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Nie war das Empire mächtiger als während ihrer Regentschaft. Vor 125 Jahren starb die Ausnahmemonarchin und neunfache Mutter
Prinzessin Victoria kam am 24. Mai 1819 im Londoner Kensington-Palast als Tochter des nur wenige Monate nach ihrer Geburt verstorbenen Herzogs Eduard von Kent und der Prinzessin Marie Luise Victoria von Sachsen-Coburg verwitwete Fürstin zu Leiningen zur Welt. Niemand sah in der jungen Victoria die zukünftige Königin von Großbritannien, weil man von Eduards älterem Bruder noch Thronerben erwartete.
Doch König Wilhelm IV. von Großbritannien und Hannover starb 1837 kinderlos, und somit wurde seine 18-jährige Nichte vom Lord Chamberlain zur neuen Königin von Großbritannien ausgerufen. Victorias Onkel hatte die beiden Königreiche Großbritannien und Hannover noch in Personalunion regiert. In Hannover galt aber, anders als in Großbritannien, ausschließlich die männliche Thronfolge. Erst wenn alle männlichen Nachkommen ausgestorben wären, dann hätte Victoria auch in Hannover den Thron besteigen dürfen.
Somit endete 1837 die 123-jährige Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover, und Königin Victorias Onkel, Herzog Ernst August von Cumberland, bestieg als neuer König in Hannover den Thron. Als Herzog im Oberhaus und als Mitglied des Geheimen Rates leistete Ernst August direkt nach dem Tod seines Bruders Wilhelm IV. der jungen Königin Victoria den Treueeid. Damit nahm er seinen Gegnern den Wind aus den Segeln, die über ihn behaupteten, er plane einen Staatsstreich, um seinem verstorbenen Bruder als König von England zu folgen. Trotzdem blieb das persönliche Verhältnis zwischen Königin Victoria und König Ernst August zeitlebens angespannt und schwierig. Erbstreitigkeiten, protokollarische Differenzen und die Weigerung Ernst Augusts, seine Wohnung im St. James's Palace aufzugeben, könnten hier maßgeblich gewesen sein.
Unerwartete Thronfolge
In einem Zeitalter noch ohne Fotoapparate malten viele Künstler die kleinwüchsige junge Monarchin als klassische Schönheit. Ihre prachtvolle Krönung 1838 in Westminster Abbey malte Charles Robert Leslie übertrieben romantisiert (s.o.).
Victoria war erst 18 Jahre alt, als sie Königin wurde. Sie wurde aber wegen ihrer jugendlichen und selbstbewussten Erscheinung immer populärer. Dank ihrer klugen Berater traf sie richtige Staatsentscheidungen.
Glückliche Ehe mit Prinz Albert
Zwei Jahre nach ihrer Krönung begegnete sie ihrem deutschen Vetter Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Sie fand ihn sofort attraktiv und verliebte sich in ihn. Am 10. Februar 1840 wurden beide im Londoner St. James's Palace getraut. Prinzgemahl Albert sah nicht nur gut aus, er wurde ihr leitender Berater und engster Vertrauter. Sein politisches Urteilsvermögen und sein scharfer Verstand festigten Victorias Regierungsstil, der Großbritannien in eine Epoche führte, die man noch heute als das viktorianische Zeitalter bezeichnet. Das Ehepaar bekam in den folgenden 17 Jahren neun Kinder. Die Königin und Albert erzogen ihre Kinder nach strikten, aber liebevollen Prinzipien. Beide glaubten an eine gute Bildung und eine strenge Erziehung, um ihre Kinder auf ihre zukünftigen Rollen als Monarchen und Mitglieder der königlichen Familie vorzubereiten. Das Familienleben war für beide besonders wichtig, und Victoria malte unzählige Bilder von ihren Kindern für die Familienchronik.
In Hannover entschloss sich König Ernst August nach kurzer Krankheit, England einen Besuch abzustatten. Er hatte diesen bereits seit längerer Zeit geplant und ihn mehrfach immer wieder kurzfristig verschoben. Für die britische Regierung war es wichtig zu wissen, wann genau Victorias Onkel seine Reise nach England plane und welchen Status Ernst August nach seiner Ankunft wählen würde. Am 2. Juni 1843 kam er unangemeldet vor der englischen Küste an, sodass Alice, eine Tochter von Königin Victoria, bei der er Pate hatte stehen wollen, bereits getauft war, als er eintraf. König Ernst August betonte, dass er als Herzog von Cumberland und britischer Staatsbürger streng inkognito England einen Besuch abstatte und an einer Sitzung im Oberhaus teilnehmen wolle. Der Besuch begann deshalb in einem Missklang, und Ernst August wurde am Hof nicht willkommen geheißen.
