03.12.2021

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Zurück nach Hause: Antrag auf Rückkehr nach Tilsit
Foto: SchukatZurück nach Hause: Antrag auf Rückkehr nach Tilsit

Tilsit

Der Wunsch nach Rückkehr

Ein Briefwechsel aus dem Jahr 1946 zeigt beispielhaft die große Sehnsucht der Ostdeutschen nach ihrer Heimat – sowie auch die Ernüchterung darüber, dass dies nicht möglich war

Christiane Rinser-Schrut
24.10.2021

Manfred Schukat ist ein Kümmerer, und das nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern. Die Jahrestreffen der Landesgruppe in Mecklenburg-Vorpommern werden gerne besucht, nicht zuletzt wegen der Herzlichkeit des Organisators. Das nächste Treffen wird am 24. September 2022 in Schwerin stattfinden.

Auf einem dieser Treffen wurden Schukat zwei Briefe in einem Kuvert überreicht, die zeigen, wie groß der Wunsch der „Flüchtlinge und Heimatvertriebenen von 1945 gewesen ist, selbst zu Fuß, nach Hause zurückzukehren, wenn halbwegs annehmbare Verhältnisse geherrscht hätten“, so schreibt der Landesvorsitzende Schukat, und weiter: „Umgekehrt waren diejenigen froh, die endlich aus der Königsberger Hölle herauskamen.“

Inhalt des Briefwechsels ist ein Antrag eines Tilsiters im brandenburgischen Bad Freienwalde vom 15. Mai 1946, in die Heimat zurückkehren zu dürfen. Der Landsmann Ernst Wieck wendet sich direkt an den sowjetischen Oberbürgermeister von Tilsit. „Es ist sehr berührend“, kommentiert Schukat dieses nun 75 Jahre alte Dokument.

Hochinteressant ist die Antwort und der Umstand, dass dasselbe Kuvert für die Rücksendung benutzt wurde. Auf der Vorder- und Rückseite findet man die Stempel vom 27. Juli 1946 aus Tilsit, Kenigsbergskoj, CCCP. Musste gespart werden oder gab es einen anderen Grund, aus dem derselbe Umschlag für die Antwort hergenommen wurde?

Um den Lesern der PAZ das Studieren der Briefe einfacher zu machen, hat Schukat sich die Mühe gemacht und die Texte von der altdeutschen Schrift in Antiqua transkribiert. Er schreibt dazu: „Im ,Tafelwerk' der DDR-Schule gab es ein Sütterlin-Alphabet. Das hat uns bei der Entzifferung so mancher alten Aufzeichnung sehr geholfen.“

Hier nun der Text des Antrags von Ernst Wieck:
„Bad Freienwalde a./O., den 15.05.1946
An den Herrn Oberbürgermeister der Stadt Tilsit
Hiermit möchte ich mir die Anfrage erlauben, ob eine Möglichkeit besteht, nach Tilsit zurückzukehren. Ich wohne seit 1922 in der Stadt Tilsit. Durch meinen Fleiß und Sparsamkeit habe ich mir ein Eigenheim in der Kastanienstraße 15 b erbaut, einen Obstgarten habe ich angelegt, eine Imkerei von 27 Völker habe ich mir angeschafft. Beschäftigt war ich seit 1922 als Zeichner bei dem Wasserbauamt. Parteipolitisch war ich in der S.P.D., freigewerkschaftlich deutscher Verkehrsbund Abteilung Wasserbau und Flößerei, woselbst ich auch Zahlstellenleiter war, darüber könnte auch Parteigenosse und Kollege Dobinsky Auskunft geben. Ich hätte noch gerne gewusst, ob mein Häuschen in der Verlängerten Kastanienstr. 15 b noch vorhanden ist. Auch Genosse Kriwat könnte über mich Auskunft geben.
Für einen baldigen Bescheid wäre ich sehr dankbar. Vielleicht sehn wir uns an unserem lieben Memelstrom bald wieder. Eine Freimarke liegt bei.
Hochachtungsvoll
Meine Anschrift: Ernst Wieck
Bad Freienwalde a./O.
Hagenstr. 1“

Wieck sorgt sich um sein Haus und seinen Garten samt Imkerei, und 27 Völker sind wirklich viel. Laut einem Überblick des Deutschen Imkerbundes e.V. hielt jeder Imker im Jahr 2020 im Schnitt 6,6 Bienenvölker; 96 Prozent der Imker hatten bis zu 25 Völker, drei Prozent hatten 26 bis 50 Völker und nur ein Prozent der Imker in Deutschland hatten im Jahr 2020 über 50 Völker.

Der Tilsiter Zeichner hat auch offenbar Kontakte in der Stadt, verweist er doch auf den Kollegen Dobinsky und den Genossen Kriwat. Am „lieben Memelstrom“ hofft Wieck auf ein baldiges Wiedersehen und bittet den Oberbürgermeister um eine rasche Antwort, ob er nach Tilsit zurückkehren kann.

