27.02.2024

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Verbindung zwischen Uplick- und Sdusnosee: Die Stelle, an der das vermutliche Steinzeitgrab entdeckt wurde
Foto: Bildarchiv OstpreussenVerbindung zwischen Uplick- und Sdusnosee: Die Stelle, an der das vermutliche Steinzeitgrab entdeckt wurde

Masuren

Die Entdeckung eines Steinzeitgrabes

Der ostpreußische Forscher Adalbert Bezzenberger beschrieb einen ungewöhnlichen Fund während des Ersten Welktriegs

30.01.2024

Der Sprach- und Vorgeschichtsforscher Adalbert Bezzenberger, von 1891 bis 1916 Direktor des Prussia-Museums, war zugleich Herausgeber der Sitzungsberichte der Altertumsgesellschaft Prussia. Felix Ernst Peiser wurde 1916 Nachfolger von Bezzenberger als Vorsitzender der Altertumsgesellschaft Prussia.

Nach der zwischen dem 7. Februar und dem 22. Februar in Masuren stattgefundenen Winterschlacht wurde am 17. März 1915 das Prussia-Museum von dem stellvertretenden Generalkommando in Allenstein durch Fernruf benachrichtigt, dass bei Befestigungsarbeiten in der Johannisburger Forst unweit der Station Puppen ein vorgeschichtlicher Fund gemacht sei, welcher die sofortige Entsendung eines Sachverständigen erwünscht erscheinen lasse. Zugleich wurde mitgeteilt, dass die Bahnstrecke frei, und der Bauleiter der Befestigungsarbeiten, Herr Korallus, mit den erforderlichen Anweisungen versehen sei. Fahrtausweise seien von der Königsberger Linienkommandantur zu erbitten.

„Obgleich die Angaben über den Fund Zweifel an seiner Bedeutung erregten, und die Witterungsverhältnisse (scharfer Frost bei tiefem Schnee) einer Bodenuntersuchung sehr ungünstig waren, gab es für Herrn Peiser und mich doch kein langes Besinnen, bot uns doch die Nachricht des Generalkommandos neben der Möglichkeit einer vorgeschichtlichen Feststellung die Gelegenheit, den frischen Spuren der masurischen Winterschlacht nahe zu kommen! Unverzüglich besorgten wir also alles Nötige und fuhren am Abend des 18. März ab.“

Untersuchung bei starkem Frost
„Bis Lötzen war vom Kriege nichts zu merken, aber unsere Hoffnung, dort ein paar Stunden schlafen zu können, ging nicht in Erfüllung, denn der Zugang zur Stadt, dem damaligen Quartier Hindenburgs, war gesperrt, der Bahnhof aber übervoll von Feldgrauen, die in allen erdenklichen und undenkbaren Stellungen rasteten. So behalfen wir uns denn mit einem leeren Plätzchen im stickluftigen Zimmer des Bahnhofskommandanten, brauchten aber erfreulicherweise nur etwa zwei Stunden zu warten, denn der Führer eines leeren Güterzuges erklärte sich bereit, uns in seinem Gepäckwagen bis Johannisburg mitzunehmen, und wir gingen hierauf umso lieber ein, als wir dadurch in die Gesellschaft einiger Leute kamen, welche die schweren Tage der Russeneinfälle und -Kämpfe als Augenzeugen erlebt hatten.

Anfangs war durch die winzigen Fensterchen unseres Wagens nichts zu erblicken, aber allmählich traten bald rechts, bald links vom Bahndamm aus dem Morgengrauen zerschossene Gehöfte, Reste von Stacheldrahtverhauen und Schützengräben hervor, und in Arys lagen bei Tageslicht die Trümmer des von den Russen gesprengten Wasserturmes vor uns. Von diesen stumm sprechenden Zeugen abgesehen, war aber die Landschaft vollkommen tot: kein Mensch, kein Schlitten, keine Rauchsäule, selbst Krähen ließen sich nicht blicken.