Bei der Hochzeit seiner Nichte Prinzessin Augusta, die eine Tochter des Herzogs von Cambridge war, kam es zu einem sehr denkwürdigen Zusammentreffen zwischen Ernst August und Victoria. Der Prinzgemahl Albert drängte sich vor den hannoverschen König Ernst August, um sich zuerst in das Gästebuch einzutragen, und der König übte sich in Genugtuung, dass er bei dem feierlichen Zug aus der Kapelle schnell den Arm von Königin Victoria ergriff. Diese Begebenheit schien das beiderseitige Verhältnis in einer Weise belastet zu haben, dass Victoria der hannoverschen Krone gehörende Juwelen zunächst weiter vorenthielt. Der englische Hof war schließlich froh, als Ernst August seine Heimreise nach Hannover wieder antrat.
Kluge Heiratspolitik
Mithin verfolgte die Königin eine kluge und weitsichtige Heiratspolitik. Sechs Kinder der sogenannten Großmutter Europas heirateten in deutsche Fürstenfamilien ein. Königin Victoria hatte vor allem gegen die Politik des preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck große Abneigung, und sie sah in der Ehe ihrer ältesten Tochter Victoria – Vicky genannt –, die 1858 den späteren preußischen und deutschen Kronprinzen Friedrich Wilhelm heiratetet, der 1888 für 99 Tage als Deutscher Kaiser und König von Preußen Friedrich III. den Thron bestieg, die besten Chancen, ein stabiles und liberales Deutschland zu schaffen. Allerdings war ihre Vorstellung von einem liberalen Deutschland eher an das britische Modell angelehnt und nicht unbedingt an die liberalen Bewegungen in Deutschland.
Schon bald musste die friedliebende Monarchin schwerwiegende politische Entscheidungen fällen. Sie entsandte zwischen 1853 und 1856 englische Truppen auf den Kontinent und vertrieb die kaiserliche Armee des russischen Zaren von der Krim. Innerhalb von drei Jahren verloren 170.000 Soldaten ihr Leben. Davon verstarben 100.000 Soldaten nicht im Kampf, sondern an Seuchen und Krankheiten. Die englische Armee verzeichnete einen Verlust von weit mehr als 20.000 Soldaten.
Kaiserin von Indien
1857 brach in Indien ein großer Aufstand aus, der als Sepoyaufstand in die Geschichte einging. Das Aufbegehren der Inder richtete sich gegen die Herrschaft der britischen Ostindien-Kompanie. Nach der Niederschlagung des Aufstandes durch die britischen Besatzungstruppen löste der Government of India Act von 1858 die Ostindien-Kompanie auf und Britisch-Indien wurde offiziell zu einer britischen Kronkolonie ernannt. Königin Victoria und die englische Öffentlichkeit setzten sich mit den Ereignissen in Indien viel stärker auseinander als mit dem Krimkrieg, obwohl die britische Opferzahl in Indien viel geringer war. Die Königin forderte für die Niederschlagung mehr Augenmaß und kritisierte das unchristliche Rachegelüst der britischen Soldaten. Am Ende des Konflikts verloren mindestens 800.000 Inder, sowohl bei dem Aufstand als auch bei den folgenden Hungersnöten und Epidemien, ihr Leben.
Im Jahre 1861 starb Victorias geliebter Ehemann Albert an Typhus. Mit seinem Tod verlor sie nicht nur einen treuen und liebevollen Partner, sondern auch einen Ratgeber und Mentor. Victoria zerbrach beinahe an ihrer Trauer und zog sich nach Schloss Windsor zurück. Für den Rest ihres Lebens trug sie Schwarz, und in der Öffentlichkeit zeigte sie sich nur noch selten.
1876 präsentierte der britische Premierminister Benjamin Disraeli Victoria den Titel einer Kaiserin von Indien. Vor dem Hintergrund, dass ihre älteste Tochter mit dem deutschen Kronprinzen verheiratet war und Vicky einmal an der Seite ihres Mannes Deutsche Kaiserin werden sollte, schlug Königin Victoria den ihr angetragenen indischen Kaisertitel nicht aus. Im Verlauf des viktorianischen Zeitalters beherrschte Großbritannien ein Viertel der Erde und war das mächtigste Land der Welt.
Auf Schloss Balmoral fand die Königin Victoria als Witwe erneut das Glück. Ihr schottischer Diener John Brown half der Königin, die Trauer zu überwinden. Er wurde ihr ergebener Freund.
1897 feierten die britische Nation und das ganze Empire Königin Victorias 60. Herrschaftsjubiläum. Sie hatte länger über Großbritannien geherrscht als jeder andere Regent vor ihr. Noch im hohen Alter war Victoria viel auf Reisen. Sie war zeitlebens eine pflichtbewusste Königin. Als politisch unerfahrenes Mädchen gekrönt, hat sie miterlebt, wie sich ihr Königreich durch den radikalen Fortschritt der Industrialisierung gewaltig verändert hatte.
Victoria verstarb am 22. Januar 1901 im Alter von 81 Jahren. Auf eigenen Wunsch hin wurde sie in einem weißen Kleid mit Brautschleier neben Prinz Albert im königlichen Mausoleum begraben, das sie nach seinem Tod im Park von Schloss Windsor errichten ließ.
Heinrich Prinz von Hannover, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, Königlicher Prinz von Großbritannien und Irland, ist ein Urururenkel von Queen Victoria und König Ernst August I. von Hannover. Er arbeitet als Verleger in Göttingen.