21.09.2023

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Bedrohliche Entwicklung: Jüngsten Umfragen zufolge vertrauen immer weniger Deutsche der Demokratie. Die regierenden Parteien werden von den Bürgern nicht als Problemlöser wahrgenommen, sondern als bevormundende Obrigkeit
Foto: imago/ Jürgen RitterBedrohliche Entwicklung: Jüngsten Umfragen zufolge vertrauen immer weniger Deutsche der Demokratie. Die regierenden Parteien werden von den Bürgern nicht als Problemlöser wahrgenommen, sondern als bevormundende Obrigkeit

Politik

Der Vertrauensverlust erreicht bedrohliche Ausmaße

Die Erosion des Zutrauens der Deutschen in ihre politischen Parteien wird zunehmend zur Gefahr für das Zutrauen in die Demokratie insgesamt

Werner J. Patzelt
23.08.2023

Politikwissenschaftler brachten vor gut zwei Jahrzehnten den Begriff der „Postdemokratie“ in die politische Debatte. Dieser bezeichnet Staaten, in denen das äußere Gepränge von Demokratie weiterhin vorhanden ist, also von der Meinungsfreiheit über freie Wahlen bis zum wiederkehrenden Regierungswechsel. Doch die Politikerschaft schert sich nicht länger um solche Anliegen der Bevölkerung, die sie selbst nicht teilt. Vielmehr macht sie sich selbstbezüglich ans Beschweigen des Unerwünschten, ans Erziehen der Falschdenkenden, ans Ausgrenzen von Quertreibern. Inmitten demokratischer Verfahren entsteht auf diese Weise ein Obrigkeitsstaat, dessen Träger alles besser wissen wollen als das gemeine Volk, sich ihren Kritikern moralisch überlegen dünken und das Ringen mit Gegnern als „Kampf für die Demokratie“ wahrnehmen.

Recht auf abweichende Meinung
Wer Demokratie versteht als die Befugnis, nach Wahlsieg und Koalitionsbildung gemäß eigener Lust und Laune zu regieren, wird höchstens diese Beschreibung solcher Herrschaftspraxis für unfair, die Sache selbst aber für in Ordnung halten. Dennoch hat diese Art von Regierungsführung wenig mit repräsentativer Demokratie zu tun. Die lebt nämlich davon, dass Regierende und Regierte unabhängig voneinander zu ihren Urteilen gelangen können, und dass sich aus konkurrierenden Urteilen auch sehr scharfe Konflikte zwischen der Bevölkerung und ihren Politikern entwickeln können. Diese werden anschließend genau dadurch beigelegt, dass die Regierenden ihre Politik entweder überzeugender erklären oder sie gemäß anhaltend vorgebrachten Bürgerwünschen verändern.

Doch in Deutschland erleben wir seit Längerem, dass von Regierungsvorhaben abweichende Sichtweisen wie rein destruktives „Querdenken“ wahrgenommen und mit sozialer Ächtung bestraft werden, dass Dauerkritik an der politischen Klasse als demokratiefeindlich, gar als verfassungsfeindlich hingestellt wird, und dass zum Regierungsanliegen nicht der legitimierende Konflikt mit Andersdenkenden geworden ist, sondern die Stilllegung gerade jener Konflikte, die zu Politikwechseln Anlass geben könnten.

Zwar besteht der Mehrwert repräsentativer Demokratie genau darin, dass gewählte Politiker nicht einfach nachvollziehen müssen, was da seitens von Interessenvertretern oder Basisbewegungen an – oft fehlerhaften – Sichtweisen und Wünschen jeweils an sie herangetragen wird. Vielmehr haben die Politiker einer repräsentativen Demokratie, wie das der deutsche Politikwissenschaftler Ernst Fraenkel einst formulierte, den empirisch vorfindbaren Volkswillen zu jenem hypothetischen Allgemeinwillen zu „veredeln“, den die Leute im Land wohl dann hätten, wenn sie sich genauso sorgsam mit zu bewältigenden Problemen befassen könnten, wie das die Amtspflicht gewählter Politiker ist.

