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Der neue Krieg im Nahen Osten

Die Terrorangriffe der Hamas vom 7. Oktober haben Israel und die Welt erschreckt. Wie konnte es dazu kommen? Und wie wird sich der Konflikt weiterentwickeln? Droht eine Ausweitung des Krieges auf andere Regionen?

Martin van Creveld
19.10.2023

Wie jeder weiß, der ihn erlebt hat, ist der Krieg eine Domäne der Verwirrung. Manche Menschen sehen den Feind nicht, wenn und wo er da ist (so ist es uns in Israel ergangen). Andere „sehen“ ihn, wenn und wo er nicht da ist. Die Nerven aller Betroffenen und auch Beobachter sind angespannt, was dazu führt, dass sie sich etwas seltsam verhalten und oftmals eine angemessene, kohärente Kommunikation fast unmöglich ist. Gerüchte, Zensur, Desinformation und schlichte Täuschung sind an der Tagesordnung. So kann es Wochen, Monate, Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern, die Verwirrung zu klären, um sich ein richtiges Bild von den Geschehnissen zu machen. Je mehr Fakten und Beweise auftauchen, desto schwieriger ist es oft, sich einen Überblick zu verschaffen und sich einen Reim darauf zu machen.

Doch der Mensch ist das erklärende Tier. Sein riesiges Vorderhirn gibt ihm einen großen Vorteil. Es bedeutet aber auch, dass er nicht ohne eine Art Gerüst existieren kann, das ihm erklärt, was geschehen ist, warum es geschehen ist und was wahrscheinlich als Nächstes geschehen wird. Schlimmer noch: Dort, wo es keine wirkliche Erklärung gibt, erfindet sich der Mensch zunächst eine unwirkliche und überzeugt sich dann durch Wiederholung selbst davon, dass diese wahr ist.

Auf die Gefahr hin, dass alles, was ich sage, schnell durch laufende Ereignisse widerlegt wird, werde ich im Folgenden versuchen, einige Fragen zu den jüngsten Terroranschlägen der Hamas gegen Israel zu stellen und Antworten darauf zu geben.

Der Überraschungsschlag der Hamas
Die erste Frage ist, wie es geschehen konnte, dass die Hamas den israelischen Militärgeheimdienst, der angeblich der beste der Welt ist, völlig überraschte. Es ist wie Nietzsche sagt: Ein großer Sieg macht den Sieger dumm und den Verlierer bösartig. Damit meine ich, dass es sich hier um eine Frage der Spiegelung zu handeln scheint.

Die Konfrontation Israels mit der Hamas dauert nun schon seit etwa zwanzig Jahren an. Da die Israel Defense Forces (IDF, dt.: Israelische Verteidigungsstreitkräfte) der Hamas weit überlegen waren, endete jedes Gefecht mit einer Art Sieg für Israel (so sagten es zumindest die Regierung und der Generalstab, die auf die Öffentlichkeitsarbeit bedacht waren). Während sich diese „Siege“ häuften, wuchs Israels Zuversicht, dass es mit dieser Art von Angriffen fertig werden könnte. Nur wenige Tage, bevor am 7. Oktober der Himmel herunterkam, teilte der militärische Geheimdienst der „politischen Ebene“ (wie wir hier sagen) mit, dass die Hamas „abgeschreckt“ sei und nichts anderes als Ruhe wolle. Vielleicht unterbrochen von ein paar Nadelstichen, um zu zeigen, dass sie noch existiert und etwas zu sagen hat.

Wie ist die Lage wenige Tage nach den Terroranschlägen und dem Beginn der israelischen Gegenschläge zu bewerten? Soweit ich das beurteilen kann, ist das Schlimmste für Israel vorbei. Das Land wurde in den Kriegszustand versetzt, einschließlich der Evakuierung zahlreicher Siedlungen, die an den Gazastreifen grenzen. Die Reservisten, 300.000 an der Zahl, sind einberufen worden und machen sich für den Einsatz bereit. Vor allem ist das Überraschungsmoment für die Hamas weg.

Wie sinnvoll ist eine Invasion Gazas?
Die erste Aufgabe für die israelischen Streitkräfte besteht natürlich darin, dafür zu sorgen, dass sich keine Terroristen mehr innerhalb Israels aufhalten. Dies ist jedoch ein langwieriger und angesichts des erforderlichen Einsatzes von Arbeitskräften, die jeden Stein umdrehen müssen, teurer Prozess. In der Zwischenzeit wird die israelische Luftwaffe zweifellos weiterhin Ziele der Hamas im Gazastreifen bombardieren. Die fliegenden Jets kann ich derzeit über mir am Himmel hören.

