21.10.2020

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Der erste „Brexit“ geschah laut Thomas Kielinger schon im 16. Jahrhundert, als Heinrich VIII. sich vom Papst lossagte, um seine Ehe-Angelegenheiten ohne Einmischung von außen nach eigenem Gutdünken regeln zu können: Jetzt sagt die Insel dem Kontinent erne
Foto: imago images/Christian OhdeDer erste „Brexit“ geschah laut Thomas Kielinger schon im 16. Jahrhundert, als Heinrich VIII. sich vom Papst lossagte, um seine Ehe-Angelegenheiten ohne Einmischung von außen nach eigenem Gutdünken regeln zu können: Jetzt sagt die Insel dem Kontinent erne

Im Gespräch mit Thomas Kielinger

„Die Briten haben eine DNA als Insel“

Der Brexit-Weg und seine Hintergründe: „Souveränität“ ist das entscheidende Stichwort

Bernd Kallina
30.01.2020

Thomas Kielinger, 1940 in Danzig geboren, lebt und arbeitet seit 1998 in Großbritannien, zunächst als Korrespondent der Tageszeitung „Die Welt", heute vermehrt als Autor viel beachteter Bücher zur britischen Historie. Er hat Biografien über Elisabeth II. und Winston Churchill geschrieben, auch einen Leitfaden zur Geschichte der Insel, die er in seinen Tiefendimensionen kenntnisreich beleuchtet und sie immer wieder Interessierten gerne erklärt. Als er unlängst in Bonn beim 74. Godesberger Pressestammtisch den „Brexit-Weg" thesenartig vortrug, gab er, daran anknüpfend, der PAZ ein Interview.

Herr Kielinger, Anfang der 1970er Jahre vernahmen Sie einen „Hauch vom geeinten Europa, der die Züge umgab, die den Englandreisenden nach Ostende, den ‚port of embarkartion' transportierten". Das schrieben Sie damals in den „Neuen Deutschen Heften" nach dem Besuch der Insel. Welchen Hauch verspüren Sie heute, fast 50 Jahre später?

Thomas Kielinger: Kein geeintes Europa drängt sich heute an den Küsten der Insel, um hereingelassen zu werden. Geeint? Schauen Sie auf den Zustand der EU und sagen Sie mir, wie geeint er Ihnen vorkommt. Auch ist die Stimmung auf der Insel seit dem Brexit umgekippt, ein alter Reflex kehrt zurück und wehrt sich gegen zu viel Einwanderung. Wenn das nur nicht in Xenophobie umschlägt!

In Ihren Beiträgen zur Lage der Briten heben Sie immer wieder deren DNA als Insel hervor. Das Land sei wesentlich vom Meer geprägt. Was ist daran das Typische?

Dass die Geografie ein Land entscheidend beeinflusst. Eine Insel ist etwas anderes als ein Kontinent, man könnte sie auch als ein Opt-Out zum Kontinent bezeichnen. Das Inselvolk hat in den letzten etwa 900 Jahren eine andere Biografie durchlaufen als das kontinentale Europa, und zwar abseits der zum Teil mörderischen Verdrängungskriege auf dem Festland. Sein Elexier ist die See. Man hatte, was vielen unbekannt sein dürfte, auf der Insel auch lange kein festes Heer gekannt, eigentlich erst seit Oliver Cromwell im 17. Jahrhundert. Nicht mit einem Heer sahen die Menschen ihre Sicherheit geborgen, sondern in der Navy.

Wenn Sie eine vergleichende Brücke zur anderen Prägung der Kontinental-Europäer schlagen, zu den Deutschen beispielsweise, was fällt Ihnen dabei an Unterschieden im politisch-historischen Denken auf?

Ein lineares Fortschrittsdenken in Politik und Geschichte, wie es zum Beispiel bei Helmut Kohl in seiner „Krieg-und-Frieden-Rede" im belgischen Löwen 1996 zum Ausdruck kam, in dem er die Unumkehrbarkeit der EU beschwor, ist den Briten eher fremd. Damals begannen wir schon die Briten zu verlieren. Robinson auf seiner Insel ist anders gepolt: Jeder Tag ist eine neue Herausforderung für Versuch und Irrtum, für „trial and error". Geschichte ist offen, nicht unumkehrbar. Der deutsche Begriff „Gesamtkonzept" ist dem britischen Denken unverständlich, das sich eher am Prinzip der Opportunität orientiert. George Orwell, in „England Your England" schrieb 1941: „The English are not intellectual." Sie haben einen Horror vor abstrakten Gedanken, sie empfinden keine Notwendigkeit für irgendeine philosophische oder systematische „Welt-Sicht". Anders als der kontinental geprägte Land-Mann ist das seefahrende Volk der Briten, wie Ernst Jünger in seinen „Strahlungen" schrieb, „an größere Schwankungen gewöhnt."

Nun könnte man einwenden, dass gerade das Brüssel-Europa der EU für die Briten doch genügend „größere Schwankungen" bereitgestellt hatte. Und dennoch der Austritt. Warum?

