14.08.2022

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Reportage

Der Schrecken ist geblieben – der Frust auch

Vor einem Jahr brach über den Südwesten Deutschlands eine Jahrhundertflut herein. Mehr als 180 Menschenleben kostete das Hochwasser an Ahr, Erft und Maas, zahlreiche Häuser, Brücken, Autos und Bahngeleise wurden zerstört. Was hat sich seitdem getan – und was nicht? Eindrücke aus einem anhaltenden Krisengebiet

Bernd Kallina
13.07.2022

Als am 14./15. Juli 2021 das Hochwasser durch Deutschlands Südwesten flutete, wurde das Ahrtal in Rheinland-Pfalz besonders hart getroffen. Allein hier starben 134 Menschen, und noch heute werden zwei Personen vermisst. Konkrete Warnungen seitens der Wetterdienste gab es durchaus, doch sie kamen bei der Bevölkerung zu spät oder gar nicht an. Das Katastrophen-Management versagte kläglich, obwohl das unheilvolle Geschehen rechtzeitig angekündigt war. Verantwortliche Politiker mussten deswegen gehen, die Entschädigungsleistungen für Betroffene sind zwar in die Wege geleitet, bei einigen teilweise auch schon angekommen, doch vielerorts stocken sie. Trotz anhaltender Aufräumarbeiten sind die Spuren der Katastrophe auch zwölf Monate später noch unübersehbar. Ein Jahr nach dem Unglück hat die PAZ das Ahrtal besucht und sowohl mit Geschädigten als auch Politikern gesprochen.

Eine Woche vor dem Jahrestag: Die Fahrt in das Flutgebiet beginnt an einem leicht bewölkten Sommertag in Bad Neuenahr und endet an einer Straßensperre kurz vor Altenahr mit Blick auf die Burg Are. Viele Ampelanlagen unterbrechen die Autofahrt, geschaltet in längeren Zeittakten, um raumgreifende Sanierungsarbeiten beim Wegebau zu ermöglichen. Die vom Wasser stark beschädigte Asphaltschicht ist an vielen Orten nur notdürftig wieder hergerichtet. Wer von der Fahrspur etwas abweicht, landet schnell im randständigen Sand und feinem Geröll.

Wohin man blickt: Überall noch zerstörte Häuserfassaden, umgeben vom Bauschutt abgerissener Mauerteile und Müll. Aber auch eingerüstete, frisch gestrichene und renovierte Gebäude. Kaum beschädigte Natursteinbauten scheinen dem Wasser am erfolgreichsten getrotzt zu haben. Zu sehen sind frühere Brücken, deren dezimierte Pfeiler ohne Verbindungsteile aus der Ahr ragen. Der Fluss gleicht in diesen Tagen nur einem Rinnsal, bei dem man sich ein Anschwellen zur tödlichen Sturmflut gar nicht vorstellen kann. Ins Auge stechen des Weiteren völlig zerstörte Bahntrassen, die zu stillen Bahnhöfen führen. Einsame Signalanlagen fallen auf, sie stehen – wie aus der Zeit gefallen – irritierend in der Landschaft und allen ist klar: Züge werden hier so schnell nicht mehr fahren.

Versagen in der Flutnacht

Besuche bei Flutopfern: Dorothea Norden aus Bad Neuenahr saß in der Flutnacht vor dem Fernseher, ihr Haus ist nur zirka 150 Meter von der Ahr entfernt. Sie bekam zunächst nichts mit. Als ihr Mann sie dann über Lautsprecher-Durchsagen der örtlichen Feuerwehr informierte, brachte ein Blick aus dem Fenster im ersten Stock unheilvolle Gewissheit: gefährlich tobende Wassermassen! „Ich wollte noch schnell unseren Wagen retten, doch das klappte nicht. Beim Versuch, die Seitentür zu öffnen, fing das Auto zu schwimmen an, und auch andere Autos kamen im wilden Wasserstrom auf mich zu. In akuter Lebensgefahr nahm ich nur noch Reißaus“, berichtet sie, sichtlich auch heute noch tief davon bewegt. „Die Bilder kehren jetzt wieder zurück. Ich schlafe zur Zeit schlecht!“

