15.07.2024

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Herta Heuwer

Die „Erfinderin“ der Currywurst

Paprika, Chili, Pfeffer – Beim Herumexperimentieren entwickelte die gebürtige Königsbergerin ein Erfolgsrezept

Wolfgang Kaufmann
31.03.2024

Am 4. September 1949 kam es zu einem Ereignis, das die Esskultur in Deutschland nachhaltig veränderte. Weil der Tag regnerisch war, verirrte sich kaum Laufkundschaft an den Imbissstand von Herta Heuwer an der Kantstraße/Ecke Kaiser-Friedrich-Straße in Berlin-Charlottenburg. Also begann die Schnellgastronomin, mit neuen Rezepturen zu experimentieren. So mischte sie unter anderem Tomatenmark mit geriebenem Paprika, Chili und Pfeffer sowie dem bis dahin hierzulande kaum bekannten indischen Gewürzpulver Curry und gab das Ganze dann über eine klein geschnittene Bratwurst aus der Schlachterei von Max Brückner in Berlin-Spandau. Damit kreierte Heuwer ihre erste „Spezial Curry-Bratwurst“, die sich späterhin zum Lieblings-Snack der Deutschen entwickeln sollte und der Hauptbestandteil von „Menüs“ ist, die fantasievolle Namen wie „Assi-Teller“, „Bottroper Schlemmerplatte“ oder „Bratwurst-Carpaccio“ tragen.

Die Erfinderin der 400-Kalorien-Köstlichkeit kam am 30. Juni 1913 als sechstes Kind des Bauunternehmers und Zimmermanns Hermann Pöppel und dessen Ehefrau Minna in Königsberg zur Welt. 1924 übersiedelte die Familie nach Berlin, wo Herta von 1929 bis 1932 eine kaufmännische Ausbildung absolvierte. Danach erlernte sie außerdem noch das Schneiderhandwerk und nahm an Haushalts- und Kochkursen teil. 1935 folgte die Heirat mit dem bei Siemens & Halske angestellten Feinmechaniker Kurt Emil Heuwer.

Im Jahr darauf begann Herta Heuwer, im Kaufhaus des Westens in Berlin-Schöneberg als Verkäuferin zu arbeiten. Nach Kriegsende war sie Trümmerfrau und engagierte sich bei der Berliner Küchenhilfe. Ab Anfang 1949 zog Heuwer dann mit einem Bauchladen durch die Stadt und verkaufte Buletten, bis sie im August des Jahres gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Schwager für 35 D-Mark den Imbissstand erwarb, in dem ihr kurz darauf die Erfindung der Currywurst gelang.

Streit über die wahre Urheberschaft
Dass die gebürtige Königsbergerin eine durchaus gewiefte Geschäftsfrau gewesen sein muss, zeigt sich darin, dass sie nicht versäumte, „Chillup“ als Bezeichnung für ihre „Spezial-Soße“ unter der Nummer 721319 als geschütztes Warenzeichen in die Zeichenrolle des Deutschen Patentamts eintragen zu lassen. Trotzdem entbrannte in den letzten Jahrzehnten periodisch Streit über die wahre Urheberschaft der Currywurst-Rezeptur.

So hieß es des öfteren, eine gewisse Lena Brückner aus Hamburg soll Heuwer um zwei Jahre zuvorgekommen sein, als sie versehentlich Curry und Ketchup miteinander vermengte.

Allerdings ist das eine vollkommene Fiktion, welche der Schriftsteller Uwe Timm ersann. Desgleichen stammt die Currywurst auch nicht aus dem Ruhrgebiet, obwohl sie dort quasi zum Nationalgericht avancierte. Und „Konnopke's Imbiß“ im Ost-Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, der ab 1930 bestand und ab 1960 ebenfalls legendär gewordene Currywürste servierte, kam sowieso viel zu spät. Das gilt ebenso für Olaf Böhme, den Ehemann von Herta Heuwers Nichte und Ziehtochter Brigitte, der sich am 30. Dezember 2002 eine eigene „Spezialsoße für Würste, insbesondere Currywürste“ patentieren ließ – und zwar für die Schweiz, Österreich, die Bundesrepublik und Liechtenstein. Die Geschäfte der Erfinderin der Currywurst liefen nach dem September 1949 immer besser. Daher konnte Heuwer bald mehrere weitere Imbissstände in Berlin eröffnen. Dazu kam eine Imbisshalle mit bis zu 19 Verkäuferinnen. Allerdings wurde sie damit nie reich.

Nach Jahrzehnten der Arbeit ging Heuwer schließlich am 30. Juni 1976 in den verdienten Ruhestand. Zwei Jahre später vernichtete sie sämtliche schriftlichen Aufzeichnungen über die Originalrezeptur der Spezial-Soße „Chillup“, was wohl daraus resultierte, dass sie ständig von großen Lebensmittelunternehmen bedrängt wurde, die Rechte an ihrer Erfindung zu verkaufen. Letztlich nahm Heuwer das Geheimnis um die genaue Zusammensetzung von „Chillup“ mit ins Grab, nachedem sie am 3. Juli 1999 in Berlin gestorben war, weil nicht einmal ihr eigener Ehemann über Details der Mischung Bescheid wusste.

„Kraftriegel des Facharbeiters“
Heute werden in Deutschland pro Jahr um die 800 Millionen Currywürste verspeist, davon etwa 63 Millionen allein in Berlin. Würde man all diese Würste aneinander legen, ergäbe das eine Kette von rund 120.000 Kilometern Länge, also ziemlich genau dem Dreifachen des Erdumfangs am Äquator. Die Currywurst avancierte zwischendurch sogar zum Politikum. Als der Volkswagen-Konzern 2021 beschloss, in der Kantine des Wolfsburger Vorstandsgebäudes keine Currywurst mehr anzubieten, ging ein Aufschrei durchs Land und Altbundeskanzler Gerhard Schröder setzte sich für den „Kraftriegel des Facharbeiters“ ein. Deshalb gab VW schließlich nach. Allerdings wird es wohl nicht allzulange dauern, bis der nächste Großangriff auf die von Heuwer erfundene Spezialität erfolgt. Schließlich hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung den Bundesbürgern eben gerade nahegelegt, dem Klima und der Gesundheit zuliebe weitestgehend auf Fleisch und Wurst zu verzichten.


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Kommentare

Kersti Wolnow am 01.04.24, 07:45 Uhr

Das war noch schön, als jedes Land seine eigenen Spezialitäten anbot, auch innerhalb sinds mit den Dialekten diese verschwunden.
Ich habe als Kind die Thüringer Bratwurst im Brötchen mit Senf geliebt, als ich vor Jahren wieder mal dort war, suchte ich sie vegebens und bekam nur eine ausgelaugte graue Wurst an der Tanke. Arm ist alles geworden, die gepriesene Vielfalt ist Einfalt. Curry ist eine Mixtur, die ich zum Kochen nicht verwende.
Würstchen erkenne ich nur vom Privatschlachter an. Diese industrielle Gelumpe als Essen akzeptiere ich schon lange nicht. Zurück zu kleinen Einheiten, die kontollierbar sind!!!

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