Was aber, wenn die Politikerschaft diese Pflicht gerade nicht erfüllt? Also ins eigene Weltbild nicht passende Bevölkerungswünsche ignoriert, verpönt, sanktioniert – statt sich debattierend auf diese einzulassen und sie bei politischen Entscheidungen zu respektieren? Wenn Regierende sich beim Streit mit Andersdenkenden lieber auf den Feuerschutz politisch nahestehender Journalisten verlassen, oder auf eine Schutztruppe von – womöglich mit Staatsgeldern erst handlungsfähig gemachten – „zivilgesellschaftlichen“ Gruppen? Dann wird die Politikerschaft selbst zum Schwachpunkt einer institutionell weiterhin funktionierenden Demokratie. Und wenn das nicht nur Politikwissenschaftler merken, dann kommt es zu genau dem, was in Deutschland mit nun immer mehr Besorgnis demoskopisch festgestellt und an Wahltagen dann unübersehbar wird: Ein Großteil der Bürger hat das Vertrauen in Politiker und Parteien verloren – und beginnt sogar, an der bestehenden Demokratie selbst zu zweifeln.

Der Frust ist nicht verwunderlich
Beobachter ohne Wunschdenken muss das nicht wundern. Da wird seit Jahren an ausdrücklichen Bevölkerungswünschen vorbeiregiert, ja gegen sie regiert – und zwar nicht nur von der Ampelregierung. Von ihrer Mark wollten die Deutschen nur unter der Bedingung lassen, dass der Euro ebenso wertbeständig wäre, und das eigene Land nicht für leichtfertige Politik anderer Staaten in Haftung genommen würde. Die CDU-Regierung Angela Merkels behandelte das als ziemlich nachrangig, und die damaligen Oppositionsparteien klatschten Beifall. Menschen in Not beistehen wollen die allermeisten Deutschen weiterhin. Doch nie wollten sie unser Asyl- und Flüchtlingsrecht massenhaft ausgenutzt oder die eigene Regierung solche Fehlentwicklungen auch noch anfeuern sehen. Die CDU-Regierung Angela Merkels tat das aber, und die damaligen Oppositionsparteien klatschten Beifall. Eine Mehrheit in Deutschland wünscht inzwischen eine nicht-linke und nicht-grüne Politik, und zwar von der Sicherung einer wirtschaftlich wettbewerbsfähigen Energieversorgung bis hin zur Bewahrung der Selbstverständlichkeit bisheriger Mehrheitskultur. Doch auch nach dem Abgang Angela Merkels sehen CDU-Politiker keine Alternative dazu, regelmäßig in formellen oder informellen Regierungsbündnissen mit Sozialdemokraten, Grünen und auch Linken genau solche Politik zu machen, zu deren Abwehr mehr und mehr Leute ihr Wahlkreuz bei der AfD setzen.

Derweil lädt die Politikerschaft unserem Staat immer mehr Lasten auf, schwächt aber dessen wirtschaftliche Grundlagen. Zugleich sieht man in Spitzenämtern immer weniger gestandene Leute, sondern Karrieristen, die außer Politik nichts gelernt haben. Deren Lernprozesse im Amt sind dann eher peinlich als lobenswert. Wen wundert es da, dass viele unser Land einem Systemzusammenbruch zugehen sehen – und gar an der in Deutschland praktizierten Demokratie verzweifeln?


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Kommentare

Dr. Dr. Hans-Joachim Kucharski am 28.08.23, 08:27 Uhr

Wie gerufen ergeben sich Beispiele des beschriebenen Bürgerfrusts. Da tritt Frau Paus eine Attacke gegen das Wachstumsbeschleunigungs-Gesetz ihres Kollegen los, und Plusminus meldet am 16.8. gleich drei die Kritik rechtfertigende Skandale:
So hat Von der Leyen zu bereits gekauften 1,36 Mrd. Corona-Impfdosen weitere 3 Mrd. für 35 Mrd. Euro gekauft. Nun reicht es bei etwa 450 Mio. EU-Bürgern für je 10 Impfungen; nur 20% davon wurden tatsächlich verbraucht. Das ist der Umgang der Politik mit Steuergeldern!
Canada hat nur eine Ausländerbehörde, Deutschland hat allein im Inland etwa 550, die eine „Bearbeitungszeit“ von 2-4 Jahren haben. Und das soll den Fachkräftemangel beheben?
Als Erbschaftssteuer für ein Haus im München mit 13 Wohnungen und 3 Geschäften (Baujahr 1901) verlangte die Stadtverwaltung 1 Mio. Euro (nach heutigem Stand wären es über 2 Mio. €), zu zahlen innerhalb 6 Wochen. Für Renovierungen des relativ alten Hauses und Aufwendungen nach dem Heizkostengesetz kommt vermutlich noch ein gleicher Betrag hinzu. (Der Artikel beschreibt als weiteres Ärgernis noch die die Steuerbefreiung von Wohnungsunternehmen und daraus resultierende mögliche Geschäftsmodelle.) Für Normalbürger kann das einer Enteignung entsprechen, was sicherlich nicht Absicht des Erblassers war.
Man muß wohl schon Politiker sein, um das angesichts solcher Zumutungen nicht zu verstehen und darüber überrascht zu sein.

