15.07.2024

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Ironie und Satire

Deutscher Humor als Exportschlager

Spielend Sprache lernen mit Loriot – Auch die Polen amüsieren sich über den im November vor 100 Jahren geborenen Humoristen

Jolanta Lada-Zielke
23.01.2024

Anlässlich des 100. Geburtstags von Loriot lief Anfang November in der ARD die Sendung „100 Jahre Loriot“. Darin taucht die Aussage auf, dass nur Deutsche seinen Humor verstehen könnten. Es stellt sich nun heraus, dass ihre Nachbarn von der anderen Seite der Oder die Witze von Victor von Bülow alias Loriot genauso gut finden. Natürlich nur, wenn ihre Deutschkenntnisse ausreichend sind.

Die Polen lernten die Werke Loriots erst nach 1989 kennen, vor allem dank der Aktivitäten des Goethe-Instituts in der Republik Polen. Dort verwendete man noch vor zehn Jahren die Texte des Klassikers des deutschen Humors als Lehrmittel im Sprachunterricht. Die Pförtner des Goethe-Instituts in Krakau mochten „Das Bild hängt schief“ besonders gern. Die dortigen Deutschlehrer nutzten zu Lehrzwecken die Dialoge wie „Der sprechende Hund“, „Herren im Bad“ oder „Ich will hier nur sitzen“. Alle diese amüsierten die Polen ebenso wie die Deutschen. Außerdem halfen sie das in Polen verbreitete Klischee zu zerstreuen, dass die Deutschen keinen Sinn für Humor hätten. Im Goethe-Institut Krakau nutzte man Loriots Sketche früher oft in den dort aufgeführten Theaterstücken. Die in Deutschland lebende polnische Bloggerin „Pani Dominika“ nannte Victor von Bülow „Professor für Humor“.

Viele von Loriots Witzen, insbesondere seine Ehedialoge, sind universell und zeitlos. In Polen lebte eine Satirikerin, die in einem ähnlichen Stil schrieb. Dies war Stefania Grodzieńska (1914–2010), neun Jahre älter als Vicco von Bülow. Sie war eine vielseitige Persönlichkeit: Dichterin, Schriftstellerin, Tänzerin, Bühnen- und Theaterschauspielerin, Moderatorin, Autorin satirischer Texte für Theater, Kabarett, Presse, Radio und Fernsehen. Ihr Debüt gab sie noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs in einem der Warschauer Kabaretts.

Der Stil von Grodzieńska ist fein und elegant, ihr sehr treffender Witz verband das Lyrische mit dem Grotesken. Ihre Ehedialoge sind eine heitere Satire auf die Absurditäten des Lebens, geschrieben mit einem freundlichen Verständnis für die Menschen. In den 1970er Jahren nahmen zwei polnische Schauspieler einige davon für den polnischen Rundfunk auf, der sie auf einer Schallplatte veröffentlichte. Wie bei Loriot entstehen auch heute noch Aufführungen, die auf Sketchen von Grodzieńska basieren.

Abhängigkeit von den Müttern?
Obwohl Loriots Satire im Alltag des westdeutschen Bürgertums verwurzelt ist und Grodzieńskas die Bürger der Volksrepublik Polen zum Thema hat, ist die Ähnlichkeit beim Vergleich dieser Texte frappierend. So erinnert der Sketch „Któż tego nie zna – Zakopane?“ (Wer kennt das nicht – Zakopane?) stark an „Ich möchte nur hier sitzen“, nur dass hier die Ehefrau ihrem Gatten nicht einen Spaziergang, sondern eine Reise nach Zakopane vorschlägt. In einem anderen Dialog stellt die Frau ihrem Mann die für ihn belustigende Frage: „Was würdest du tun, wenn ich sterben würde?“ Der Mann, zunächst schockiert, lässt sich auf die Diskussion ein. „Ich würde trauern“, antwortet er. „Lange?“, „Ja, lange“, versichert der Ehepartner. „Aber was wäre, wenn du nur eine Woche nach mir gestorben wärst?“, bohrt die Frau weiter. „Dann hättest du nach mir nur eine Woche lang getrauert!“, stellt sie missbilligend fest und geht dann zum nächsten Problem über, in welchem Kleid ihr Mann sie beerdigen lassen soll. Dieser Teil des Dialogs läuft fast identisch ab wie Loriots „Wie findest du mein Kleid?“. Nacheinander überlegt die Frau: in einem schwarzen Kleid nein, weil es zu traurig ist, in einem blauen sieht sie dick aus, oder vielleicht doch lieber in einem weißen Hochzeitskleid? „Aber du hast doch in einem beigen Rockanzug geheiratet!“, erinnert der Ehemann sie. Die Pointe ist auch ähnlich wie bei Loriot: Die Gattin weist darauf hin, dass sie mit ihrem Mann über etwas Wichtiges, wie etwa ihren eigenen Tod, nicht sprechen kann.

Viele Polen waren überrascht, nachdem sie in ihrem Land den Loriot-Film „Ödipussi“ gesehen hatten, und fragten ungläubig: Sind manche Deutsche auch so abhängig von ihren Müttern? Denn gerade polnische Männer haben den Ruf, Muttersöhnchen zu sein. Sobald sich einer mit seiner Ehefrau gestritten hat, kommt er sofort zu seiner Mama zurück, die ihn tröstet, alles versteht und besser kocht. Es gibt sogar Witze zu diesem Thema. Polnische Kenner der Werke von Johannes Brahms amüsieren sich besonders über die Art und Weise, wie Schauspielerin Katharina Brauren in „Ödipussi“ sein Lied „Juchhe!“ aufführt.

Was die Musik betrifft, so schätzen die polnischen Wagnerianer Loriots Version von „Der Ring des Nibelungen“. Die Verehrer von Wagners Werk auf der anderen Seite der Oder besitzen ein umfassendes Wissen über die Weltkultur. Ein bekannter Professor an der Hochschule der Bildenden Künste in Krakau hat eine ganze Sammlung von CDs mit Aufnahmen von Wagner-Opern, aber auch von Loriots „Der Ring des Nibelungen“.

Als Victor von Bülow 2011 starb, berichtete die polnische Redaktion der Deutschen Welle über sein Ableben, erinnerte an sein Schaffen und veröffentlichte ein Foto von ihm mit Evelyn Hamann auf dem berühmten grünen Sofa.

Die Geschmäcker ändern sich mit dem Generationswechsel. Heute amüsieren Loriots Witze die deutsche Jugend nicht mehr. Ähnlich verhält es sich mit den Kursteilnehmern des Goethe-Instituts in Polen. Die meisten besuchen Online-Kurse, deshalb spielt man dort kein Theater mehr. Die Lehrkräfte suchen vor allem nach Materialien im Internet, die den aktuellen Interessen von Menschen im Alter von 25 bis 35 Jahren entsprechen. Für diese Generation ist Loriot eigentlich unbekannt. Die Bibliothekarin im Goethe-Institut Krakau sagt, dass nur noch Leser um die 40 bis 50 irgendwelche Materialien über Loriot aus sentimentalen Gründen ausleihen. Jüngere Menschen fragen nicht mehr nach ihm. Das ist schade, denn die Loriot-Texte machen Fremdsprachler aufmerksam auf die Schönheit der deutschen Sprache. Man sollte sein Werk wieder aufgreifen, weil er für immer ein Klassiker des deutschen Humors im besten Sinne des Wortes bleiben wird.


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