Wird es eine israelische Invasion des Gazastreifens geben? Ich hoffe nicht, und zwar aus humanen, politischen und militärischen Erwägungen. Der Gazastreifen ist eines der am dichtesten besiedelten und am stärksten urbanisierten Gebiete der Welt. Als wäre das nicht genug, gehört die Bevölkerung auch zu den jüngsten der Welt – die Hälfte ist gerade einmal neun bis zehn Jahre alt. Hinzu kommt, dass die im Gazastreifen vorherrschende Kombination aus Arbeitslosigkeit und chronischem Mangel an allen denkbaren Gütern dazu führt, dass die dort lebenden Menschen nichts zu verlieren haben. Schon jetzt sind sie deshalb eine leichte Beute für Hamas-Rekrutierer, eine israelische Invasion würde diesen Hass noch verstärken.

Mögliche Reaktionen der Nachbarn
Aus militärischer Sicht kommt hinzu, das haben unter anderem die Beispiele Leningrad und Stalingrad gezeigt, dass städtisches Terrain, sofern es angemessen verteidigt wird, einen Angreifer vor gewaltige Probleme stellen kann. Je tiefer er eindringt, desto größer werden seine Probleme. Neben feindlichen Hinterhalten gehören dazu die Versorgung der eigenen Einheiten mit Nachschub und Verstärkung oder auch die Evakuierung von Verwundeten.

Diskutiert wurde in den vergangenen Tagen auch, ob sich die Hisbollah im Libanon, also nördlich von Israel dem Kampf der Hamas im Süden anschließen oder sich heraushalten wird. Eine Antwort darauf ist sehr schwer zu geben. Die Hisbollah ist eine geheimnisvolle Organisation, die bekanntermaßen schwer zu durchdringen ist. Bisher haben ihre Führer geradezu wütend ihre Unterstützung für die Hamas erklärt. In der Praxis haben sie jedoch ihre Aktionen auf bloße Nadelstiche beschränkt. So wurde beispielsweise der Ort unweit der Grenze zum Libanon, in dem mein Sohn lebt, weder evakuiert noch wurde auch nur eine einzige Rakete dorthin abgeschossen.

Ähnlich unklar steht es mit Syrien und dem Iran. Nach zwölf Jahren eines mal mehr, mal weniger intensiven Bürgerkriegs verfügt Syrien kaum noch über nennenswerte Streitkräfte. Diejenigen, über die es verfügt, sind damit beschäftigt, die inneren Feinde des Assad-Regimes zu bekämpfen. Die Iraner leisteten bislang politische Unterstützung für die Hamas und halfen ihr möglicherweise auch bei der Planung des Angriffs vom 6. Oktober. Derzeit machen sie alle möglichen Drohgebärden. Allerdings scheinen sie – vielleicht aus Sorge vor einer möglichen amerikanischen Reaktion – wenig zu unternehmen, um ihre Drohungen in die Tat umzusetzen.

Und der Rest der arabischen Welt? Er wird durch den jüngsten Krieg vor ein Dilemma gestellt. Einerseits waren vor dem Ausbruch der aktuellen Feindseligkeiten immer mehr arabische Staaten dabei, Frieden mit Israel zu schließen oder sich zumindest darauf vorzubereiten. Andererseits spüren viele Herrscher den Druck ihrer Bevölkerungen, die dem Frieden weniger zugeneigt sind als ihre Regierungen. Sollten die Feindseligkeiten im und um den Gazastreifen anhalten, ist sicherlich mit politischen Auswirkungen zu rechnen, die gegebenenfalls auch den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Israel einschließen können. Doch dass sich arabische Staaten an einem Krieg beteiligen, scheint mir im Moment eher unwahrscheinlich.

Die Gefahr einer Ausweitung
Ähnlich steht es um das internationale „System“. Viele Länder sind daran beteiligt, darunter neben dem Libanon, Syrien und dem Iran auch die Vereinigten Staaten, Russland, China und die Europäische Union. Die Vereinigten Staaten haben versprochen, Israel beizustehen. Ihre Bilanz auf den Schlachtfeldern der letzten Jahrzehnte – Vietnam, Irak, Afghanistan (gleich zweimal) – lässt dieses Versprechen jedoch etwas zweifelhaft erscheinen. Es wurde sogar gemunkelt, dass der wahre Grund für die aktuelle Entsendung von US-Flugzeugträgern in den Nahen Osten in Wirklichkeit darin besteht, sicherzustellen, dass Israel mit seinen Gegenschlägen gegen die Hamas nicht zu weit geht. Russland und China sind zwar traditionell mehr oder weniger eng mit dem Iran verbandelt, doch sind – zum Glück für Israel – ihren Möglichkeiten, im Nahen Osten einzugreifen, Grenzen gesetzt. Was ich von der Europäischen Union halte, möchte ich als Niederländer gern mit einem niederländischen Ausdruck beschreiben: „klootzakken“ (Hodensäcke). Hoffnungslose Feiglinge, die nur reden können.

