30.11.2022

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Volkswirtschaft

Deutschland steht am Beginn einer historischen Rezession

Während die Kaufkraft der Bürger schrumpft, steigen die Kosten der Erzeuger auf allen Ebenen – und dem Staat als vermeintlichem Retter geht die Luft aus

Konrad Badenheuer
30.09.2022

Trotz des Ukrainekriegs blieb bis in den August hinein die Lage der meisten Unternehmen noch ganz ordentlich. Das hat sich jäh geändert: Deutschland steht vor einer historischen Rezession. Der Index des Münchner ifo-Instituts für die Geschäftserwartungen stürzte zuletzt auf 75,2 Punkte ab. Unklar ist, ob der Bundesregierung der volle Ernst der Lage bewusst ist. Aber selbst wenn: Ein mittel- und langfristiges Konzept zur Lösung der Probleme hat sie erkennbar nicht.

Reihenweise drosseln derzeit Industriebetriebe ihre Produktion, weil die hohen Energiepreise ihre Aktivitäten unrentabel machen. Der Bund versucht, mit Rettungspaketen zu helfen. Die Sache ist eilig, aber die Regierungsparteien streiten lang und öffentlich über den richtigen Weg – Stichwort Gasumlage. Die diskutierten Lösungsansätze wirken etwas hilflos, nicht zuletzt, weil die Industrie – anders als in der Corona-Krise – in ihrer ganzen Breite betroffen ist. Etwa 15 Prozent der Industriebetriebe erwägen Produktionskürzungen oder gleich die Stilllegung. Fast überall schmelzen die Erträge, Produktionsverlagerungen ins Ausland sind in den Chefetagen ein heißes Thema.

Der Staat fällt als Retter aus

Staatliche Hilfsprogramme, die die absehbare Insolvenzwelle abwenden könnten, wären kaum bezahlbar. Um allein die Strom- und Gaspreise für die Privathaushalte um nur einen Cent pro Kilowattstunde zu senken, müsste der Staat laut Bundesregierung 3,8 Milliarden Euro pro Jahr aufwenden. Für die bedrängte Industrie würde dies bei den aktuellen Energiepreisen wohl eher einen Bedarf von 100 als von 50 Milliarden Euro bedeuten.

Die Notlage der Unternehmen lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Eine rapide schrumpfende Kaufkraft der Verbraucher trifft auf massiv höhere Kosten für Energie, Vorprodukte und zunehmend auch für Personal. Vor dieser Kombination hat die deutsche Wirtschaft noch nie gestanden. Die Konjunkturforscher haben deswegen zuletzt ihre Vorhersagen dramatisch korrigiert, etwa das ifo-Institut. Noch im Juni hatte es für 2023 einen Boom mit 3,7 Prozent realem Wachstum erwartet. Am 12. September nahm das Institut diese Prognose zurück auf minus 0,3 Prozent – was zwei Wochen später schon wieder viel zu optimistisch erscheint angesichts des eingangs erwähnten ifo-Indexes für die Geschäftserwartungen.

All das geschieht in einer Zeit, in der die EZB damit begonnen hat, ihre Niedrigzinspolitik zu beenden. Doch auch nach der Erhöhung Anfang September sind die Zinsen historisch niedrig und passen in keiner Weise zur rapiden Geldentwertung. Viele stöhnen jetzt über Zinsen für Baufinanzierungen von etwa 3,5 Prozent. Doch ist dieser Zinssatz bei einer Inflationsrate von acht Prozent immer noch niedrig, da ein Kreditnehmer real viel weniger zurückzahlen muss, als er aufgenommen hat. In den frühen 1980er Jahren kostete bei Inflationsraten um die sieben Prozent das Baugeld etwa elf Prozent.

Solche Zinsen würden heute nicht nur die Bauwirtschaft in die Knie zwingen, sondern auch die hoch verschuldeten Staaten. Lässt die EZB die Zinsen jedoch auf Dauer tiefer als die Inflation, so bedeutet das eine anhaltende Enteignung der Sparer und womöglich noch viele Jahre der Geldentwertung. Manche Experten rechnen vor, dass die EZB mit dem Geldmengenwachstum der letzten Jahre bereits eine Geldentwertung von 40 bis 70  Prozent sozusagen programmiert hat.

