22.04.2021

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Corona-Folgen

Die Armut kehrt nach Russland zurück

Sanktionen und die Pandemie haben zu einem Wirtschaftsabschwung geführt. Kritik an der Regierung wegen fehlenden Krisenmanagements

Manuela Rosenthal-Kappi
27.11.2020

Der November ist der schlimmste Monat der Corona-Krise für Russland: Die Zahl der Neuinfektionen liegt seit Wochen über 20.000 täglich, die Zahl der Todesfälle erreichte knapp 35.000. Die russische Zen-tralbank meldet für dieses Jahr einen Wirtschaftsabschwung von vier bis fünf Prozent. Der Wirtschaftsrat unter Leitung des Finanzexperten Alexej Kudrin befürchtet, dass entgegen der positiven Prognosen der Regierung nur ein jährliches Durchschnittswachstum von rund zwei Prozent in den Jahren 2021 bis 2023 erreicht werde. Ohne die von ihm seit Jahren geforderten Reformen könne das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sogar nur bei 1,5 bis zwei Prozent liegen. Kudrin hält die derzeitige Krise für schlimmer als die von 1998 und 2009.

Schlimmer als 1998 und 2009

Ein ähnlich düsteres Bild malt Andrej Belousow, Vizeministerpräsident und zuvor Wirtschaftsberater des Präsidenten. Er hält die geringe Produktivität russischer Arbeitskräfte für eines der großen Probleme. Sie liege zwei- bis zweieinhalbfach unter dem Niveau höher entwickelter Länder. Grund dafür sei, dass die Betriebe aus sozialen Gründen Beschäftigte in schlecht bezahlten Positionen hielten, die eigentlich überflüssig seien. Würden diese entlassen, könnten 16 bis 36 Millionen Menschen arbeitslos werden. Um diese aufzufangen, sei ein umfangreiches Weiterbildungsprogramm nötig. Darüber hinaus müssten Anreize zur Mobilität geschaffen werden sowie kleine und mittlere Betriebe gefördert werden. Ebenso wie Kudrin mahnt Belousow strukturelle Reformen an: „Der Kampf gegen die Armut erfordert enorme Investitionen in fast alle Wirtschaftssektoren."

Die Kosten der von der Regierung angekündigten Anti-Krisen-Maßnahmen werden auf umgerechnet 71 Milliarden Euro geschätzt. Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung sowie Infrastrukturmaßnahmen im Straßenbau sollen vorangetrieben werden. Zusätzlich sollen gezielte Einzelsubventionen helfen, ein Wachstum des BIP von drei Prozent zu erzielen.

Nicht erst seit der Corona-Pandemie steht die russische Wirtschaft unter Druck. Jahrelang wurde die Diversifizierung der Wirtschaft vernachlässigt. Zu lange hat sich der Staat auf den Gewinnen des Öl- und Gasexports ausgeruht. Erst die Sanktionen des Westens infolge der Ukrainekrise hatten zu einer Förderung anderer Branchen wie der Landwirtschaft geführt. Mit Erfolg: Im vergangenen Jahr war Russland der weltweit größte Weizenexporteur.

Große Hoffnungen liegen derzeit auf dem russischen Corona-Impfstoff Sputnik V. Russland wirbt seit Monaten mit seinen Vakzinen und hat mit EpiVacCorona einen zweiten Impfstoff auf den Markt gebracht. Auf die angekündigte Massenimpfung warten die Russen dennoch vergeblich. Das hat verheerende Folgen: Schon Ende September waren laut Gesundheitsministerium die 130.000 Intensivbetten zu 90 Prozent belegt. In einzelnen Regionen stehen so wenig Betten zur Verfügung, dass nicht Ausgeheilte entlassen werden, um Platz zu machen. Nicht viel besser sieht es in Moskau aus, wo wegen überfüllter Kliniken im Krylatskie Eispalast ein Ausweichhospital eingerichtet wurde.

Grund für die Verzögerung beim Impfstart ist, dass Russland geeignete Fabriken zur Massenproduktion schlichtweg fehlen. Zirka 70 Millionen Impfdosen wären nötig, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen, doch bislang werden Impfstoffe nur in Forschungsinstituten in kleinen Mengen hergestellt. Wladimir Putin wirbt indessen im Ausland für Sputnik V. Länder, die bereits Interesse bekundet haben wie zuletzt Ungarn, werden diesen in Lizenz in eigenen Werken herstellen.

Fabriken für Impfstoff fehlen

Die Bevölkerung bekommt die Folgen der Corona-Krise immer deutlicher zu spüren. Viele verloren bereits während des Lockdowns im Frühjahr ihre Arbeit, andere müssen dazuverdienen, um bei gestiegenen Preisen ihren Lebensstandard halten zu können. In einer Umfrage gaben 48 Prozent der Befragten an, dass sie einen Zweitjob suchen. Beliebt sind Stellen im Lager oder in der Verwaltung. Auch Fahrer, Babysitter, Kassierer oder Kellner sind gern ausgeübte Tätigkeiten. Zu 30 Prozent sind es junge Leute im Alter von 18 bis 25 Jahren, die dazuverdienen müssen. Ein Drittel gab die Verschlechterung ihrer materiellen Lage als Grund an.

