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Zeigt sich mit dem neuen Status des Deutschen sehr zufrieden: Martin Dzingel, Geschäftsführer und Präsident des Dachverbandes der deutschen Minderheit
Foto: Martin DzingelZeigt sich mit dem neuen Status des Deutschen sehr zufrieden: Martin Dzingel, Geschäftsführer und Präsident des Dachverbandes der deutschen Minderheit

Tschechische Republik

Deutsch erhält besonderen Schutz

Endlich gleichberechtigt mit Polnisch und Slowakisch in acht sudentendeutschen Landkreisen

Bodo Bost
02.04.2024

Tschechien hat 2007 die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen in Kraft gesetzt, die den Schutz von Minderheitensprachen garantiert. Allerdings wurden die im Lande gesprochenen deutschen Mundarten zunächst nicht unter besonderen Schutz gestellt, wie es nach dieser Charta möglich gewesen wäre. Erst Ende vergangenen Monats, nach fünf Jahren Kampf der deutschen Minderheitenvertretung, hat das tschechische Parlament die Anwendung des dritten Teils der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen für das Deutsche beschlossen. Dadurch wurde die deutsche Sprache als Minderheitensprache in der Tschechei aufgewertet und unter besonderen Schutz gestellt.

In der heutigen Tschechischen Repu-blik werden noch von 25.000 Deutschen etwa ein Dutzend bayerische oder mitteldeutsche Dialekte gesprochen. Kurz bevor diese Dialekte für immer verschwinden werden, ist ein achtbändiger ausführlicher Sprachatlas der deutschen Dialekte fertigstellt worden.

Mehr als drei Millionen Deutsche lebten einst an den Rändern der böhmischen Krone. Auch die Hauptstadt Böhmens, Prag, in der im 15. und 16. Jahrhundert das Prager Kanzleideutsch, der Vorläufer des späteren Hochdeutsch entstanden ist, war bis 1860 mehrheitlich deutschsprachig. Dies hatte Prag vor allem den Juden zu verdanken, die in ganz Böhmen zur deutschen Sprache übergegangen waren. Einer von ihnen war Franz Kafka aus Prag, der im Juni dieses Jahres vor 100 Jahren gestorben ist. Er gehört zu den weltweit bedeutendsten deutschen Schriftstellern. Deutsch war auch eine der drei Parlamentssprachen der Tschechoslowakei bis zum Jahr 1938.

Nach fünfjährigem Kampf
Nach Krieg und Vertreibung der Sudetendeutschen war es damit vorbei. Auch nach der Wende 1989 und nach dem Beitritt Tschechiens in die EU 2004 genoss das Deutsche kaum eine Aufwertung, obwohl die Tschechei bereits 2006 die EU-Minderheitencharta unterschrieben hatte. Die deutsche Sprache hatte nicht den höchsten Schutz, den nur das Polnische und das Slowakische hatten.

Dies hatte der Dachverband der Deutschen Minderheit, die Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik, stets kritisiert. Im Sommer 2019 hatte die deutsche Minderheitenvertretung den Antrag gestellt, den höchsten Schutz auf die deutsche Sprache auszudehnen. Dies geschah noch in der von 2017 bis 2021 dauernden Regierungszeit von Ministerpräsident Andrej Babiš. Insgesamt hat es knapp fünf Jahre gedauert, bis das Ziel erreicht wurde.

Die deutsche Minderheitenvertretung hat in dieser Zeit viel Lobbyarbeit geleistet und Verhandlungen geführt. Widerstand kam am Ende nur noch von ein paar Altkommunisten wie Jiří Kopsa, der das Gespenst der Sudetendeutschen wieder an die Wand malte, weil das Deutsche bislang in acht Kreisen den höchsten Schutzstatus erhielt. Dieses ist der Fall in der Region Karlsbad in Eger, Karlsbad und Falkenau, in der Region Reichenberg in Reichenberg, in der Region Aussig in Aussig, in der Region Südböhmen in Krummau, in der Region Mähren-Schlesien in Troppau sowie in der Region Pardubitz in Zwittau. Alle diese Kreise liegen in dem einst zur Habsburgermonarchie gehörenden Sudetengebiet. Das Gebiet der heutigen Tschechischen Republik, das bis zum Ende des Ersten Weltkriegs und dem Frieden von Versailles zum Deutschen Reich gehört hat und in dem der Anteil der deutschen Staatsangehörigen am höchsten im Lande ist, das Hultschiner Ländchen, gehört nicht dazu.

Widerstand von Altkommunisten
Die Minderheit ist nun gut beraten, selbst aktiv zu werden, um die neuen Möglichkeiten zu nutzen. In einem ersten Schritt wird es darum gehen, die Vereine und Verbände zu mobilisieren sowie Projekte zu entwickeln. Darüber hinaus braucht man Personen, welche die Vorhaben vor Ort umsetzen. Die Minderheitenvertretung hofft, dass sie diese mit bundesdeutscher und österreichischer Unterstützung findet. Priorität hat die Arbeit in Schulen und Kindergärten. Bei der letzten Volkszählung 2021 war der Anteil der jungen Menschen, die Deutsch sprechen, erstmals gestiegen.

Martin Dzingel, der führende Vertreter der deutschen Minderheit, zeigte sich mit dem neuen Status des Deutschen sehr zufrieden, auch wenn er noch nicht auf das ganze deutsche Sprachgebiet angewendet wird. Der 1975 geborene Sprachwissenschaftler stammt aus dem Altvatergebirge. Schon während des Studiums der Sprachwissenschaften in Pardubitz und Brünn engagierte er sich für die deutsche Volksgruppe im Verband der Deutschen Nordmähren und Adlergebirge. 1998 wurde er in das Präsidium des Dachverbandes der Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik gewählt, seit 2001 ist er deren verwaltender Geschäftsführer in Prag. 2010 wurde Dzingel zum Präsidenten der Landesversammlung gewählt und 2016 im Amt bestätigt.

Das Deutsche wird mit dieser Aufwertung nicht zur Amtssprache in den Regionen, aber der Staat hat sich nun verpflichtet, das Deutsche in den acht Landkreisen besonders zu schützen und zu fördern. Deutschsprachige Bürger haben in diesen Kreisen nun sogar einen Anspruch, bei Gericht und mit Behörden ihre Sprache zu gebrauchen und sie in öffentlichen Schulen sie zu lernen.


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