Rasende Geldentwertung

Zuletzt haben reihenweise Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Inflationsprognosen nach oben korrigiert, die EZB selbst sogar schon zum fünften Mal seit Frühjahr 2021. Sie alle nähern sich damit den von der Preußischen Allgemeinen Zeitung seit Dezember 2021 mit klarer Begründung vorhergesagten Werten von 15 Prozent und mehr. Die Bundesbank erwartet demnächst Inflationsraten von über zehn Prozent, aber auch das erscheint optimistisch angesichts eines Anstiegs der Erzeugerpreise von zuletzt sage und schreibe 45,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Aber egal, wie schnell und wie weit die Zinsen steigen: Es zeichnet sich ab, dass die Notenbank mitten in einen Konjunktureinbruch hinein hart sanieren muss. Genau das sollte an sich nie geschehen, aber jetzt hat die EZB keine andere Wahl mehr.

Leider sind mit dieser Lagebeschreibung noch nicht einmal alle Probleme benannt worden, nur drei davon seien nachgetragen: Das Erste ist die demographische Entwicklung. Die absehbare „Mutter aller Krisen“ wird dadurch verschärft, dass gerade jetzt quer über alle Branchen Fachkräfte in Rente gehen, die oft nicht mehr ersetzt werden können. Das Zweite sind die größeren Lasten für die äußere Sicherheit. Das Dritte schließlich ist die begrenzte Kompetenz vieler Entscheidungsträger. Wirtschaftsminister Robert Habeck ist, höflich ausgedrückt, kein neuer Ludwig Erhard. Vor allem sein krampfhaftes Festhalten an der Stilllegung der letzten drei AKW mitten in einer akuten Energiekrise lässt an seiner Urteilskraft zweifeln.

Aus dem Innenministerium ist jetzt ein Papier durchgesickert, das vor einer Radikalisierung und vor gewaltsamen Demonstrationen in den nächsten Monaten warnt. Angesichts der realen Lage erscheinen solche Warnungen begründet. Die innere Zerrissenheit des Landes könnte auch deswegen gravierende Ausmaße erreichen, weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk durch klare Fehlleistungen viel Glaubwürdigkeit verloren hat und Millionen Menschen nicht mehr erreicht.

Außerdem gibt es Hinweise, dass selbst mitten in einer absehbar schweren Wirtschaftskrise die Aktienkurse und auch die Immobilienpreise bald kräftig steigen könnten – bei den Geldanlegern liegen einfach zu große Summen herum und warten auf Anlage. Ein Börsenboom, während Millionen Normalverdiener ihre Stromrechnungen kaum mehr bezahlen können? Noch ist es nicht soweit, aber eines ist klar: Mit einer solchen Gemengelage war unser Land noch nie konfrontiert.



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Kommentare

Frank Hermann am 04.10.22, 11:01 Uhr

17 Mrd. kostet das böse Gas aus RUS.
Und Verträge garantieren Sicherheit bis 2036.
Aber so etwas will man ja nicht mehr.
Die wunderbaren "Entlastungspakete" haben den Steuerzahler bereits ca. 290 Mrd. Gekostet und haben bisher was bewirkt?
Diese Regierung betreibt nur Augenauswischerei !

E. Berger am 03.10.22, 15:00 Uhr

Leider strickt auch Herr Badenheuer an der Fabel mit, dass der Ukraine-Krieg ursächlich ist für die gegenwärtigen und kommenden Krisen.
Tatsächlich aber sind es die mehr oder weniger freiwillig verhängten Sanktionen, die uns im Westen (Europa) mindestens ebenso schaden wie Russland. Sie schaden uns auch deswegen über die Massen, weil die gute wirtschaftliche Entwicklung in der Vergangenheit grossenteils auf Pump finanziert war und deswegen jetzt zusammenfält wie ein Kartenhaus.

Tom Schroeder am 30.09.22, 17:40 Uhr

Das geht nach dem Krieg in der UKR wieder vorbei. Bis dahin haben wir neue Energiellieferanten und die gruenen Traeume sind ausgetraeumt - dann kommt der neue Boom.

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