das Alfred-Wegener-Institut – Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven. Dort wertete man bislang die Informationen aus der seit 2006 bestehenden deutsch-russischen Forschungsstation Insel Samoilow im Mündungsdelta des sibirischen Stromes Lena aus. Mit deren Hilfe konnten wichtige Erkenntnisse über das Abtauen des Permafrostbodens und die daraus resultierende Freisetzung von Treibhausgasen gewonnen werden.

Projekte liegen auf Eis

Ein weiteres Projekt, das nun wegen Funkstille auf Eis liegt, trägt den Namen ICARUS (International Cooperation for Animal Research Using Space) und wurde vom deutschen Steuerzahler bislang mit rund 30 Millionen Euro finanziert. Ziel des Ganzen war die Erforschung des Verhaltens verschiedener Tierarten. Geier, Zebras, Fledermäuse und viele andere Vertreter der irdischen Fauna bekamen winzige Sender aufgeklebt, deren Signale an die Antennen des russischen Moduls der Raumstation ISS gingen. Dadurch ließen sich zahlreiche wertvolle Informationen über die Wanderungsbewegungen der Tiere und deren Überlebensstrategien gewinnen – und zwar auch in extrem unwirtlichen Regionen wie dem Himalaya. Die Auswertung der Daten erfolgte im Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell, wo man bis zum Februar höchst zufrieden mit der deutsch-russischen Kooperation war.

Genauso auf dem Trockenen sitzen die Wissenschaftler des Max-Planck-Institutes für extraterrestrische Physik in Garching, die auf die Messwerte des satellitengestützten Röntgenteleskops eROSITA angewiesen sind. Das sucht seit 2019 nach Schwarzen Löchern und Dunkler Materie im Kosmos. Weil es auf das russische Weltraumobservatorium Spektr-RG montiert ist, wurde es am 26. Februar nach der ersten Hälfte der geplanten Himmelsdurchmusterung in den „Winterschlafmodus“ versetzt.

Im Gegensatz dazu kennen weder die US-amerikanische Weltraumbehörde NASA noch die europäische Raumfahrtagentur ESA derartige Skrupel wie das bundesdeutsche BMBF. Sie kooperieren zum Beispiel weiter mit der staatlichen russischen Weltraumorganisation Roskosmos, um den Betrieb der ISS aufrechtzuerhalten. Darüber hinaus dürfen NASA-Wissenschaftler auch nach wie vor auf die Daten zurückgreifen, welche von dem Astronomical Roentgen Telescope X-ray Concentrator (ART-XC) gesammelt werden, der genau wie eROSITA auf dem russischen Satelliten Spektr-RG sitzt.



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Kommentare

sitra achra am 26.07.22, 10:50 Uhr

Als Vorreiter der Weltmoral muss D eben Opfer bringen.
Die armen Fledermäuse!

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