Ähnliches berichtet Josef Müller aus Heimersheim, der in der Unglücksnacht kurz nach ein Uhr morgens von seiner Frau geweckt wurde: „Da war das Wasser schon am Zenit. Es rumpelte draußen lautstark, was sich so anhörte, als ob Mülltonnen weggeschoben würden. Dabei waren es in den Fluten treibende Autos. Im Haus stand das Wasser bereits bis zur Treppe im ersten Stock.“ Als ihm die Nachbarn zuriefen, schnell das Haus zu verlassen, stürzte schon die Vorderfront des Gebäudes ein. Müller: „Die war plötzlich weg, die andere Haushälfte war verschlammt und ich hatte nichts mehr. Handy und Schlüssel lagen noch im Bett, es gab keinen Strom. Im letzten Augenblick konnte ich zwei Ordner mit Dokumenten und Versicherungssachen retten, ansonsten nichts. Totalschaden!“

Auch Müller wurde in seinem Ortsteil an der Ahr nicht rechtzeitig gewarnt. „Dabei wäre genug Zeit gewesen, also vier bis fünf Stunden vorab“, so seine Kritik. Bis das überforderte Warnmanagement endlich in die Gänge kam, sei es schon zu spät gewesen, stellt er fest und ergänzt: „Das ist die Tragik. Aber immerhin mussten alle, die für die Nicht-Warnung verantwortlich waren, zurücktreten. Der Landrat wurde verjagt, die Minister von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sind geschasst worden!“

„Wir bangen um unsere Zukunft“

Szenenwechsel: Eine Demonstration von über 200 Flut-Geschädigten, Motto „Das Ahrtal steht auf“, am ersten Juli-Sonnabend in Mainz. Auf den Transparenten und Schildern stehen Parolen wie: „Wir bangen um unsere Zukunft“ oder „Von Politikern im Stich gelassen!“ oder „Leben in Ruinen“. Schon zum zweiten Mal gehen sie auf die Straße, bereits im Mai kam es zu Protesten ähnlicher Art, wie SWR Aktuell berichtete.

Iris Münn-Buschow, die Organisatorin dieser Bürgerinitiative, fordert: „Wir wollen, dass die Behörden mehr zusammenarbeiten, mehr Transparenz zeigen und uns nicht wie Schachfiguren auf dem Brett hin- und herschieben.“ Unter den Demonstranten befindet sich auch Elisabeth Brust, die etwas resignativ meint: „Mir fehlen die Worte. Ich bin jetzt heute hierher gekommen nicht in der Hoffnung, dass sich etwas ändert, sondern einfach, um zu demonstrieren gegen das, was im Ahrtal passiert.“

Ein weiterer Demonstrant begründet seine Teilnahme eindringlich: „Damit wir hier im Ahrtal einfach nicht vergessen werden und dass die Politik endlich ihr Versprechen einhält. Reibungsloser Ablauf mit Wiederaufbauprämie, das stockt alles, es kommt kein Geld an ...“ Jörg Schmeer, ein anderer Ahrtal-Aktivist, verweist auf den Untersuchungsausschuss zur Flutkatastrophe: „Wir haben ja gerade jetzt einen entsprechenden Ausschuss im Landtag von Rheinland-Pfalz. Da kommt heraus und zutage, was schiefgelaufen ist. Das ist bedauerlich, aber hier muss gehandelt werden.“

Als unbestritten kann gelten: Vor und während der Jahrhundertflut kam es zu schwerwiegenden Präventions- und Kommunikationsversäumnissen. Sie trugen maßgeblich dazu bei, dass die Katastrophe allein an der Ahr 134 Todesopfer forderte. Und dass im Gefolge der Naturkatastrophe in vielfältiger Weise gehandelt werden musste, darüber besteht parteiübergreifend ebenfalls weitgehende Einigkeit.

Die Landesregierung von Rheinland-Pfalz hat auch gehandelt. In einer zum Jahrestag der Flut erschienenen Broschüre unter dem Motto „Gemeinsam bauen wir auf“ schreibt die Ministerpräsidentin Malu Dreyer, dass Bund und Länder Milliarden Euro für die Aufbauhilfe auf den Weg gebracht hätten, allein „für die Wiederbeschaffung von zerstörtem Hausrat wurden mehr als 100 Millionen Euro in Rheinland-Pfalz ausbezahlt“, so Dreyer im Vorwort und weiter, sie könne „die Ungeduld verstehen, wenn Anträge zum Wiederaufbau nicht so schnell bewilligt werden, wie viele erwarten“.

