19.09.2020

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Kernwaffen

Der Trend geht zu Mini-Sprengköpfen

Militärs planen, Atomkriege führ- und gewinnbar zu machen – Hemmschwelle zum Kernwaffeneinsatz sinkt

Wolfgang Kaufmann
04.08.2020

Der Abwurf der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 markierte die schärfste Zäsur in der Geschichte der Kriegführung. Denn nun bestand erstmals die Möglichkeit einer ebenso blitzartigen wie umfassenden Vernichtung des Feindes – freilich bei Gefahr der eigenen Auslöschung, sofern die Gegenseite ebenfalls Kernwaffen besaß. Dieses „Gleichgewicht des Schreckens" stellte sich im August 1949 ein, weil nach den USA nun auch die Sowjetunion über die Atombombe verfügte.

Breites Spektrum an Sprengkraft

Zu den ersten zwei Kernwaffenmächten kamen zwischen 1952 und 2006 noch Großbritannien, Frankreich, China, Israel, Indien, Pakistan, Südafrika und Nordkorea hinzu, wobei Südafrika seine sechs Atombomben jedoch 1991 vernichtete. Außerdem versuchten auch Ägypten, Algerien, Argentinien, Australien, Brasilien, der Irak, Italien, Jugoslawien, Libyen, Taiwan, Rumänien, Schweden und die Schweiz an Atomwaffen zu gelangen – allerdings vergeblich. Währenddessen häuften die Kernwaffen-besitzenden Staaten zur Zeit des Kalten Krieges über 70.000 nukleare Sprengköpfe an.

Bis heute ist deren Zahl auf rund 13.440 gesunken. Wahrscheinlich sieht die Verteilung nun folgendermaßen aus: Russland 6375, USA zirka 5800, China 320, Frankreich 290, Großbritannien 215, Pakistan 160, Indien 150, Israel 90 und Nordkorea bis zu 40. Permanent einsatzbereit sind davon wohl etwa 4000 Sprengköpfe, von denen an die 1800 innerhalb kürzester Zeit ins Ziel gebracht werden könnten.

Die atomaren Ladungen sollen entweder als taktische oder als strategische Waffe dienen. Im ersteren Falle würde man nukleare Granaten, Torpedos und Kurzstreckenraketen abfeuern oder Atomminen legen. Deren Zweck wäre die Bekämpfung des Gegners auf dem Schlachtfeld. Dahingegen bestünde die Aufgabe strategischer Kernwaffen darin, Ziele im feindlichen Hinterland zu zerstören und dabei ausdrücklich auch Zivilisten zu töten.

Der Gewährleistung der Zweitschlagfähigkeit dient die sogenannte nukleare Triade, die Verteilung des Nuklearwaffenpotenzials an Interkontinentalraketen, Marschflugkörpern und/oder Atombomben auf stationäre und/oder mobile Abschussrampen an Land, strategische U-Boote im Wasser sowie Langstreckenbomber in der Luft. Strategische Kernwaffen haben eine gewaltige Detonationskraft, die theoretisch der von 100 Megatonnen Trinitrotoluol (TNT) entsprechen könnte, in der Praxis aber meist bei maximal 25 Megatonnen liegt, während die kleinsten taktischen Atomwaffen nur auf 0,3 Kilotonnen TNT kommen.

Aktuell geht der Trend eher zu den Miniatur-Sprengköpfen hin. Das vergrößert die nukleare Bedrohung, da die Hemmschwelle zum Einsatz von Atomwaffen sinkt. So sieht das US-amerikanische Strategiepapier JP 3-72 „Nuclear Operations" der Vereinigten Stabschefs vom 11. Juni 2019 vor, das eigene Abschreckungspotenzial dadurch zu erhöhen, dass man in der Lage sei, mit wohldosierten und zielgenauen Zweitschlägen auf den russischen Ersteinsatz von taktischen Kernwaffen zu antworten. In diesem Zusammenhang ist beispielsweise der kürzlich erfolgte Austausch der 90- bis 455-Kilotonnen-Sprengköpfe der Trident-II-Raketen an Bord des strategischen Atom-U-Bootes „Tennessee" (SSBN-734) durch W76-2-Sprengköpfe mit maximal sieben Kilotonnen Detonationskraft zu sehen.

„Maßgeschneiderte Abschreckung"

Das ist aber nicht die einzige neue Entwicklung Kernwaffen betreffend. So setzen die beiden großen Atommächte jetzt auch auf modifizierte Trägersysteme, welche die gegnerische Abwehr überwinden sollen. Im Falle Russlands sind dies die Marschflugkörper „Burewestnik" und „Awangard", der schwere „Weltuntergangstorpedo" vom Typ „Poseidon" und der Tarnkappenbomber Tupolew PAK-DA. Die USA wiederum entwickeln ihrerseits zum Zwecke der „maßgeschneiderten Abschreckung" (Tailored Deterrence) den Bomber Northrop Grumman B-21 „Raider", der ab 2025 an die Stelle der Boeing B-1 „Lancer" und der Northrop B-2 „Spirit" treten soll, und die neue landgestützte Interkontinentalrakete GBSD sowie den Langstrecken-Marschflugkörper LRSO.

Des Weiteren sollen die Kernwaffen durch Präzisionssteuerungen noch zielgenauer werden sowie durch ein verbessertes Design tiefer in den Boden eindringen und so bisher unverwundbare Bunker zerstören können. Das Hemmnis, dass dies neue Atomtests erfordert, die höchstwahrscheinlich Reaktionen der anderen Seite provozieren würden, hoffen die Konstrukteure durch Computersimulationen zu umgehen. Und auch sonst dürfte das Thema Künstliche Intelligenz zukünftig eine sehr viel größere Rolle in der nuklearen Strategie spielen – mit derzeit noch völlig unkalkulierbaren Folgen.



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