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Republikanische Sinnstiftung: Am 11. August 1922 bestimmte Reichspräsident Friedrich Ebert das „Lied der Deutschen“ zur offiziellen Nationalhymne Deutschlands
Foto: imago images/United Archives internationalRepublikanische Sinnstiftung: Am 11. August 1922 bestimmte Reichspräsident Friedrich Ebert das „Lied der Deutschen“ zur offiziellen Nationalhymne Deutschlands

Leitartikel

Die Deutschen und ihr Lied

René Nehring
07.08.2022

Am 11. August 1922 bestimmte Reichspräsident Friedrich Ebert das „Lied der Deutschen“ aus der Feder des Heinrich Hoffmann von Fallersleben zur offiziellen Nationalhymne Deutschlands (siehe Seite 10). Es war der dritte Verfassungstag der noch jungen Weimarer Republik, deren führende Repräsentanten bemüht waren, den demokratischen Nationalstaat sowohl in die Traditionslinien deutscher Geschichte einzureihen als auch dessen eigenständigen Charakter innerhalb dieser Geschichte zu betonen. Deshalb auch wurde weder Ernst Moritz Arndts „Was ist des Deutschen Vaterland?“ noch Max Schneckenburgers „Wacht am Rhein“ noch das „Heil dir im Siegerkranz“ der Hohenzollernmonarchen zur Hymne bestimmt, sondern das Lied der demokratischen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts.

Mit dem Ende der Republik von Weimar war auch das „Lied der Deutschen“ fast schon wieder Geschichte. 1933 bestimmten die neuen Machthaber, dass von der Hymne nur noch die erste Strophe zu spielen sei und im direkten Anschluss daran das „Horst-Wessel-Lied“ der NS-Bewegung zu erklingen habe. Im Mai 1952 einigten sich Bundeskanzler Konrad Adenauer und Bundespräsident Theodor Heuss darauf, dass das „Lied der Deutschen“ wieder Nationalhymne sei, bei offiziellen Anlässen jedoch nur dessen dritte Strophe gesungen werden solle. Und nach der Einheit von 1990 bestimmten Kanzler Helmut Kohl und Bundespräsident Richard von Weizsäcker, dass nur noch die dritte Strophe Nationalhymne ist.

Misstrauen gegen die eigene Nation

Schon diese wenigen Daten zeigen, dass das „Lied der Deutschen“ – wie auch die Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold – immer ein Symbol der Freiheit und der Demokratie war und keines der absoluten Fürstenherrschaft oder gar der Diktatur. Und anders als etwa die „Marseillaise“ der Franzosen, in der es unter anderem heißt, „unreines Blut tränke unsere Furchen“, war und ist es kein Lied, das andere Völker bedroht, sondern vielmehr die Einheit der eigenen Nation über alles stellt (vor allem über den Partikularismus) – sowie „Einigkeit und Recht und Freiheit“ als „des Glückes Unterpfand“ bezeichnet. Geht es schöner – und vor allem friedlicher?

Von diesem Bewusstsein scheint hundert Jahre später kaum etwas geblieben. Zwar wehen die Nationalfarben Tag für Tag über dem Reichstag und wird das „Lied der Deutschen“ bei offiziellen Anlässen routiniert gespielt – doch achten insbesondere Eliten in Politik und Medien darauf, dass die Symbole der Nation nicht allzu populär werden. Bezeichnend hierfür war der Abend der Bundestagswahl 2013, als Bundeskanzlerin Angela Merkel ihrem treuen Gefährten Hermann Gröhe entsetzt eine kleine Deutschlandflagge aus der Hand riss, die jener zum Jubeln mit auf die Bühne nehmen wollte. Wäre so etwas je in Frankreich, Italien, Polen oder in den USA denkbar?

Was deutsche Eliten umtreibt, ist ein permanentes Misstrauen gegenüber der eigenen Nation – die Sorge, die Deutschen könnten durch einen allzu überschwänglichen Gebrauch ihrer nationalen Symbole wieder zurück zu jenem Nationalismus finden, der sie im 20. Jahrhundert zweimal in den Abgrund geführt hatte.

