25.05.2022

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Kirche

Die Alterskönigin von Rysum

In einer ostfriesischen Gemeinde steht eine der ältesten Orgeln der Welt – Das Instrument funktioniert schon seit dem Mittelalter

Martin Stolzenau
23.01.2022

Kirchen galten über Jahrhunderte in Dörfern und Städten als ein Mittelpunkt im sozialen Zusammenleben. Das war auch in Ostfriesland der Fall, wo eine Fülle an Feldstein- und Backsteinkirchen aus früher Zeit erhalten geblieben sind. Sie belegen bis heute vielgestaltige architektonische und künstlerische Leistungen.

Doch die Instandhaltung wurde in den letzten Jahrzehnten oft vernachlässigt. Das hatte oft schlimme Auswirkungen. Viele kirchliche Kulturdenkmäler waren auf dem Wege des Verfalls. Deshalb bildeten sich Fördervereine, die den Erhalt auf den Weg brachten. Dazu kamen Stiftungen wie die Deutsche Stiftung für Denkmalpflege. Sie startete die Aktion „Rettet unsere Kirchen!“, die für umfangreiche Spenden sorgt und damit die Denkmalpflege in ganz Deutschland befördert.

Zu den Objekten, die zuletzt davon profitierten, gehörte die Rysumer Kirche. Sie steht auf der höchsten Stelle einer Rundwarft des Ortes Rysum in der Krumhörner Marsch in der Nähe von Emden an der Emsmündung zur Nordsee. Der Sakralbau verfügt über einige Besonderheiten. Das reicht vom erstaunlichen Alter des Chores mit spätromanisch-gotischen Formen aus der Mitte des 13. Jahrhunderts über eine kunsthistorisch überregional bedeutsame Ausstattung bis zur einzigartigen Orgel. Sie gilt als das älteste erhaltene Instrument ihrer Art in Nordeuropa und gehört zu den ältesten spielbaren Orgeln auf der ganzen Welt. In der Krumhörn, wie die ostfriesische Gemeinde bezeichnet wird, befindet sich demnach ein Schatz mit Weltgeltung.

Schon unmittelbar nach der Christianisierung gab es offenbar auf dem höchsten Punkt der Rysumer Rundwarft, wo ansonsten das Dorfthing tagte und sich bei Sturmfluten Menschen und Tiere retteten, ein erste Holzkirche. Im 12. Jahrhundert gab es dann an gleicher Stelle die erste Steinkirche, wie die Deutsche Stiftung Denkmalschutz 2013 ermittelte.

Mitte des 13. Jahrhunderts sorgten die Rysumer offenkundig für neue Kirchengemäuer. Das belegt der erhaltene Chor mit seinen spätromanisch-frühgotischen Formen. Diese neue Erkenntnis zu den Vorgängerbauten überraschte die Kunsthistoriker, die zuvor bereits Teile der heutigen Kirche dem 14. Jahrhundert und andere dem 15. Jahrhundert zugeordnet hatten.

Zehn Rinder für eine Orgel

Das bis heute bestehende Rysumer Gotteshaus entstand aus Tuffsteinen der Vorgängerbauten und Backsteinen aus Holland. Der Turm aus Backsteinen gilt mit dem kunsthistorisch wertvollen Kastenchor im Inneren als ältester erhaltener Bauteil. Er ist mit dem Kirchenschiff, das im 15. Jahrhundert im Stil der Gotik entstand, per Rundbogen verbunden. Der Rechtecksaal des Langhauses mit großen Spitzbogenfenstern besaß lange eine hölzerne Spiegeldecke, die bei der jüngsten Restaurierung durch eine mittelalterliche Balkendecke ersetzt wurde. Im Westteil des Langhauses befindet sich das Schmuckstück der Kirche, die Orgelempore mit einer Orgel, die nach dem Urteil der Fachleute um 1440 erbaut wurde.

Dieses kirchenmusikalische Wunderwerk ist allein schon vom Alter her eine Königin. Es wurde offenbar „von Meister Harmanus aus Groningen“ geschaffen, dem auch die Orgel der Groninger Martinikerk zugeschrieben wird, und laut Vermerk in der Friesenchronik von Eggerik Beninga „mit den zehn besten Rindern“ der Rysumer Bauern und der Erlaubnis von Olde Imell, dem regionalen Häuptling zu Osterhusen und Grimersum, bezahlt.

Das Orgelwerk stand zunächst im Chorraum auf einem Lettner – einer Art Trennwand mit einer oberen Plattform – , wurde später auf die Westempore umgesetzt und erst ab dem 17. Jahrhundert zur Begleitung des Gemeindegesangs genutzt. Die Organistenkanzel verweist per lateinischer Inschrift von 1513 auf Victor Frese und Edo Eissink. Frese war der einstige Häuptling, Patronatsherr und Stifter. Eissink fungierte bis 1554 als Pfarrer und vollzog dabei den Wechsel zur Reformation.

Im Verlaufe der Jahrhunderte gab es für die Rysumer Orgel Verträge zur Orgelpflege, zahlreiche Reparaturen und auch Umbauten. Die Reihe der diesbezüglichen Orgelfachleute reichte von Joachim Kayser sowie Valentin Ulrich Grotian über Mathias Amoor, einen Schüler von Arp Schnitger, Johann Gottfried Rohlfs und Johann Friedrich Wenthin bis zu Wilhelm Caspar Joseph Höffgen.

Dunkler Ursprungsklang ist bewahrt

Ab 1848 betreute bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs die Orgelbauerfamilie von Gerd Janssen das Instrument. Es folgten die Firma Furtwängler & Hammer, Max Maucher und Karl Puchar. 1959/60 sorgte dann die Firma Ahrend & Brunzema für eine „umfassende Rekonstruktion mit der weitgehenden Rückführung auf den ursprünglichen Zustand. Dazu gehörten die – wie es hieß – „konsequent rekonstruierte gotische Prospektgestaltung“, die international ihresgleichen sucht, und die Wiederbelebung des dunklen Ursprungklangs mit großer Intensität, der dann in Verbindung mit dem Alter des Werkes für internationales Aufsehen sorgte. Spätestens seit der umfassenden Gesamtkirchenrestaurierung bis 2009 gilt die Rysumer Orgel bei vielen als Königin der Musikinstrumente.

Das Pfeifenwerk besitzt sieben Register ohne Pedal, eine mechanische Ton- und Registertraktur, eine Windversorgung per Keilbalg und eine leicht modifizierte mitteltönige Stimmung. In den letzten Jahrzehnten gab es mit der Orgel zahlreiche Konzerte mit bekannten Organisten, verschiedene Tonaufnahmen mit Einspielungen der Werke berühmter Orgelkomponisten wie Johann Sebastian Bach. Sie zählt neben den Instrumenten im schweizerischen Sion, im westfälischen Soest, den zwei historischen Orgeln in Lübeck und dem Werk im hessischen Kiedrich zu den ältesten spielbaren Orgelwerken auf der Welt. Viele Historiker halten sie wegen des Originalprospekts, der weitgehend originalen Technik und der nachgewiesenen Baudatierung sogar für die wirkliche Alterskönigin.



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Kommentare

Chris Benthe am 25.01.22, 11:38 Uhr

Einfach wunderbar und faszinierend ! Unser kulturelles Erbe ! Nur die PAZ liefert solche kostbaren Kleinodien in der eintönigen Presselandschaft. Danke.

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