06.12.2023

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Ostpreußen

Die Anfänge der Lehrerausbildung

Erste Normalinstitute in Königsberg, Karalene und Braunsberg – Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es 15 Lehrerseminare

Margund Hinz
08.10.2023

Die Entwicklung des ostpreußischen Landschulwesens verlief erfolgreich trotz der verheerenden Pest im Osten und Nordosten der Provinz (1708–1710), der Folgen der russischen Besetzung (1758–1762), der Eingliederung der zahlreichen Zuwanderer während der Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs II. sowie der Kriege Napoleons I. Die staatlichen Maßnahmen Friedrich Wilhelms I. zum Wiederaufbau des Landes führten zur Neugründung von 884 Dorfschulen, für die Lehrer gebraucht wurden.

Es fehlte an geeigneten Bewerbern. Ferner reichten die Geldmittel des Staates für die Besoldung der Lehrer nicht aus. Durch Gründung von Musterschulen nach dem Vorbild von Reckahn und durch Einrichtung von „Schulmeister-Schulen“ sollte die Lage verbessert werden.

Solch eine Institution war das 1774 in Klein-Dexen vom Gutsherrn Balthasar Philipp Genge und dem Pfarrer Johann Gottfried Meuschen gegründete Seminar. Das von Johann Julius Hecker 1753 ins Leben gerufene „Berlinische Küster- und Schulmeister-Seminar für die königlichen Amtsdörfer der Churmark“ diente als Vorbild. Die religiöse Grundhaltung des Pietismus, die tätige Hinwendung zum Mitmenschen, die Erfüllung bestimmter Pflichten und Frömmigkeit bildeten das Fundament für die Arbeit in Klein-Dexen. 1774 wurde das Seminar mit sieben Zöglingen eröffnet. Vier Jahre später nahm man 16 Zöglinge im Alter von 17 bis 55 Jahren auf. Eine große Anzahl von ihnen betrieb ein Handwerk. Das Seminar reichte jedoch nicht aus.

Von Frömmigkeit bestimmt
Der Kriegs- und Domänenrat Heilsberg, ein Mitglied der ostpreußischen Spezial-Schulkommission, schlug dem Oberschulkollegium 1789 vor, Kandidaten der Theologie mit Anwartschaft auf eine Prediger- oder Präzentorstelle zur Ausbildung junger Leute für den Lehrerberuf zu verpflichten. Dadurch wollte Heilsberg die teure Einrichtung eines Lehrerseminars vermeiden. Dieser Vorschlag wurde vom Oberschulkollegium angenommen. Generalsuperintendent Schulz, dem man die Leitung übertrug, bestimmte die Litauische Schule und die Löbenichtsche Hospitalschule in Königsberg zur Ausbildung von Lehrern.

Diese Form der Lehrerausbildung bezeichnete die Spezial-Schulkommission in einem Bericht von 1791 als Seminar. Die von Heilsberg verfasste „Instruktion für Landschulmeister“ wurde zuerst ins Litauische und später auch ins Polnische übersetzt. Der Berliner Studienrat Gunnar Thiele nannte als wichtigste Kriterien für die moderne Institution „Seminar“ deren Selbstständigkeit, Unterhaltung aus staatlichen Mitteln, eigene Räume und Lehrer sowie zweckmäßig vorgebildete Schüler.

Das Seminar des 18. Jahrhunderts erfüllte diese Kriterien nicht. Mit der Leitung der „Sektion für Kultus und öffentlichen Unterricht“ im preußischen Innenministerium betraute man Wilhelm von Humboldt 1809. Im selben Jahr wurden Karl August Zeller in Königsberg und Ludwig Natorp in Potsdam Schulräte. König Friedrich Wilhelm III. berief den Württemberger Zeller nach Ostpreußen, um die Reorganisation des Volksschulwesens vom Königsberger Waisenhaus aus vorzunehmen. Zeller und Natorp standen für die konkurrierenden Entwürfe von „Normalinstitut“ und „Seminar“ in der Lehrerbildung.

Das „Normalinstitut“ sollte nach Vorstellung der Unterrichtssektion für die Schulen tüchtige Lehrer bilden. Da den Bewerbern oft eine gute Allgemeinbildung fehlte, musste es seinen Seminaristen zuerst selbst eine gute Vorbereitung geben.

Konkurrenz zwischen „Normalinstitut“ und „Seminar“
Unklar blieb anfangs, ob das Normalinstitut zur Regelinstitution für die Lehrerbildung zu erheben war oder eine Vorbereitungsanstalt für das Seminar sein sollte. Die Normalinstitutsgründungen durch Karl August Zeller in Königsberg (1809), Braunsberg (1811) und Karalene (1811) waren als eigenständige Einrichtungen konzipiert. Sie arbeiteten keinem Seminar zu. Einer Verfügung vom 13. August 1809 entsprechend sollten in den Normalinstituten Kinder vorzüglich für den Lehrerstand erzogen und nach der besseren Lehrmethode unterrichtet werden.