Gregor Scharf am 24.08.23, 18:02 Uhr

@Kersti Wolnow
Ich blicke zuversichtlich und optimistisch in die Zukunft, weil das was hier geschieht, den Nährboden für tiefgreifende Veränderungen bildet. Es war ab Mitte der Achtziger so und fühlt sich genau wieder so an. Vielleicht vereint es abermals die heute noch zerstreuten und versprengten Landsleute im Verbund mit Betrogenen Zugewanderten. Nie aufgeben. Leben ist Kampf und nichts ist von Dauer. Parteienvielfalt und Polarisierung war gestern. Davon sind mehr und mehr angewidert.

Gregor Scharf am 24.08.23, 17:51 Uhr

Die einstige Demokratie ist zur Diktatur der Arbeitsscheuen verkommen.

Gregor Scharf am 24.08.23, 14:37 Uhr

@Michael Holz
Antwort auf Ihre Anfrage im zugehörigen Artikel.
Wir haben nicht 1989 unser Leben riskiert und Stasi-Verhöre ertragen, um schweigend zuzusehen, wie unsere Heimat abermals zerlegt wird.

sitra achra am 24.08.23, 09:49 Uhr

Ihre Analyse trifft vollständig ins Schwarze. Ich habe aber den Eindruck, dass Sie, Herr Patzelt, immer noch dem Idealbild einer perfekten "Demokratie" hinterherhecheln. Dabei hat schon Platon dieses System als eins der vier schädlichen Regierungsformen gebrandmarkt, nachzulesen in seiner "Politeia".
Wenn man schon in einem zivilisatorisch hochentwickelten Land wie Deutschland damit nicht klarkommt, wie sollen es denn die weniger entwickelten Reichtümer, die wir ins Land locken, damit halten? Ich denke, die werden auf solche höchst komplizierten Strukturen pfeifen und ihre archaischen Gesellschaftsmodelle durchsetzen.
Tut mir wirklich leid für die Adepten der reinen Denkungsart. So gemütlich wie in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit wird es hierzulande nie wieder werden.

Micha . am 23.08.23, 19:41 Uhr

Zusammengefaßt: Unsere Politik erschafft erst die Probleme, die wir dann lösen müssen...

Michael Holz am 23.08.23, 14:42 Uhr

Herr Patzelt, Sie sehen das richtig. Nur stellt sich die Frage, wer sollte eine Änderung bewirken? Ich bin der Meinung, dass die indoktrinierte (gehirngewaschene) Masse der Deutschen dazu nicht mehr in der Lage ist. Das Deutschland, was wir kannten, ist bereits Vergangenheit, das Deutschland, was wir jetzt wahrnehmen, wird auch enden. Aber was kommt danach? Eine russisch besetzte Zone? Ein Emirat Kartoffelstan?

Kersti Wolnow am 23.08.23, 14:20 Uhr

Gerade heute habe ich vor paar Stunden 2 völlig desillusionierte Bekannte getroffen, die sich keine Nachrichten mehr anschauen, weil die wie die Aktuelle Kamera an ihnen völlig vorbeireden.
Alles läuft genau in die entgegengesetzte Richtung. Ein Blick auf meine Gegend reicht mir, um die Nase völlig voll zu haben. Wieder mal wurde Ackerland in Bauland zum Zupflastern mit 10 neuen Häusern verwandelt, jedes Jahr kommen neue Vogelhäcksler, letztes Jahr wurden 240 000 Euro für Breitband rausgeworfen und damit der ganze Ort aufgegraben, ein Teil der Beschäftigten war schwarz. Alles Dinge, die einen runterziehen und beweisen, daß uns nicht zugehört wird. Ich kenne mittlerweilen nicht einen einzigen Menschen, der optimistisch und fröhlich in die Zukunft schaut. Gestern hörte ich, daß die Tochter keine Kinder in diese Welt setzen will.
Jemand, der seine Arbeit gut machen will, muß solche Ansichten der ihm Untergebenen den Mut geben, anders zu entscheiden als bisher. Ich sehe aber niemanden in der Politkaste, der laut nachdenkt. Wahrscheinlich sind sie wirklich alle US-fremdbestimmt.

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