23.05.2022

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Bahnhof St. Petersburg: Bereits unmittelbar nach dem Ausbruch des Ukrainekriegs am 24. Februar begaben sich zahlreiche Russen auf den Weg in den Westen, hier mit dem Ziel Finnland
Foto: paBahnhof St. Petersburg: Bereits unmittelbar nach dem Ausbruch des Ukrainekriegs am 24. Februar begaben sich zahlreiche Russen auf den Weg in den Westen, hier mit dem Ziel Finnland

EXODUS AUS RUSSLAND Hunderttausende Vertreter der Intelligenz sollen wegen Putins Feldzug gegen die Ukraine und der Unterdrückung Andersdenkender bereits das Land verlassen haben – andere warten zunächst ab

Die anderen Flüchtlinge

IT-Spezialisten, Wissenschaftler, Intellektuelle und Künstler kehren Putins Reich den Rücken

Manuela Rosenthal-Kappi
02.05.2022

Der aktuelle Trend, dass junge und gut ausgebildete Russen ihr Land verlassen, setzte schon zu Beginn der Ukrainekrise 2014 ein. Unmittelbar nach dem Ausbruch des Ukrainekriegs am 24. Februar begaben sich erneut Hunderttausende ins Ausland. Nachdem die EU ihre Sanktionen gegen Russland weiter verschärft hat, sind zunehmend Länder ins Visier der Ausreisewilligen geraten, für die Russen kein Visum benötigen – in der Regel sind das die ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken und der südliche Kaukasus, bevorzugt Armenien und Georgien.

Ein Motiv ist die Ablehnung des Ukrainekriegs, ein anderes die wirtschaftliche Situation. Die verschärften Sanktionen des Westens führen dazu, dass zahlreiche Russen ihre Arbeit verloren haben. Vielen Selbstständigen wurde ihre Geschäftsbasis entzogen, oder sie stehen kurz vor der Pleite. Die Angst, zum Militärdienst einberufen zu werden, spielt ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle.

Da Schengen-Visa derzeit in weite Ferne gerückt sind, zieht es die meist jungen Menschen nun in die benachbarten östlichen Republiken. Fachkräfte werden dort dringend benötigt, man versteht ihre Sprache und darüber hinaus wäre eine schnelle Rückkehr möglich, wenn sich die Lage in Russland normalisiert hat.

Eine genaue Zahl der Emigranten ist derzeit nicht bekannt, aber Experten gehen davon aus, dass bereits 100.000 IT-Spezialisten, Oppositionelle, Künstler und Journalisten das Land verlassen haben und weitere in derselben Größenordnung folgen werden. Unter den Ausreisewilligen befinden sich vermehrt auch Inhaber kleinerer und mittlerer Unternehmen.

Wo es die Russen hinzieht

Es wäre naheliegend, dass Kasachstan das Wunschziel der Russen ist, da der Technologiestandard dem in Russland gleichkommt und es dort Vertretungen großer ausländischer Unternehmen gibt. Doch in dem Nachbarland werden russische Auswanderer nicht mit offenen Armen empfangen. Der Grund ist, dass Kasachstan als Mitglied der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) russischen Bürgern die gleichen Rechte gewähren muss wie seinen eigenen Bürgern. Kasachen fürchten die Konkurrenz der Russen auf dem Arbeitsmarkt. Mit ihrem Geld können Russen kasachische Immobilien erwerben und die Kosten für Wohnraum in die Höhe treiben. Eine andere Sorge Kasachstans ist, dass Russen ihr Land für illegale Geschäfte mit ausländischen Waren nutzen könnten, die unter die Sanktionen fallen. Sie haben die Möglichkeit, Bankkonten zu eröffnen sowie Visa- und MasterCard-Kreditkarten zu nutzen.

Günstiger gestaltet sich die Situation in Usbekistan, das nicht zur EAWU gehört. Zwar hat auch hier der Zuzug von Russen zur Erhöhung von Immobilienpreisen und Mieten geführt, aber die Usbeken verhalten sich russischen Bürgern gegenüber freundlicher als die Kasachen. Schon während des Bürgerkriegs und des Zweiten Weltkriegs boten Usbeken Russen einen Zufluchtsort. In den 1920er Jahren retteten sie Hungerflüchtlinge. Die Hauptstadt Taschkent erinnern viele der älteren Generation als Stadt, in die Industriebetriebe und Fabriken evakuiert wurden und wohin Wissenschaftler, Schriftsteller, Schauspieler und Dichter flohen, darunter Anna Achmatowa und Alexej Tolstoj.

Usbekistan als Zufluchtsort

Der jungen Generation russischer IT-Spezialisten bietet das Land neben günstigen Lebenshaltungskosten einen erleichterten Zugang zum Arbeitsmarkt. Schon vor dem Ukrainekrieg lockte das Land mit dem Programm „TashRush“ 3000 ausländische IT-Profis an, vorwiegend aus Weißrussland und Russland. Seit dem 1. April erhalten qualifizierte IT-Spezialisten ein Visum für drei Jahre mit dem Recht auf automatische Verlängerung. Es erleichtert auch den Erhalt eines ständigen Aufenthaltstitels für den Inhaber des Gastvisums sowie für seine Familie. Zudem garantiert es gleiche medizinische Versorgung und Bildungsangebote wie für usbekische Bürger.

Auch in Kirgisien haben Russen es leicht. Obwohl Moskau in den sozialen Medien für seinen Angriff auf die Ukraine scharf kritisiert wird, sind Russen, auch hier in erster Linie IT-Fachleute, willkommen. Allerdings ist das Leben nicht so günstig wie in Usbekistan.

Neben Zentralasien zieht es Russen auch in den Südkaukasus. Armenien, ein Mitglied der EAWU, hat keine Probleme mit Russen. Hier können sie sogar ihr Geschäft innerhalb eines Tages registrieren lassen. Ende Februar hielten sich bereits 80.000 Russen in Armenien auf. 30.000 Russen sind nach Georgien geflohen, obwohl den Zuzug dort aufgrund der politischen Differenzen und der Unterstützung für die Ukraine längst nicht alle begrüßen.

In Zukunft könnten auch wieder mehr Russen nach Deutschland kommen, da die Ampelregierung erwägt, russischen wie auch ukrainischen Flüchtlingen den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern.



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Kommentare

Gerrit Arndt am 02.05.22, 21:31 Uhr

Mh… IT-Spezialisten (was denn für welche?), Oppositionelle, Journalisten und Künstler. Das wird für Rußland verdammt schlimm, wenn diese unnützen Brotfresser auswandern.
Könnten wir nicht auch mal sowas starten, um solche Leute „aus Protest“ loszuwerden? Ach nee… wir haben ja Frau Lambrecht und verschenken, was wir schon längst abgeschafft haben. Wir könnten nicht mal das Saarland überfallen mit unserer Buntenwehr.
Felix Russia.

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