Souveränität ist das operative und somit entscheidende Stichwort, das hier im Zusammenhang mit dem Brexit genannt werden muss. Um ihrer Willen bringen die Briten sogar die absehbaren Opfer möglicher wirtschaftlicher Einbußen. Als David Cameron im Januar 2013 in einer Rede bekannt gab, er werde 2016 ein Referendum über Großbritannien in der EU abhalten, trat er mit patriotischem Stolz vor seine Zuhörer: „Unsere Psychologie wurde von der Geografie geprägt. Wir haben den Charakter einer Inselnation, unabhängig, geradeheraus, leidenschaftlich in der Verteidigung unserer Souveränität. Wir können diese britische Empfindlichkeit genauso wenig ändern wie den Ärmelkanal abfließen lassen." Man wundert sich nachträglich, wo der Premierminister die Zuversicht hernahm, den Wählern die fortgesetzte Teilnahme an und in der EU empfehlen zu können. Mit Vokabeln wie „leidenschaftlich in der Verteidigung unserer Souveränität", „Psychologie, von der Geografie geprägt", „Inselnation, unabhängig", „britische Empfindlichkeit" – alles Begriffe, die ein Nigel Farage von der Ukip-Partei nicht besser hätte artikulieren können.

Das heißt, dass man sich auf der Insel nicht unwiderruflich von Brüssel aus hineinregieren lassen will, oder?

Genau das ist der Knackpunkt! Verträge mit Staaten ohne ein Zurück kennt die britische Geschichte nicht. Schon gar nicht die Teilung von Souveränität mit einer Institution auf dem Kontinent, dem Europäischen Gerichtshof. Im Jahre 2016 eine dieser Geschichte widersprechende Entscheidung treffen zu sollen und sich unwiderruflich an die EU zu binden war und ist für viele Briten geradezu eine Einladung, entschieden Nein zu sagen. Also: für den Brexit zu stimmen. Aber man muss beachten, dass das britische Nein im Wesentlichen ein englisches Nein war. In Schottland liegt die Sache bekanntlich ganz anders, die Schotten stimmten mit großer Mehrheit für die EU, was geradezu ein Auseinanderbrechen des Vereinigten Königreichs heraufbeschwört.

Manche Beobachter vermuten ja das Empire, das im Unterbewusstsein der Briten nostalgisch wie eine Art „Phantomschmerz" für den Brexit spukt, als wichtigen Grund für die Distanz zum EU-Europa. Und Sie?

Die Quelle liegt woanders. Sie liegt, wie schon gesagt, in der Souveränität einer Inselnation, in der Idee der „freien Hand", die schon Heinrich VIII. bewog, die Union mit dem Papst aufzukündigen, weil er sich in der Frage der englischen Thronfolge nicht von einem auswärtigen Herrscher hineinregieren lassen wollte: Wenn ein männlicher Erbe zur Sicherung der Tudor-Herrschaft vordringlich war, musste der Bann der römischen Kirche gegen Scheidung zurücktreten. Das war, wenn Sie so wollen, der erste Brexit der englischen Geschichte. Immer wieder sprach der König von seinem Reich als einem „empire entire unto itself" – modern übersetzt: als einem Reich auf eigene Rechnung. Es sollte unter Elisabeth, seiner Tochter, einen ersten Höhepunkt erreichen. Zur „freien Hand" in Fragen der Kirche trat die „freie Hand" in allen Bereichen der Politik und des Handels.

Auch die bei uns in Deutschland so vehement geführte Einwanderungs- und Migrationsfrage soll beim Brexit eine Rolle gespielt und die Insel in Nord und Süd gespalten haben. Stimmen Sie zu?

Ja, wobei allerdings der politische Graben auf der Insel nicht mehr zwischen Rechts und Links verläuft, sondern zwischen Gruppen, die sich unterschiedlich kulturell definieren. Der englische Norden, überwiegend weiß, widerspricht der Attitüde Londons und des Südens, die sich global gerieren und auf steigende Multikulturalität setzen. Sie sehen ihre traditionellen Gemeinschaften untergraben. „Take back control" war daher auch ein Weckruf gegen weitere unkontrollierte Einwanderung und die Dominanz der „citizens of nowhere", der Globalisten und Internationalisten – Bürgern quasi ohne Heimat.

Beim knappen Ausgang des Referendums von 2016 habe auch die Politik der offenen Grenzen von Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Rolle pro Brexit gespielt. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ja, durchaus. Zeithistoriker sind sich längst einig, dass die deutsche Öffnung der Grenzen im Herbst 2015 Öl ins Feuer der Euroskeptiker warf, die mit den Tausenden von Ankömmlingen verstärkte Propaganda gegen die EU machten, mit dem Unterton: Seht her, die sind nächstens alle bei uns, wenn wir in der EU bleiben. Es war ein Schlag mehr gegen die Hoffnung, das Referendum könnte eine Pro-EU-Mehrheit finden.

Herr Kielinger, wie wird die Johnson-Regierung mit der Nach-Brexit-Zukunft umgehen?

Johnson wird bald mit den harten Realitäten in seinem Land konfrontiert werden – der liegengebliebenen Agenda der Innenpolitik mit ihren riesigen Problemen, ob in der Altersversorgung, dem Wohnungsbau, dem Gesundheitsystem ganz allgemein. Er wird gezwungen werden, in Verhandlungen mit der EU um einen Freihandelsvertrag Kompromisse einzugehen. Er muss die bedrohte Einheit des Königreichs im Auge behalten, die zentrifugalen Kräfte, die auseinanderstreben. Ich beneide ihn nicht um seine Aufgabe.



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