In Königsberg wurde das Königliche Waisenhaus, gegründet 1701, aufgelöst und in seinem Gebäude am 1. September 1809 ein Normalinstitut mit 30 Zöglingen im Alter von sieben bis zehn Jahren eröffnet. Das Eintrittsalter erhöhte man später auf zehn Jahre und nahm auch Ältere auf.

Das von Zeller zunächst als Normalinstitut gegründete Seminar in Karalene, etwa zehn Kilometer von Insterburg entfernt gelegen, nahm unter den ostpreußischen Lehrerseminaren eine besondere Stellung ein. Den Namen Karalene (litauisch: karalienė), ins Deutsche übertragen „Königin“, erhielt das Institut zum Gedenken an die am 19. Juli 1810 verstorbene Königin Luise. Sie gewann während eines Aufenthalts in Memel eine große Sympathie zu der Region und soll den Wunsch geäußert haben, zur Vorbildung von Lehrern eine Pflanzschule zu gründen. „Werde unser Institut die Königin aller Institute.“ – Dieser Wunsch seitens der Regierung ist aus Anlass der amtlichen Bekanntgabe der Namensgebung überliefert.

Das Gut Kummetschen, ein Fleckchen reicher Naturschönheiten, wurde für das zu errichtende Normalinstitut ausgewählt. Die Regierung kaufte von dem Besitzer Horn das schöne und geräumige Wohnhaus, den zwölf Morgen großen Park und etwa 14 Morgen Ackerland zum Preis von 8000 Talern. Anfang November 1811 trafen die Zöglinge ein. Drei Knaben hatte Zeller aus Königsberg mitgebracht. 22 Knaben im Alter von zehn bis 14 Jahren kamen aus den Orten Neukirch, Heinrichswalde, Sensburg und Zabienen. Die Kinder sind teils von Zeller selbst, teils von Geistlichen ausgewählt worden. Alle sollten auf Staatskosten unterhalten werden, obwohl nur einige verwaist waren.

Am 17. November 1811 fand die Einweihung des Normalinstituts in Anwesenheit von Theodor von Schön, Präsident der Königlichen Regierung zu Gumbinnen, – später Oberpräsident in Danzig und Königsberg – statt. Im ersten Jahr seines Bestehens leitete es Zeller. Zu den Unterrichtsgegenständen gehörten Religion, Rechnen, Formen- und Größenlehre, Gesang, Schreiben, Turnen, Zeichnen und deutsche Sprache.

Besondere Aufmerksamkeit galt dem Gesang
Die Vermittlung der deutschen Sprache war gegliedert in Sprechübungen auf der Grundlage von Pestalozzis „Buch der Mütter“, Lesen, Rechtschreibung und Sprachlehre. Später kamen noch Geschichte, Erdkunde sowie Naturkunde hinzu. Besondere Aufmerksamkeit widmete man in Karalene mit vier Stunden wöchentlich dem Gesang. Herr von Fahrenheid auf Angerapp schenkte dem Institut einen Konzertflügel.

Das Turnen erfolgte mit größter Sorgfalt. Täglich standen dafür eineinhalb bis zwei Stunden zur Verfügung. Im Sommer diente das Baden der gesundheitlichen Kräftigung der Kinder und im Winter bildete der Eislauf eine beliebte und gesunde Beschäftigung.
Das einzige katholische Lehrerseminar Ostpreußens in Braunsberg wurde im früheren bischöflichen Schloss als staatliches Normalinstitut gegründet. Im Geiste Pestalozzis sollten darin Lehrer für die Volksschulen des Ermlandes herangebildet werden. Am 2. Juli 1811 fand die feierliche Eröffnung statt. Zu Beginn wurden 25 Zöglinge aufgenommen. Der gebürtige Breslauer Kornelius Burgund wurde zum Direktor ernannt. Ab 1814 führte es die Bezeichnung „Königliche Erziehungsanstalt“ und ab 1825 „Schullehrerseminar“. Ihm wurde ein Jahr zuvor eine Übungsschule angegliedert.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts wurden in Ostpreußen insgesamt 15 Lehrerseminare gegründet.


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Kommentare

Kersti Wolnow am 09.10.23, 11:43 Uhr

Wenn ich hier lese, wieviel Mühe, Gedanken und Finanzen preußische Herrscher dem Nachwuchs widmeten, kommt angesichts der bundesdeutschen Bildungsmisere, die seit 1945 in der bRD planmäßig herbeigeführt wird mit Lehrplaninhalten, die ein moralisch normaler Mensch nicht mittragen kann, sehr große Bitterkeit auf. Innerhalb von 2 Generationen fuhren hier Funktionäre ein vorbildliches Bildungssystem in den Keller. Sexspiele statt Kräuterkunde, Verunsicherung in Rechtschreibung und Grammatik, Geschmiere statt Schönschrift.
Da wünscht man sich wieder eine Monarchie.

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