23.05.2024

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1848/49

Die Erschütterung der alten Welt

Vor 175 Jahren erfasste eine Welle von Revolutionen den Deutschen Bund und Europa – und läutete das Ende des Zeitalters der absoluten Monarchien ein

René Nehring
02.03.2023

Unter den Wendepunkten der deutschen Geschichte gilt die bürgerliche Revolution von 1848/49 nicht unbedingt als Sternstunde. Ganz im Gegenteil wird sie von den Historikern – je nach dem eigenen politischen Standpunkt mal mehr, mal weniger – gemeinhin als gescheitert angesehen. In der Tat scheinen die wesentlichen Fakten kaum eine andere Deutung zuzulassen, gelang es den Revolutionären doch weder, die Macht der Fürsten des Deutschen Bundes zu brechen und ein demokratisches Staatswesen zu errichten, noch die ersehnte Einheit aller Deutschen „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“, wie es Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1841 in seinem Lied der Deutschen beschrieben hatte, herbeizuführen.

Doch nicht nur aus einer engeren deutschen Perspektive sind die Ereignisse der Revolution von 1848/49 noch immer von großem Interesse. So erfuhr manche europäische Nation in jenen Tagen, Wochen und Monaten wichtige Impulse auf ihrem Weg zu einem eigenen unabhängigen Staat. Und da etliche führende Revolutionäre im Nachgang ihrer Niederlage aus Deutschland flohen sowie nach Nordamerika und Australien auswanderten und dort zum Teil hohe Positionen in Staat und Gesellschaft bekleideten, hatte die Revolution sogar Auswirkungen bis nach Übersee.

Doch der Reihe nach. Ihren Anfang nahmen die Ereignisse in Frankreich. Am 24. Februar 1848 fegte ein Volksaufstand in Paris die Herrschaft des „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe von Orléans hinweg, der seit 1830 regiert und unter dessen anfänglicher liberaler Politik Frankreich zunächst einen großen Industrialisierungsschub erlebt hatte, der sich jedoch mit fortschreitender Regierungszeit immer weiter von seinem Volk entfernt und insbesondere die wachsenden sozialen Probleme im Lande ignoriert hatte.

Die Revolution erreicht Deutschland

Dass nicht nur in Frankreich die Bürger unzufrieden mit den politischen Verhältnissen waren, zeigte sich schon wenige Tage später. Bereits am 27. Februar 1848, also unmittelbar nach dem Eintreffen der Nachrichten aus Paris, formulierte die selbsternannte Mannheimer Volksversammlung in einer als „Märzforderungen“ in die Geschichte eingegangenen Petition freie Wahlen, die Bewaffnung des Volkes, die Pressefreiheit, die Einrichtung von Schwurgerichten nach dem Vorbild Englands – sowie die Bildung eines gesamtdeutschen Parlaments.

Bemerkenswerterweise erkannten die Repräsentanten der etablierten Fürstenmächte im Deutschen Bund umgehend die Gefahren, die von den Ereignissen in Frankreich und Baden für ihre Herrschaft ausgingen. Bereits am 29. Februar setzte der Bundestag in Frankfurt am Main einen Ausschuss ein, der Vorschläge erarbeiten sollte, mit denen sich die Stimmung im Volk besänftigen ließe. Dies führte unter anderem zur Gewährung der Pressefreiheit und zur Aufhebung der Karlsbader Beschlüsse von 1819, zur Bestimmung der vormals verbotenen Farben Schwarz-Rot-Gold zu offiziellen Bundesfarben sowie zur Einberufung einer gesamtdeutschen verfassungsgebenden Versammlung.

Der Geist der Revolution ließ sich damit jedoch nicht mehr einfangen. Nach und nach erhoben sich die Bürger in fast allen deutschen Landen, um politische Reformen und die staatliche Vereinigung aller Deutschen zu fordern. Das Zentrum der Entwicklung lag dabei weiterhin im Südwesten und Süden. Am 1. März besetzten Aufständische das Ständehaus des badischen Landtags, am 5. März trafen sich demokratisch gesinnte Intellektuelle in Heidelberg und gaben mit der Einsetzung des Siebenerausschusses und der Verabschiedung einer programmatischen Erklärung wichtige Impulse zur späteren Wahl einer verfassunggebenden Nationalversammlung. Im benachbarten Schwaben entließ König Wilhelm I. von Württemberg am 9. März seinen leitenden Minister Joseph von Linden und berief den Liberalen Friedrich Römer zum neuen Chef der Regierung, die als Märzministerium in die Geschichte einging. Am 4. März erreichte die revolutionäre Welle dann Bayern. Nach anfänglich kleineren Unruhen in München schwappten die Proteste auch auf andere Städte im Königreich über und zwangen König Ludwig I. am 20. März zur Abdankung zugunsten seines Sohnes Maximilian II.

