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Kultur

Die geadelte Kolonie der Künstler

Darmstadts Mathildenhöhe ist UNESCO-Weltkulturerbe

Dagmar Jestrzemski
05.08.2021

Deutschland hat fünf weitere Welterbestätten erhalten. Auf seiner Sitzung in der chinesischen Stadt Fuzhou nahm das Unesco-Welterbekomitee das Jugendstilensemble der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt zugleich mit den Kurorten Baden-Baden (Baden-Württemberg), Bad Ems (Rheinland-Pfalz) und Bad Kissingen (Bayern) in die Welterbe-Liste auf. Letztere wurden mit acht anderen europäischen Kurorten als „Große Bäder Europas“ mit dem Welterbetitel ausgezeichnet.

Zwei Tage später folgte die Aufnahme der römischen Grenze des Niedergermanischen sowie des Dauau-Limes sowie der mittelalterlichen jüdischen Friedhöfe und Bauzeugnisse in Mainz, Worms und Speyer in die Welterbeliste. Die drei Städte am Rhein bildeten im Mittelalter das Zentrum des Judentums in Europa.

Die Entscheidung für die Künstlerkolonie Mathildenhöhe als Welterbestätte sollte bereits auf der letzten Sitzung des Welterbekomitees 2019 fallen, war aber auf 2020 verschoben worden. Corona-bedingt fiel die Konferenz dann aus. Auf der diesjährigen Online-Doppelkonferenz erhielt die Künstlerkolonie Mathildenhöhe als eines der wichtigsten Zentren moderner Architektur und Kunst des frühen 20. Jahrhunderts nach erneuten Diskussionen den erhofften Welterbetitel.

Unter dem Begriff Künstlerkolonie versteht man in diesem Fall sowohl die Bebauung der Mathildenhöhe mit Wohnhäusern der damit beauftragten Künstler und Architekten sowie mit Ausstellungs- und Ateliergebäuden von 1899 bis 1914 als auch die Künstlergemeinschaft selbst.

Offenbar hatte der Internationale Rat für Denkmalpflege Icomos, der das Komitee der Unesco fachlich berät, eingelenkt und seinen Einwand zurückgezogen. Dieser richtete sich auf den ursprünglichen Managementplan der Stadt Darmstadt zum Schutz und Erhalt der Künstlerkolonie Mathildenhöhe. Icomos hatte die Lage des geplanten Besucherzentrums im Bereich der Kernzone des Ensembles beanstandet. Ein Zentrum an dieser Stelle wurde als Störfaktor im Architekturpark mit dem Hochzeitsturm als Wahrzeichen Darmstadts angesehen. Daraufhin hatten die Planer einen revidierten Entwurf mit einem kleineren, etwas weiter abseits gelegenen Besucherzentrum eingereicht.

Juwel der Lebensreformbewegung

Das Gesamtkunstwerk Künstlerkolonie Mathildenhöhe ist eine weltweit einmalige Manifestation des Aufbruchs zu neuzeitlichen Bau- und Wohnformen um 1900 und gilt als Ausgangspunkt für modernes Industriedesign. Die Entstehung dieses Juwels der Lebensreformbewegung ist dem kunstsinnigen Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt zu verdanken. Unter dem Leitspruch „Mein Hessenland blühe und in ihm die Kunst“ erwartete er aus der Erneuerung der Kunst in allen ihren Zweigen eine wirtschaftliche Belebung für sein Land.

1899 lud er sieben junge Jugendstilkünstler ein, auf dem Gelände der Mathildenhöhe, der mit 180 Metern höchsten Erhebung in der Darmstädter Innenstadt, als Künstlergemeinschaft zu leben und zu arbeiten: Peter Behrens, Paul Bürck, Rudolf Bosselt, Hans Christiansen, Ludwig Habich, Patriz Huber und Joseph Maria Olbrich.

Unter später wechselnder personaler Zusammensetzung der Künstlergemeinschaft entstand in nur 15 Jahren auf dem „Musenhügel“ ein einmaliges architektonisches Ensemble mit modernen Bau- und Wohnformen, gestalteten Gärten mit Skulpturen, Innenarchitektur und Design. Auch die 1897 erbaute Russische Kapelle gehört zu dem Komplex.

Bereits 1901 fand die erste von vier Ausstellungen unter dem Titel „Dokument deutscher Kunst“ statt. Errichtet waren bereits die von Olbrich erbauten Wohnhäuser der Künstler und das Ernst-Ludwig-Haus, ehemals Ateliergebäude und später Museum der Künstlerkolonie Darmstadt, sowie das von Behrens erbaute Haus. Die ständige Ausstellung im Ernst-Ludwig-Haus dokumentiert die Geschichte und das Wirken der Künstlerkolonie und vereint Malerei, Skulptur, Grafik, Buchkunst, Möbel, Textilien, Porzellan, Schmuck und Goldschmiedearbeiten des Darmstädter Jugendstils.

Noch bis zum 28. November ist die Sonderausstellung „Raumkunst – Made in Darmstadt 1904 bis 1914“ zu sehen. Das Gebäude selbst mit seiner beeindruckenden Südfassade, flankiert von zwei gewaltigen Monumentalfiguren des Bildhauers Ludwig Habich, ist ein eindrucksvolles Beispiel der Kreativität des Architekten Olbrich, der im Juli 1908 im Alter von nur 40 Jahren an Leukämie starb.

Neben dem 1908 fertiggestellten Hochzeitsturm wurde bis 1908 auf dem ehemaligen Wasserreservoir von 1880 ein Ausstellungsgebäude errichtet, in dem sich das heutige Institut Mathildenhöhe befindet, ein international ausgerichtetes Mehrspartenhaus der bildenden und angewandten Kunst. Neben der Betreuung und Verwaltung der herausragenden Kunstsammlung der Stadt Darmstadt ist das Institut ein Ort der Erforschung, Präsentation und Vermittlung von Kunst und Kultur seit dem frühen 20. Jahrhundert.



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