In jedem Wort steckt die Liebe zur Heimat und der Wunsch, das in Sicherheit zu wissen, was man aufgebaut hat, um es selbst wieder mit Leben füllen zu können.

Aus Tilsit erhält Wieck mehr als zwei Monate später eine Antwort zugeschickt. Sie dürfte den Empfänger nicht sonderlich erfreut haben.

Brief der Bürgermeisterei
„Tilsit, den 26.7.46
Werter Herr Wieck!
Im Bezug auf Ihr Schreiben kann ich Ihnen leider keine gute Auskunft geben. Das Haus in der Kastanienstr. 15 b steht und ist von russischen Marine-Soldaten z.Zt. bezogen. Von der Imkerei fehlt jede Spur. Das Genosse Hensel in Tilsit ist, ist mir nicht bekannt.
Die Bürgermeisterei Tilsit“

Allein die Nachricht, dass sein Haus noch steht, könnte ein Weiterhoffen ermöglicht haben. Das Haus wird von russischen Marine-Soldaten bewohnt, das Imkerzubehör und die Völker sind jedoch nicht mehr vorhanden, und es wird ein Genosse Hensel erwähnt, der in Wiecks Brief gar nicht vorkommt.

Der Leser muss den Eindruck bekommen, dass die Bürgermeisterei keine Zeit für derlei Anfragen hat und möglicherweise Anfragen vermengt. Eine wirkliche Antwort gibt der Brief auch nicht. Wiek erhält „keine gute Auskunft“ und nur zwischen den Zeilen kann man lesen: Das Haus ist besetzt und alles andere ist weg, eine Rückkehr ist daher nicht möglich.

Was dieser Brief bei Wieck ausgelöst hat, wissen wir nicht. Es bleibt der Wunsch nach Heimat, wie sie gewesen ist.



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Kommentare

sitra achra am 27.10.21, 16:19 Uhr

@Jan Kerzel
Ihr Posting erscheint mir irgendwie kryptisch. Statt "Synergien" aufzubauen, schmeißen wir das Gelumpe doch einfach raus!

Inge Keller-Dommasch am 25.10.21, 09:05 Uhr

Dieser Brief von Ernst Wieck vom 15.5.1946 verdeutlicht, dass die Menschen im „Reich“ keine Ahnung hatten, wie es zu jener Zeit in Ostpreussen aussah. Es war ein Wunder, dass er überhaupt eine Antwort erhielt. Ich habe jene Zeit in Neukuhren/Pobethen zusammen mit meiner Mutter und meiner Grossmutter erlebt. Meine Grossmutter verstarb im Sommer 1947 an Dystrophie (Unterernährung). Die erste Post nach dem Ende des Krieges erhielten wir in Pobethen erst im Sommer 1946.
Nach dem Ende der Kampfhandlungen brach für die zurückgebliebene Bevölkerung in Ostpreussen eine Welt, eine Staatsordnung zusammen. Hauseigentümer oder gar Bauern hatten kein Anrecht auf ihren Besitz. Wenn sie nicht als Kapitalisten erschossen wurden, wurden sie in Sammellagern interniert. Rings um Militärbasen wurden die Ländereien zu Sowchosen zusammengefasst, auf denen deutsche Frauen schwerste Männernarbeit verrichten mussten. Brot und evtl. Suppe gab es nur für diejenigen, die arbeiten konnten. Kinder und alte Menschen erhielten keine Lebensmittel und waren auf das angewiesen , was die Mutter herbeischaffen konnte. Etwas grössere Kinder durchstöberten verlassene Häuser, in denen oft noch Wintervorräte zu finden waren. Hunger, Tod und Krankheiten hielten Einzug.

Ich habe diese Zeit zusammen mit meiner Mutter erlebt und darüber an Hand von ihren Unterlagen das Buch „Wir aber mussten es erleben“ geschrieben. Es ist jetzt in der 4. Auflage im Verlag Nation und Wissen unter ISBN 978-3-9814347-9-8 herausgekomen.

Jan Kerzel am 24.10.21, 18:44 Uhr

Nachdem der Rauch und Rausch des Krieges sich verzogen hatte, haben es die Sowjets nicht vermocht mit den Gegebenheiten Synergien aufzubauen. Das Feinstoffliche war und ist nicht ihre Sache. Der Vorschlaghammer liegt ihnen mehr. Damals wie heute lässt man weitreichende Optionen aus ideologischer und dogmatischer Erstarrung links liegen und wundert sich dann mit Entrüstung, dass man nie ankommt und letztlich keinen Zugang findet. Man steht sich selbst aus Überzeugung im Wege und sucht unbeirrt nach Schuldigen für die Misere.

Chris Benthe am 24.10.21, 15:45 Uhr

Gott, ist das ein bewegendes Zeitdokument. Um ehrlich zu sein: mir sind die Tränen gekommen.

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