04.02.2023

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Schiffbau

Die Beton-Schiffe aus Pommern

In Ostswine am Oderhaff und Rügenwalde in Hinterpommern wurden einst revolutionäre Boote gebaut

Martin Stolzenau
05.12.2022

Die Firma „Dyckerhoff & Widmann“, die 1865 in Karlsruhe unter dem ursprünglichen Namen „Cementwarenfabrik Lang & Cie.“ gegründet worden war und dann als großer deutscher Baukonzern „Dywidag“ mit zahlreichen internationalen Tochtergesellschaften deutsche Baugeschichte schrieb, gehörte weltweit zu den „Pionierunternehmen des Bauens mit Stampfbeton, Stahlbeton und Spannbeton“. Die lange Palette der diesbezüglichen Pionierleistungen reichte von der Entwicklung der Schalenbauweise in Stahlbeton und des Spannbeton-Freivorbaus über den Bau der Jahrhunderthalle in Breslau, die seit 2006 zum Weltkulturerbe gehört, bis zur Herstellung von Schiffen aus Beton im Zweiten Weltkrieg.

Die „Dywidag“ ist heute ein Teil des weltweit agierenden „Strabag-Konzerns“. Der Schalenschiffbau aus Beton erfolgte einst nach Gründung des speziellen Zweiges namens „Schalenschiffbau“ vor 80 Jahren vor allem in den Bauwerften für Betonschiffe in Ostswine am Oderhaff und Rügenwalde in Hinterpommern.

Konstrukteur Finsterwalder

Eine Schlüsselrolle spielte dabei der Ingenieur Ulrich Finsterwalder, der nach der Entwicklung und Herstellung von Bootskörpern aus Leichtbeton während des Zweiten Weltkrieges in der Nachkriegszeit durch die Entwicklung freitragender Schalendächer aus Spannbeton sowie spektakuläre Brückenbauten internationale Bekanntheit erlangte. Seine Schwarzwaldhalle in Karlsruhe gilt bis heute als bautechnische Glanznummer.

Seine Leistungen im Beton-Schiffbau sind allerdings inzwischen weitgehend vergessen. Doch ein bis heute intaktes Betonschiff, das in Ostswine erbaut wurde, seine Endausrüstung auf der Klotzwerft in Swinemünde erhielt und nach 1945 von der Oder in die Warnow gebracht wurde, liegt heute unter dem Namen „Capella“ als Bestandteil des Rostocker Schifffahrtsmuseums nach umfassender Restaurierung im Stadthafen von Rostock. Es wird vielgestaltig für Ausstellungszwecke genutzt und kann besichtigt werden.

In Frankreich und in den USA experimentierte man schon im 19. Jahrhundert beim Schiffbau mit Beton. In Deutschland sind erste diesbezügliche Versuche für die Zeit nach 1908 nachgewiesen. Das kulminierte im Zweiten Weltkrieg, als Stahl immer knapper wurde. Deshalb richtete man 1940 in Nußdorf bei Wien ein „Reichsamt für Wirtschaftsaufbau“ ein, das zunächst mit der Spantenbauweise des Stahlschiffbaus experimentierte. Allerdings ohne Erfolg. Erst die Nutzung der von der Firma „Dywidag“ entwickelten Schalenbauweise unter dem Ingenieur Finsterwalder brachte den Durchbruch.

Schiffe aus Leichtbeton

Die Dywidag wurde von der Wehrmacht zum Hauptauftragnehmer erhoben. Ein Extra-Werft-Zweig wurde gegründet und vor allem in Pommern angesiedelt. Finsterwalder wurde als Chefentwickler für den Betonschiffbau vom Kriegseinsatz freigestellt. Dieser Ingenieur wurde am 25. Dezember 1897 in München geboren, war der Sohn eines Mathematikprofessors und studierte nach dem Abitur und Kriegseinsatz im Ersten Weltkrieg an der TH in München Bauingenieurwesen. Er fungiert zuerst als Tragwerksplaner bei der Firma „Dywidag“, entwickelte zusammen mit Franz Dischinger dünne Kuppelschalen, wie sie bis heute als Dach der Markthalle in Basel beeindrucken, und stieg nach seiner Promotion 1930 zum Leiter des Konstruktionsbüros der „Dywidag“ auf.

Finsterwalder machte Karriere, gehörte ab 1941 zur Geschäftsleitung und glänzte dann vor allem auch bei der Entwicklung von Schiffen aus Leichtbeton in Schalenbauweise. Der Aufsteiger war viel unterwegs, pendelte zwischen München und den Werften an der Ostsee und brachte den Bau von vier verschiedenen Schiffstypen aus Beton auf den Weg.

Dazu gehörten ein Motortankschiff mit 3770 Tonnen Tragfähigkeit, der Typ eines Frachtdampfers mit 3650 Tonnen, ein kleines Küstenmotorschiff und ein Leichter für Küstengewässer mit 1160 Tonnen Tragfähigkeit. Dazu gehörte das Küstenmotorschiff vom Typ Wiking für den Transport von Nachschub für die Wehrmacht. Davon sollten rund 50 Schiffe entstehen. Sie wurden hauptsächlich auf den Ostseewerften wie in Ostswine und Rügenwalde gefertigt.

Haben sich nicht bewährt

Doch letztlich kamen nur wenige Schiffe dieser Varianten bis zur Endausrüstung und zum Einsatz. Das Kriegsende nahte. Erhalten blieb allein das heute in Rostock als Museumsschiff dienende Betonschiff „Capella“.

Überliefert sind aber die Konstruktionspläne und Erfahrungsberichte der Ingenieure. Sie sagen aus, dass mit „diesen Schiffen ein Transportmittel geschaffen wurde, das schnell und kostengünstig produziert werden konnte und sich durch eine lange Lebensdauer und große Reparaturfreundlichkeit auszeichnete“. Doch in späteren Friedenszeiten erwiesen sich diese Schiffe wegen ihrer geringen Ladekapazität als unwirtschaftlich.

Finsterwalder, der maßgebliche Konstrukteur der Betonschiffe, fungierte ab 1949 in der „Dywidag“ als „persönlich haftender Gesellschafter“ und widmete sich vor allem dem Brückenbau. Er sorgte mit der Lahnbrücke in Balduinstein, der Nibelungenbrücke bei Worms über den Rhein und mit der 1965 fertiggestellten Bendorfer Rheinbrücke mit der damaligen Rekordspannweite für Spannbetonbalkenbrücken von über 200 Meter für spektakuläre Bauten, die ihm Ehrendoktorwürden und das Große Bundesverdienstkreuz eintrugen. Am 5. Dezember 1988 starb der Vater des Betonschiffbaus und spektakulärer Spannbetonbalkenbrücken in München.


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