Putin gerät angesichts des Fehlens eines erkennbaren Krisenmanagements unter Druck. Es gab Gerüchte, er werde im Januar zurücktreten und wolle seine Tochter Katerina Tichonowa zu seiner Nachfolgerin machen. Mal heißt es, er habe Parkinson, mal, er sei an Krebs erkrankt. Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow dementierte alle Gerüchte.

Russlands Anteil an der Weltwirtschaft sinkt, der Lebensstandard bleibt trotz der Erfolge der vergangenen 20 Jahre auf niedrigem Niveau. Die Zahl der Armen liegt bei 20 Millionen. Offiziell gibt es 4,8 Millionen Arbeitslose. Durch die Pandemie sind weitere 1,25 Millionen als arbeitssuchend gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte sogar bei acht Millionen liegen. Von Armut sind vor allem Kleingewerbetreibende und Familien bedroht. Putins Ziel, Russland zu einer der fünf weltweit führenden Volkswirtschaften zu entwickeln, hat er verfehlt. Seine Programme zur Verbesserung des Lebensstandards hat er auf das Jahr 2030 verschoben.



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Kommentare

Jan Kerzel am 06.12.20, 17:25 Uhr

Dass ein Land mit unendlicher Fläche, unendlichen Rohstoffen und einer relativ geringen Bevölkerungszahl wirtschaftlich einfach nicht auf die Beine kommt, wird ein Mysterium bleiben. Irgendwas ist immer , dass es eben gerade mal wieder nicht klappt. Strukturelle und ideologische Dogmen werden weiter tradiert, zwecks Machtsicherung. Die Bevölkerung sieht das sehr wohl, aber sie ist ohnmächtig und machtlos. Der Wunsch nach Auswanderung ist stark verbreitet, auch dies ein Zeichen, dass man wenig Perspektive und Hoffnung hat.

sitra achra am 29.11.20, 11:59 Uhr

Wenn Nordstream 2 vollendet ist, wird alles anders!

Siegfried Hermann am 27.11.20, 12:44 Uhr

Ganz einfach wäre es, den ganzen Corona-fake sofort zu beenden.
Komischerweise zieht die Grippewelle-lockdown NUR über mit "Weißen" entwickelten Ländern. Wo bitte tobt die Coronawelle in Afrika? Nigeria mit seiner Sondermülldeponie mal ausgenommen. Nirgends! Tobt das Virus in Indien? Nirgends!
In China sind aktuell dicht gedrängt (!) 600 Mio. Leute unterwegs. Corona? Fehlanzeige! Arabien? Fehlanzeige! Lateinamerika? Fehlanzeige! Bis auf die
mit 10.000 US-Dollar mit faustgroßen Kalaschnikow-Einschusslöchern prämierte "Corona-Toten". KEINE Pandemie weit und breit in Sicht.
Warum nur bei uns???
Harvard-Professor Noel Ingnatiev und seine kruden Weltansichten. Und seine Huldiger wie unsere absolutistisch herrschende Corona-Diktatorin, oder 100% Betrüger (link DT) Biden.
Zurück:
Putin hat an der Misere kaum Schuld. Xipeng um so mehr! Also ist russisches Improvisationstalent gefragt. Die Mengen an Arbeitslosen in Infrastrukturprojekte in Brot und Arbeit zu bringen ist gar nicht verkehrt (Reichsarbeitsdienst und KdF lässt grüßen), zumal es jede Menge Arbeit dort gibt. Finanziert muss das in der heutigen Situation eben über Schulden, aber bitte nicht von dieser elendigen globalen Finanzelite, die ganz tief im Corona-Sumpf verstrickt ist. Putin könnte Rohstoff-Bons, allerdings zum Marktwert, ausgeben. Natürlich geht das! Im Gegensatz zum Merkel hat Putin 15 Jahre beste Arbeit geleistet. Die Staatsverschuldung ist im Gegensatz zu uns unverschämt niedrig. Devisenreserven reichlich. Die Rohstoffquellen im eigenen Land unerschöpflich und werden mit jeden Tag nur teurer fürs Ausland.
Arbeitsmarkt.
Naja: Aus einen Dorfesel lässt sich kein Rennpferd machen! Da kann man noch so viel "Fortbildungen" machen. Also muss hier für ein zweiter, dritter, vierter Arbeitsmarkt her. Das ist in der Summe noch immer besser und billiger als endlose Vodkaleichen wie zu Jelzin`s Zeiten.
Die Russen haben schon gänzlich schlimmere Zeiten hinter sich. Die einzigen, die jetzt auf hohen Niveau jammern sind die asoziale Emporkömmlinge, die ihre Felle davon schwimmen sehen. Für den Rest der hart arbeitenden Bevölkerung und Kleinstunternehmer wird Putin so etwas aus dem Hut zaubern, ähnlich wie die KfW, installieren, mit dem Unterschied, das dies nur für Russen zu Gute kommt.
Also werden die Russen eher mit einen blauen Augen und etwas Auah davon kommen. Hier hingegen sieht die Lage dramatisch aus!

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