Unruhen in Berlin und Posen

Auch Preußen wurde in diesen Tagen von den revolutionären Ereignissen erfasst. Schon ab dem 6. März kam es zu kleineren Unruhen in Berlin. Als am 18. März vor dem Berliner Schloss ein Patent von König Friedrich Wilhelm IV. verlesen wurde, in dem dieser Reformen für Preußen versprach, lösten sich nach dem Erschallen revolutionärer Parolen unter nie geklärten Umständen zwei Schüsse. Die Stimmung der Demonstranten kippte um in offene Wut gegen die Monarchie, der Einsatz von Militär führte zur Errichtung von Barrikaden und zu blutigen Straßenkämpfen, die über 300 Menschen das Leben kosteten. Einen Tag später wurden die „Märzgefallenen“ vor dem Schloss aufgebahrt und der König gezwungen, vor ihnen den Hut zu ziehen und sich vor ihnen zu verbeugen. Zwei weitere Tage später ritt Friedrich Wilhelm mit einer schwarz-rot-goldenen Schärpe durch Berlin und bekannte sich öffentlich zur Einigkeit und Freiheit aller Deutschen.

Das Ziel, neben der Schaffung einer Herrschaft des Volkes auch die Einheit der eigenen Nation herstellen zu können, hatten nicht nur die Deutschen, sondern auch ihre Nachbarn. Vorne an die Polen, die seit ihrer dritten Teilung durch die Großmächte Russland, Preußen und Österreich im Jahre 1795 über keine eigenständige Staatlichkeit mehr verfügten. In der preußischen Provinz Posen bildete sich am 20. März ein polnisches Nationalkomitee mit dem Ziel, einen eigenständigen Staat aller Polen zu errichten. Einen Tag später begann die Aufstellung lokaler Ableger des Komitees. Am 24. März empfing König Friedrich Wilhelm eine polnische Gesandtschaft und sagte dieser eine Reorganisation der Provinz Posen als polnisches Großherzogtum zu, einschließlich einer eigenen Armee und der stärkeren Berücksichtigung von Polen bei der Besetzung führender Beamtenposten in Posen.

Da polnische Nationalisten jedoch auch gegen Deutsche und Juden vorgingen, kippte die Stimmung schnell zu ihren Ungunsten. Bereits ab dem 25. März gingen preußische Truppen gegen die polnische Erhebung vor und trafen dabei nur auf geringen Widerstand. Am 30. April löste sich das Nationalkomitee auf, in den folgenden Wochen ergaben sich nach und nach alle polnischen Aufständischen.

Österreich und die Habsburger Kronlande

In Österreich, der führenden Macht des Deutschen Bundes, begann die Revolution am 13. März mit dem Sturm auf das Ständehaus. Die größte Zäsur für die Monarchie der Habsburger war jedoch der Rücktritt des Staatskanzlers Klemens von Metternich, der zuvor rund vierzig Jahre die Geschicke des Landes geprägt hatte, am gleichen Tag. Dass dieses Ende einer Ära nicht zur erhofften Ruhe führte, lag auch an Kaiser Ferdinand I., der als führungsschwach und wenig befähigt galt, den Vielvölkerstaat an der Donau zu regieren, jedoch weiter im Amt blieb. Erst im Dezember machte er Platz für seinen Neffen Franz Joseph und übergab diesem die Regierungsgeschäfte, dankte jedoch formal nicht ab.

Dass die Habsburger gleich mehrere Völker in ihrem Reich vereinten, machte ihre Lage weitaus komplizierter als die ihrer Bundesgenossen. Bereits am 15. März demonstrierten über 20.000 Ungarn in Pest für eine größere Unabhängigkeit von Österreich. Die Anerkennung der von einem Kreis von Intellektuellen um den Schriftsteller Sándor Petöfi erhobenen „Zwölf Punkte“, die unter anderem ein eigenständiges ungarisches Parlament und eine selbstständige Regierung, die Schaffung einer eigenen Nationalbank sowie den Abzug des österreichischen Heeres und die Aufstellung einer ungarischen Armee vorsahen, bedeutete zunächst eine faktische Unabhängigkeit von Österreich.

Als kurz darauf die Ungarn selbst Schwierigkeiten mit den Minderheiten in ihrem Reich – den Kroaten, Serben, Rumänen und Ruthenen – bekamen, stellte sich Habsburg auf die Seite der Minderheiten. Am 3. Oktober kam es zum offenen Krieg zwischen Österreich und Ungarn, den Wien letztendlich 1849 – auch durch das Eingreifen der Russen auf Seiten Habsburgs – gewann. Der seit September 1848 regierende Ministerpräsident Lajos Kossuth, der die ungarische Unabhängigkeitsbewegung angeführt hatte und im Dezember 1848 dem neuen Regenten von Österreich, Franz Joseph, die ungarische Krone verweigerte, musste fliehen. Ungarn war wieder ein Kronland der Habsburger Monarchie.

