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Kennt zu jedem Stück der Sammlung eine Geschichte: Rosi Zgorzelska
Foto: CWWKennt zu jedem Stück der Sammlung eine Geschichte: Rosi Zgorzelska

Östlich von Oder und Neiße

Die Gold-Rosi Oberschlesiens

Aus einer alten Scheune wird das Heimatmuseum der Deutschen in der Republik Polen schlechthin

Chris W. Wagner
30.12.2022

Für Rosi Zgorzelska aus dem oberschlesischen Friedersdorf [Biedrzychowice) bei Oberglogau [Głogówek] ist Weihnachten die schönste Jahreszeit. So organisiert die Aktivistin der Deutschen Minderheit und Oberglogauer Stadträtin in ihrem Heimatmuseum „Pfarrscheune“ alljährlich einen Weihnachtsmarkt. In diesem Jahr ließ sie die Tradition des Wagenrad-Adventskranzes wieder aufleben, so wie sie es aus ihrer Kindheit kennt. Auf dem Wagenrad haben 20 rote und vier weiße Kerzen Platz, die an den entsprechenden Tagen von Dorfkindern angezündet werden. 

Vor 20 Jahren hat Zgorzelska das Heimatmuseum gegründet. Anfänglich wollte sie die Dorfgemeinschaft aktivieren und Friedersdorf im Wettbewerb „Schönstes Dorf der Woiwodschaft Oppeln“ noch besser dastehen lassen, das damals ohnehin zu den saubersten Ortschaften der Region zählte. Davon können sich Durchreisende an der Hauptverkehrslinie von Cosel nach Neisse besonders an Sonnabenden überzeugen, wenn nach alter deutscher Sitte traditionell die Straße gekehrt und die Blumenrabatten, die noch vor den Gartenzäunen direkt am Straßenrand angelegt sind, gejätet und gewässert werden.

Neben der Pfarrei, die zur barocken, katholischen Mariä-Himmelfahrt-Kirche gehört, moderte seit Jahren eine ungenutzte Scheune vor sich hin. Zgorzelska erkannte als Vorsitzende des Deutschen Freundschaftskreises (DFK) in ihr den perfekten Treffpunkt für die Ortsgruppe und fand rasch viele helfende Hände. Die Friedersdorfer renovierten nicht nur den ehemaligen Getreidespeicher, sondern bauten auch das Gebäude aus, in dem einst Heuwagen und Kutschen Unterstand fanden. Gelder dafür konnte Zgorzelska aus EU-Töpfen, dem Staatshaushalt der Republik Polen für landwirtschaftliche Zwecke und von der Woiwodschaft Oppeln generieren. „Plötzlich hatten wir ein dreistöckiges Gebäude zur Verfügung, für das ich längst einen Plan hatte. Seit sieben Generationen in Friedersdorf – da hat sich einiges an Familienandenken gesammelt“, so Zgorzelska, die fast das gesamte Museum aus eigenen Beständen bestücken konnte. Bald schon organisierte sie in der Pfarrscheune Veranstaltungen für Schüler, die hier erfahren, wie man einst in Oberschlesien lebte. In einer originalgetreu nachgebauten Küche können sie Omas Rezepte ausprobieren, Brot backen oder Obst einweckten. 

Weit über die Grenzen des Landkreises hinaus sind ihre Sonderausstellungen bekannt. Die Präsentation zum Ersten Weltkrieg besuchte selbst der einstige deutsche Botschafter in Warschau, Rolf Nickel. Zuletzt stellte sie schlesisches Porzellan aus. „Darauf bin ich besonders stolz, denn es besuchen uns Menschen aus dem ganzen Land. Wir hatten Gäste sogar aus Japan und Neuseeland“, freute sie sich. Selbst die Corona-Politik hat Zgorzelska nicht davon abhalten können, ihr kulinarisches Projekt durchzuführen. „Es haben fast 50 Leute daran teilgenommen. Für die Europäischen-Erbe-Tage haben wir in der Zeit einen Film herausgebracht, der von fünf Friedersdorfern handelt, die es zu etwas gebracht haben“, zählte sie auf. Auch eine Publikation mit schlesischen Gerichten gehört zur Gemeinschaftsarbeit im Rahmen der Museumsprojekte. „Meinen Beitrag dafür habe ich allgemein den oberschlesischen kulinarischen Traditionen gewidmet, besonders den Getränken, Likören und Eingewecktem konzentriert. Das Buch enthält Rezepte, die man in unserem Dorf und in Oberschlesien zubereitete, wie beispielsweise der Ostermarzipan“, sagt sie. „Eine Dorfbewohnerin hat neben dem Rezept auch die Originalformen aus dem 19. Jahrhundert beigesteuert, die man für dieses Gericht verwendete“, berichtete sie. 

Neu geplant wird eine Graphik- und Aquarellausstellung des Oberglogauers Max Rauer Pollak. „Erst wollte er Pfarrer werden, wechselte dann aber zur Kunst. Während seines Studiums an der Breslauer Kunstakademie wurde er einberufen und an die Ostfront geschickt. Neben seinem Gewehr trug er stets Bleistift und Papier bei sich und zeichnete, was er im Krieg sah“, sagte Zgorzelska, die bereits 2018 einige seiner Zeichnungen erwerben konnte. Nun hat Pollaks Witwe Christine Schafer, ebenfalls eine Oberglogauerin, dem Friedersdorfer Heimatmuseum weitere Kriegszeichnungen übergeben. Die Sonderausstellung ist für 2023 in der Pfarrscheune geplant. 


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Kommentare

sitra achra am 10.01.23, 15:25 Uhr

Wenn es mit der niedrigen Geburtenrate so weitergeht, kann man die Deutschen ohnehin bald nur noch im Museum besuchen.

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