Ob aus der Gemengelage ein größerer internationaler Konflikt oder gar ein neuer Weltkrieg entsteht, wird sich zeigen. Ich persönlich halte das für sehr unwahrscheinlich, aber es könnte durchaus sein. Immerhin hat die Welt in den letzten Jahren einige gefährliche Gefahrenherde hinzubekommen.

Der Ausgang ist ungewiss
Um nochmal auf Israel und die Hamas zurückzukommen. Wer den gegenwärtigen Krieg gewinnen wird, ist schwer zu sagen. Wie immer kommt es darauf an, was man meint. Clausewitz sagt, dass einen Krieg zu gewinnen bedeutet, den Willen des Feindes zu brechen, sodass er aufhört, Widerstand zu leisten. Im Moment sehe ich das jedoch auf keiner der beiden Seiten. Entweder sind sie zu sehr damit beschäftigt, den Überraschungserfolg zu feiern (Hamas) oder ihre Wunden zu lecken und das Gleichgewicht wiederherzustellen (Israel). In diesem Fall wird Voltaires Spruch über die imaginäre Schlacht zwischen den Awaren und den Bulgaren zutreffen. Beide werden die Messe singen, jeder in seinem eigenen Lager.

Was kann uns dieser Kampf über die Zukunft des Krieges lehren? In meinem bekanntesten Buch „The Transformation of War“ (1991; deutsche Ausgabe: „Die Zukunft des Krieges“, 1998) habe ich behauptet, dass die Zukunft des Krieges in der Guerilla und im Terrorismus liege. Diese Vorhersage scheint sich nun wieder einmal zu bewahrheiten.

Längerfristig betrachtet könnte man argumentieren, dass Krieg trotz aller technischen Fortschritte noch immer Krieg ist. Dazu gehören sein Wesen als gewaltsame Auseinandersetzung zwischen zwei (oder mehr) Kriegsparteien, von denen jede zumindest teilweise frei ist, zu tun, was sie will; die enormen physischen und psychischen Herausforderungen, die er an diejenigen stellt, die ihn führen und bekämpfen; seine Wurzeln in Interessen einerseits und blankem Hass andererseits; seine Tendenz zur Eskalation, die sich nicht nur der politischen Kontrolle, sondern auch jeder Art von rationalem Kalkül entzieht; die Rolle, die Heimlichkeit, Täuschung und Überraschung spielen; seine Abhängigkeit von der sozialen Struktur der Gesellschaften, die ihn führen; und viele andere Dinge, die zusammengenommen genauso viel, wenn nicht sogar mehr, zu seiner Gestaltung beitragen als jede Menge Computer, Raketen und Drohnen.

Prof. Dr. Martin van Creveld ist Militärhistoriker und -theoretiker. Er ist emeritierter Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem sowie Verfasser zahlreicher Werke zur Militärgeschichte und gilt als einer der führenden Experten auf seinem Fachgebiet.
www.martin-van-creveld.com


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Kommentare

andreas sarkis am 20.10.23, 13:15 Uhr

Das angestrebte Ziel: Araber raus aus dem Gaza-Streifen, in dem es angeblich nur Flüchtlingscamps gibt. Das HIndernis: Niemand will diese streitsüchtigen und rabiaten Menschen aufnehmen.

sitra achra am 19.10.23, 17:18 Uhr

Stimmt schon, der Frontalkortex des homo sapiens sapiens ist untauglich, die eigene Unzulänglichkeit zu durchschauen. Der Palästinakonflikt ist nur eins von massenhaft Beispielen dieser Art. In bezug auf den Gazakonflikt gilt der Silvesterspruch: the same procedure as every year, James. Man zeigt sich entsetzt, aber nicht wirklich, weil man darin schon Routine hat, man salbadert wie gewohnt, fordert Friedensinitiativen und befördert diplomatischen Tourismus, der das eigene Profil aufbessern soll. Das Problem wird dabei nicht gelöst, die Opfer sind allzuschnell vergessen (s. geköpfte Babys!), in Zukunft wird sich der palästinensisch-israelische Konflikt, wenn die Weltgemeinschaft keine energischen Anstrengungen unternimmt, diesen friedlich zu lösen, in einem finalen Showdown enden.
Was die Möglichkeiten der Kriegsführung angeht, bin ich mit Ihren Einschätzungen der Lage nicht einverstanden, denn seit dem 2.WK hat es durchaus waffentechnische Fortschritte gegeben, die einen Kampf in urbanem Gelände mit großem Erfolg führen lassen. Man muss nur die Menschenrechtskonvention der UNO ein wenig ignorieren, so wie der große Gopnik im Kreml dies in der Ukraine praktiziert.

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