In Johannisburg, wo wir unseren Zug verlassen mussten, waren Uhr, Türen und Zensier des Bahnhofsgebäudes durch Flintenkugeln zerschossen, aber ein Warteraum war geheizt und unser Aufenthalt von erträglicher Dauer. Ein Militärzug, der eine Artillerieabteilung von Suwalki her beförderte, nahm uns mit und brachte uns in anderthalb Stunden nach Puppen, wo wir von Herrn Korallus mit Fuhrwerk erwartet wurden, die unverzüglich ausgeladene Artillerie aber sich in Marsch setzte. In leichtem Schneetreiben verschwand sie in der Richtung auf Przasnysz, aus welcher bis in die sinkende Nacht Kanonendonner herüberrollte.

Die Stelle, zu der wir geführt wurden, liegt auf dem Dienstlande der Försterei Waldersee (früher Koczek) nahe dem Zusammenstoß des Uplick- und des Sdrusno-Sees, nordnordöstlich von der hier befindlichen Brücke (früher Fähre), über welche die Straße Gr. Kurwig – Waldersee – Alt-Kelbonken führt, und zwar 80 Meter nördlich von der Westecke des Forsthauses und 25 Meter östlich von der Mitte des Weges, dicht am Wasser des Uplicksees. Ihre Höhe über dem Wasserspiegel mag fünf Meter, wenn nicht mehr, betragen haben. Auf der Generalstabskarte ist an ihrer Stelle ein kleiner Hügel eingezeichnet.

Hier hatte man begonnen, hinter einem bereits ausgebauten gedeckten Schützengraben einen zweiten herzurichten und war hierbei auf den Fund gestoßen, der unsere Fahrt veranlasst hatte. Worin er tatsächlich bestand, war aus der uns gewordenen, aber von uns selbst nicht entgegen genommenen telephonischen Nachricht nicht zu entnehmen gewesen, und so waren wir denn sehr angenehm überrascht, als uns ein stattlicher, gut geglätteter schwarzer Steinhammer aus Diabas (nach Herrn Prof. A. Bergeat) mit Zylinderbohrung übergeben und gesagt wurde, dass er bei einem Skelett gefunden sei.

Die hierdurch in uns erweckten Hoffnungen gingen indessen leider nicht ganz in Erfüllung, denn bei steilem Abstechen der Grabenwände waren die Ruhestätte des Skelettes und es selbst schwer beschädigt. Überdies war der Boden über einen Meter tief so festgefroren, dass wir fast daran verzweifelten, in ihm arbeiten zu können. Da aber die Grabanlage unverzüglich vernichtet werden musste, wollten wir wenigstens versuchen, ihr Verständnis abzugewinnen, und wider Verhoffen ist uns das genügend gelungen.“

Gegenstände der jüngeren Steinzeit
Unter einer 20 Zentimeter dicken Humusdecke fanden die beiden Forscher in einer mit Kies und dunkler Erde gefüllten Grube menschliche Knochen, ein Feuersteinmesserchen, ein winziges Feuerstein-Spaltstück, eine Feuerstein-Spaltspitze, Scherben und Knochen eines Tieres. Der Zufall hatte Bezzenberger und Peiser an ein seltenes ostpreußisches Grab der jüngeren Steinzeit geführt.

„Den Rückweg nahmen wir über das furchtbar zerschossene Ortelsburg, vor dessen Bahnhof 1000 eben eingebrachte russische Gefangene standen, und von da führte uns ein überfüllter und ungeheizter Soldatenzug in nicht viel weniger als zwölf Stunden (im Frieden dauert die Fahrt noch nicht eine Stunde) nach Allenstein. Dort gegen Morgen eintreffend, fanden wir die Nachricht, dass Memel von den Russen genommen sei.“

Aus: Rabenauer Anzeiger vom 23. November 1918. „Ein masurisches Steinzeitgrab“ von Adalbert Bezzenberger in „Mannus. Zeitschrift für Vorgeschichte“. Zitiert nach Prof. Gustav Kosinna. X. Band. Leipzig und Würzburg, 1918.


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