Kritik an verspäteten Förderhilfen

Damit berührt die SPD-Politikerin einen wunden Punkt, der auch die Oppositionsparteien im Mainzer Landtag auf den Plan gerufen hat. So fordern die beiden Fraktionsvorsitzenden der AfD im rheinland-pfälzischen Landtag, Michael Frisch und Jan Bollinger, beide nahmen an der Demonstration „Die Ahr steht auf“ teil, dass es dringend zu einer Straffung und Vereinfachung der Beantragungsverfahren für betroffene Privathaushalte und Unternehmen kommen müsse. Denn die Förderhilfen bei der „Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz“ (ISB) würden durch zu komplizierte Antragsverfahren behindert und dauerten zu lange. Dazu Bollinger: „Wenn viele Betroffene noch keine Anträge gestellt haben, liegt das nicht an mangelnder Hilfsbedürftigkeit: Wie uns von den Sachverständigen in der Enquete-Kommission am 28. Juni und den Flutopfern bestätigt wurde, sind gerade traumatisierte Flutopfer schon mit der Antragstellung überfordert.“

Horst Gies, CDU-Landtagsabgeordneter im Mainzer Parlament, bläst ins Horn ähnlicher Kritik und bringt zusätzlich eine Prozentzahl bei der Entschädigungshöhe zur Sprache: „Wir fordern, dass die zunächst versprochenen 40 Prozent auch ausbezahlt werden und nicht 20, wie es bisher erfolgt ist.“ Auch Gies plädiert für eine „eindeutige personelle Aufstockung“ der ISB, um schneller die Anträge überhaupt bearbeiten zu können.

Warum es zu Verzögerungen in vielen Fällen bei berechtigen Entschädigungsansprüchen kommen kann, hat nachvollziehbare Gründe. Das Finanzministerium in Mainz erklärt dazu auf Anfrage: „Angesichts der Höhe der Förderbeträge und eines verantwortlichen Umgangs mit Steuergeldern sind gewisse Überprüfungen zwingend notwendig“. So müssen zum Beispiel bei höheren Summen für verlorene Häuser zunächst Gutachter die Schadensummen taxieren. Das klingt einleuchtend, verursacht aber offenbar bei einem zeitgleich so großen Bedarf an Gutachtern Bearbeitungsvorgänge, die sich in die Länge ziehen.

Auch Dorothea Norden erinnert sich, dass es bei ihren ISB-Anträgen viele bürokratische Hürden gab: „Immer wieder musste man etwas nachreichen, und es tat sich einfach sehr lange nichts. Dann hatte ich das Gefühl, dass die eine Hand nicht wusste, was die andere tat“, so ihre Klage. Schließlich sagt sie aber: „Als es dann endlich so weit war, ging es schnell.“

Was wünscht sie sich jetzt für die Zukunft, ein Jahr danach? „Dass das, was in Bad Neuenahr zur Zeit groß mit Plakaten verkündet wird, auch wirklich eintrifft: Unsere Stadt wird wieder bunt!“

Josef Müller ist skeptisch, ob aus den Erfahrungen der Ahrflut 2021 entscheidende Lehren und Konsequenzen gezogen werden können, falls erneut eine vergleichbare Flut kommen würde. Er sagt: „Was die Landesregierung und die Kommunen machen, zum Beispiel, dass die Brücken höher wieder aufgebaut werden sollen, sind nur Tropfen auf den heißen Stein. Das einzige, was man sicher und sinnvoll machen könnte, wäre eine Optimierung der Frühwarnsysteme!“



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Kommentare

Sonja Dengler am 14.07.22, 07:03 Uhr

eines fehlt in der Berichterstattung: soweit ich gehört habe, hat auch die AfD versucht, mit Geld zu helfen - das wurde von den Opfern/Bürgermeistern (?) abgelehnt. Mir ist das unverständlich, wo sie doch so dringend jeden € gebraucht hätten und es zeigt, dass die Verteufelung der AfD - aber nicht der SED/DIE Linke - selbst in solcher Notsituation geschluckt wird.... Schade.

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