Mehr als ein Dreivierteljahrhundert nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der NS-Diktatur stellt sich gleichwohl die Frage, wie lange dieser Grundverdacht noch aufrechterhalten werden soll? Seit Gründung der Bundesrepublik betreiben die Deutschen ein stabiles demokratisches System, in dem freie Wahlen samt Regierungswechseln eine Selbstverständlichkeit sind und selbst neue oppositionelle Kräfte entstehen konnten. Die Deutschen von heute sind eines der angesehensten Mitglieder der Vereinten Nationen und beteiligen sich auf vorbildhafte Weise an deren verschiedensten Missionen. Und sie gehören zu den größten Trägern der internationalen Entwicklungs- und Flüchtlingshilfe. Wie viel Zeit soll eigentlich noch vergehen, bis sie wieder ohne Unterstellungen ihre Hymne singen und ihre Flagge zeigen dürfen?

Die Funktion nationaler Symbole

Ein ganz anderer Aspekt ist die Funktion, die Symbole wie die Hymne oder die Flagge für eine Nation haben. Anders als es die Kritiker wahrhaben wollen, dienen diese Symbole keiner rückwärtsgewandten Folk-lore – sondern sind elementare Bestandteile der politischen Identität einer Nation. Oder anders: Ohne eine sinnstiftende Symbolik gibt es keine Gemeinschaft.

Die Bundesrepublik Deutschland hat sich seit den Tagen des Wirtschaftswunders weniger über patriotische Überlieferungen definiert als vielmehr über ihre wirtschaftlichen Erfolge. Vor dem Hintergrund der totalen Niederlage des Jahres 1945 – und auch im Vergleich zu den armen Brüdern und Schwestern im Osten – leuchtete die Gegenwart für viele Deutsche Jahrzehnte lang in den schönsten Farben. Mochten sich andere Nationen auch über ideelle Güter wie ihre Geschichte und Sprache definieren – die Gesellschaft der Bundesrepublik definierte sich mehr und mehr über materielle Werte wie die Zahl der verkauften Autos oder der gebauten Eigenheime – oder die Stärke der Deutschen Mark. Und wo die Vorfahren stolz waren auf gewonnene Schlachten und Kriege waren die Bundesdeutschen stolz auf ihren lange Zeit innegehabten Status als „Exportweltmeister“.

Doch was, wenn der Wohlstand selbst Geschichte wird? Seit Jahren schon sind Schulen, Verwaltungsgebäude und die öffentliche Infrastruktur marode. Gerade stellt die Politik mit Blick auf die hohen Inflationsraten und die drohende Energieknappheit die Bürger darauf ein, dass auch in ihrem privaten Umfeld die guten Zeiten vorbei sein könnten. Was also, wenn der gemeinsame Wohlstand als Sinnstifter der bundesrepublikanischen Gemeinschaft wegbricht?

Gesellschaft braucht Sinnstiftung

Der Staats- und Verwaltungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde hat vor Jahrzehnten den Satz geprägt, dass gerade der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann. Seit dem Verlust der Bindungskraft des Christentums und damit des Gottesgnadentums als Herrschaftsgrundlage sowie seit der parallel dazu erfolgenden Aufwertung der individuellen Freiheitsrechte der Bürger fehlen wesentliche Kräfte, die zuvor Gemeinschaft gestiftet haben. Wenn es um die Bereitschaft geht, Gesetzen zu folgen und Steuern zu zahlen, und erst recht, wenn es darum geht, sich zum Wohle des Gemeinwesens mildtätig zu engagieren und untereinander Solidarität zu üben, ist der moderne Staat essentiell auf die freiwillige Mitwirkung seiner Bürger angewiesen. Und diese ist umso größer, je mehr sie den Staat als den ihren empfinden.

Insofern kann es vor dem Hintergrund der aktuellen Nöte sein, dass die Eliten dieses Landes schon bald sehr froh darüber sind, dass sich die Deutschen noch immer untereinander – und erst recht gegenüber ihrem Staat – verbunden fühlen. Und dass sie noch immer ihre alte Hymne singen und ihre Flagge schwingen, die jener Verbundenheit einen sichtbaren Ausdruck verleihen.



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Kommentare

Waffenstudent Franz am 10.08.22, 09:36 Uhr

Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 bis 1874)

An Israel


Du raubest unter unsern Füßen
uns unser deutsches Vaterland:
Ist das dein Leiden, das dein Büßen?
Das deines offnen Grabes Rand?
O Israel, von Gott gekehret,
hast du dich selbst zum Gott gemacht
und bist, durch diesen Gott belehret,
auf Wucher, Lug und Trug bedacht.
Willst du von diesem Gott nicht lassen,
nie öffne Deutschland dir sein Tor.
Willst du nicht deine Knechtschaft hassen,
nie ziehst du durch der Freiheit Tor.


Unpolitische Lieder. 1840–1841

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