Auch die revolutionären Bestrebungen in den anderen Kronländern der Monarchie waren nicht von Erfolg gekrönt. Am 17. März erklärte die Lombardei, die seit 1815 zum Königreich Lombardo-Venetien gehört hatte, in Mailand ihre Unabhängigkeit von Österreich und ihren Anschluss an das Königreich Sardinien-Piemont. Am 23. März erhob sich auch Venedig gegen die österreichische Fremdherrschaft und rief die Repubblica di San Marco aus. Österreich reagierte hier weitaus entschiedener als zunächst in Ungarn und schlug mit Truppen unter Feldmarschall Josef Radetzky (wesentlich dabei die Schlacht von Custozza am 25. Juli) den Ersten Italienischen Unabhängigkeitskrieg schon bald nieder.

Vom 2. bis 12. Juni tagte dann in Prag der Slawenkongress und forderte die Umwandlung Österreichs in einen „Bund von gleichberechtigten Völkern“. Interessanterweise forderten die Panslawisten nicht die Unabhängigkeit von Wien, sondern lediglich eine Aufwertung der Böhmen und Mährer innerhalb der Monarchie. Gleichwohl zettelten tschechische Nationalisten im direkten Anschluss an den Slawenkongress einen Aufstand mit dem Ziel der Loslösung von Österreich an. Dieser wurde jedoch bereits nach fünf Tagen von österreichischen Truppen unter Führung von Feldmarschall Alfred Fürst von Windisch-Graetz niedergeschlagen.

Das Ende der Revolution

Auch in den anderen Gebieten des Bundes fanden die revolutionären Erhebungen schon bald ihr Ende. Als im April in Baden Radikaldemokraten um die Revolutionsführer Friedrich Hecker und Gustav Struve von Konstanz Richtung Karlsruhe zogen, um die dortige Regierung zu stürzen, schickten ihnen die deutschen Fürsten ein Bundesheer entgegen, das ihren Zug im entscheidenden Gefecht auf der Scheideck stoppte. Hecker floh in die USA und nahm dort mit anderen „Forty-Eighters“, wie die emigrierten Revolutionäre aus der alten Welt bald genannt wurden, führende politische und militärische Positionen ein. Struve versuchte im September des gleichen Jahres einen weiteren Putsch, der jedoch ebenfalls scheiterte und mit der Verhaftung des Anführers endete.

Zwar kam es insbesondere in Baden noch zu weiteren Erhebungen, doch war der große Schwung der Revolution in Deutschland gebrochen. Der ab Mai 1848 in der Frankfurter Paulskirche tagenden Nationalversammlung fehlten letztlich die Machtmittel, um ihre Beschlüsse auch durchsetzen zu können. Als Friedrich Wilhelm IV. im April 1849 die ihm von der Nationalversammlung angetragene deutsche Kaiserwürde ablehnte, war der Revolution endgültig der Boden entzogen. Zwar führte dieser Schritt zu neuen Unruhen, wie etwa im Mai 1849 in Dresden, doch wurden diese nun allesamt militärisch niedergeschlagen. Als im Juli 1849 die letzten badischen Revolutionäre auf der Bundesfestung Rastatt kapitulierten, herrschte endgültig Ruhe in deutschen Landen.

Mit ihrem harten Vorgehen hatten die deutschen Fürsten gezeigt, dass sie keineswegs gewillt waren, ihre überlieferte Macht abzugeben. Auf den kurzen Frühling der deutschen Demokratie folgte schon bald die Reaktionsära. Die Nationalversammlung wurde aufgelöst und der Deutsche Bund mit dem Bundestag der Fürsten wieder eingesetzt. Der „Bundesreaktionsbeschluss“ von 1851 gab dann dem Bund gar das Recht, in die Verfassungen der deutschen Einzelstaaten hineinzugreifen und die Rücknahme der in den Tagen der Revolution erlassenen bürgerlichen Freiheiten zu ermöglichen.

Gleichwohl waren die Erhebungen von 1848 keineswegs vergebens. Auch wenn es den Fürsten in der Reaktionsära gelang, das Rad der Geschichte anzuhalten, so gelang es ihnen doch nicht, dieses Rad zurückzudrehen. Nirgendwo kehrten die politischen Verhältnisse vollständig hinter die Zeit vor dem Ausbruch der Revolution zurück. Auf mittlere und lange Sicht kamen die Fürsten nicht umhin, die neuen ökonomischen und sozialen Verhältnisse des Industriezeitalters zur Kenntnis zu nehmen – und anzuerkennen, dass die Revolution die alte Welt nachhaltig erschüttert hatte.


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Kommentare

CHRIS BENTHE am 05.03.23, 17:23 Uhr

Wichtige Nachhilfe für geschichtlich Minderbemittelte. Diese Zeit ist enorm wichtig für das Selbstverständnis der Deutschen, man sollte über sie Bescheid wissen. Am Ort des ehemaligen Zeughauses in Dresden ist eine Gedenktafel der Ereignisse von 1849 angebracht. Hier starben viele Dresdner für die Freiheit. Das soll unvergessen bleiben.

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